Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr, 49

JUGEND

1000

/. Daschner f

König Derbst

DerDerbstwind saust, das Fensterklingt —
Dun scblagt das Glas in Scberben!

Mem so wie uns die Seele klingt»

Kann nicbt in Dotb verderben!

Wet lautem Sturm und MättertaU
Mag mancber Trübe klagen,

Tins will das Leben überall
Sieb nie und nie versagen,

Wekränzt das Daar mit rotbem Mein»
Dein letzten troben Laube,

And bringt ein Docb dem Lonnenscbetn
And singt ein Lied der Traube!

Lasst alle Freunde bier und dort
Aus vollem Iberzeu leben
And euer jubelnd Menscbenvvort
von grosser Güte beben!

i

And ob der Derbst Aernicbtung sät,

Ans scbäumt der Most im Ilrruge —

Mir kommen seiner Majestät
Docb mancbes Glas im Luge.

Sein Sturm erbraust, das Fenster klingt —
Dun scblagt das Glas in Lcberben!

Mein so wie uns die Seele klingt»

Dann nicbt vor ibm verderben!

Franz Evers

Bekehrung

Von Clara Eyscil

>Us war im Centrnm Berlln's, in einer jener
W. verkehrsreichen Nebenstraßen, Wo nur sehr wenig
daran erinnert, dciß Berlin eine elegante und
lebensfrohe Stadt ist, in einer jener Straßen, wo
Lastwagen, abgenutzte Droschke-wOwester Klasse,, die
auffälligen, n'.i'.'rir'iKn Buchstaben bemalten Traiis-
.porigefahrte großer Geschäfte, sich durcheinander-
schicben, wo auf dem -Trottoir rüpelhafte, unge-
ivaschene Kinder sich balgen, wo die Passanten eiliger
und noch mehr gedrückt von der Last des täglichen
Lebens dahinschreiten als anderswo, — kurzum, in
einer Gegend, die für das „arbeitende Berlin"
charakteristisch ist,

.hier wohnte schon seit Jahren die Wittive Nitzschke
in einem von Staub und Rauch grauschwarz an-
getuschten Hause, neben dessen unsauberem Eingang
mißfarbige Zettel sich breit machten mit vertrauen-
erweckenden Inschriften wie: Freundlich möblirtes
Zimmer zu vermiethen 2, Etg, r, Hochherrschaftlich
möblirtes Zimmer mit Knbinet per sofort 3, Etage i,
Zimmer mit Alkoven II. l, Schlafstelle für anst.

Md, Hof III r. Die Frau „machte eigentlich kein
Geschäft aus dem Vermiethen", wie sie Jedem
versicherte, der in dieser Angelegenheit zu ihr kam

— aber sie that es, wahrscheinlich aus purer
Menschenfreundlichkeit, Augenblicklich waren ihre
beiden Stuben vermiethet, die zweifenstrige an eine
Confectioneuse, die einfenstrige an eine barmherzige
Schwester,

Die Confectioneuse — nun wie Berliner Con-
fectioneusen einmal sind: gute Figur, leidlich hübsch,
und wo die Naturanlage nicht ausreichte in unbe-
fangener Weise mit Lilienmilch, rouge fiu de tMatre
und dem Schwarzstift nachgeholfen, dazu ein wohl-
feiler Chik der Kleidung, Helle Blusenhemden, flache
Matrosenhütchen mit gesticktem Tüllschleier und
gelbes Schuhzeug, das wie „echt Wiener" aussah,
obgleich es in einem billigen Bazar erstanden war.
Natürlich war Fräulein Mimi — eigentlich hieß sie
Marie, aber Mimi klingt doch pikanter — „verlobt"

— mein Gott, ein allein stehendes junges Mädchen
ist ja in der Großstadt «"» uxrrathen und verkauft

— und wenn dieser Berioore in dem einen Quartal
auf den Namen Adolf, im andern aus Emil und
im dritten auf Otto hörte, so war daran eben nur
die Wnnkelmüthigkeit der männlichen Natur schuld.

Auch die Barmherzige war genau so, wie Barm-
herzige sein sollen: ein rundliches, rosiges Gesicht-
chen, von steundlichen braunen Augen erhellt, von
glattgebürsteten braunen Scheiteln umschlossen, von
der weißen, steifgestärkten Haube gar sittsam über-
dacht, Das dunkelblaue Kleid, das zwar die Figur
über Gebühr verhüllte, die weiße Schürze und der
breite weiße Kragen standen ihr allerliebst: ihre
Stimme war sanft und gedämpft — der ganze Ein-
druck war der der bescheidenen, selbstverleugnenden
Nächstenliebe, Sie war zwar keine Ordensschwester,
sondern eine einfache Privatpflegerin, nahm es aber
trotzdem mit ihrem Berufe so ernst wie möglich.

Die Zimmer der beiden lagen nebeneinander,
durch eine Thür verbunden, die aber von jeder
Seite mit einem wohlfeilen, birkenen Kleiderschrank
verstellt war. Sie sähen sich nur zuweilen auf dem
Corridor, aber sie hörten jeden Ton, der aus einem
Zimmer in das andere drang, und dies genügte,
um jede mit einem verächtlichen Mitleid für die
andere zu,erfüllen.

War Frl, Mimis Bräutigam verhindert ge-
wiesen, mit jhr den Abend zu verbringen, so daß sie
vom Geschäft nach Hause ging, so hörte sie
wohl, während sie den kalten Aufschnitt aus dem
Papier wickelte und mißmulhig mit ihrem eiusämen
Abendbrod begann, wie Schwester Emma mit halber

Chr. Wild

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Stimme sich irgend etwas, gewiß sehr Frommes
vorlas, Zuweilen hatte die Barmherzige auch Nacht-
wachen zu besorgen, von denen sie erst morgens
zurückkam, gerade zu einer Zeit, wenn die kleine
Confectioneuse sich für den Weg zum Geschäfte die
imitirt Dänischen zuknöpste, und diese faßte dann
ihr Urtheil über die Schwester in dem Gedanken
zusammen: Jott, wie man nur so furchtbar dumm
sein kann, sein Leben mit so was hin zu bringen,

hatte aber Frl, Mimi nach einem vergnügten
Abend erst etwas spät ihre heimischen vier Pfähle
aufgesucht, so erwachte Schwester Emma aus ihrem
leichten Schlaf, den sie durch ihren Beruf erworben
hatte, faltete die Hände und betete recht inbrünstig:
Lieber Gott, rechne der armen Verblendeten ihr
sündhaftes Leben nicht an, sie weiß ja nicht, was
sie thut.

Eines Sonnabeilds war Frl, Mimi wirklich
etwas bedenklich spät, und recht animirt nach Hause
gekommen, Schwester Emma war darüber erwacht,
und die Sorge um die Seele ihrer Nachbarin hatte
sie nicht wieder einschlafen lassen.

Nachdem sie aus dem Vormittagsgottesdienste
zurückgekehrt war, klopfte sie an die Nebenthüre,
Das Durcheinander von abgeworfenen Kleidungs-
stücken und gebrauchter Wäsche, das sich am Fuß-
boden und auf den abgenutzten, mit bunten Dekm
rationsshawls aus geschmückten, rothen Plüschsessel»
präsentirte, däuchte sie zwar greulich, dennoch ging
sie muthig auf die Besitzerin zu, die sich gerade die
Stirnlocken brannte und ihr nun erstaunt entgegen-
rief: „herrjeh, was verschafft mir denn die Ehre?
Nu, da setzen Sie sich man hin, wo Sie Platz finden,
Werfen Sie den Krempel einfach vom Stuhle
runter,"

In bescheidener Haltung saß die Barmherzige
da, und fing nun an, mit jener sanften, eindring-
lichen Stimme, die bei den Wöchnerinnen und
Schwerkranken, die sie zu verpflegen hatte, fast nie
ihre Wirkung verfehlte, auf die junge Verkäuferin
einzureden, wie deren weltliches Wesen sie so tiei
bekümmere, daß das Heil ihrer Seele ihr doch mehr
iverth sein sollte als die sündhaften Vergnügungen
der Großstadt, und ob sie beitu gar nicht daran
denke, daß sie alt werden könne und es dann mit
diesem Leben zu Ende sein werde?

„I wo, das hat ja noch gute Weile, aber gerade
darum will ich mein bißchen Jugend genießen.
Für das Andere is später noch genug Zeit," er-
ividerte ganz logisch Frl, Mimi, die inzwischen so
weit mit ihrer Toilette gekommen war, um die
Taille zuzuhaken,

„Aber der Herr reicht einem doch nicht immer
die Hand, und wer es einmal versäumt sie zu er-
greifen, weiß nicht, ob sie ihm später noch einmal
geboten wird,"

„Na, dann wird's ja wohl auch ohne gehen,"

„Aber Fräulein Mimi, Sie wissen nicht, ivas
Sie sagen,"

„Na, wenn ich mit meinem Bräutigam diesen
Nachmittag nach Schlachtensee fahre und ivir uns
da riesig amusiren, so kann ich noch nicht einsehen,
was daran so sündhaft sein soll. Jeder nach seinem
getit,"
Christian Wild: Zeichnung ohne Titel
Joseph Daschner: Herbst
Clara Eysell: Bekehrung
Franz Evers: König Herbst
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