Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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1900

Nr. 49

Denn um des eignen Nimbus wegen
Das X verwandeln in ein U,

Dem Gegner Böses unterlegen,

Denn lugen muß ein Kerl, wie Du!

Doch daß Du unfern Herrn und Meister
In Deine Kirchcnliste buchst,

Und ihn, den Freisten aller Geister,

Zum Pfaffenknecht ;u machen fuchst;

Daß Du den Göttlichen vertheidigft,

Als thät' ihm Deine Hilfe noth,

Und ihn durch freche Huld beleidigst,

Du kläglich winziger Zelot!

Daß Du es wagst, auf ihn zu schauen,

Als zählte er zu Deinem Stamm —

Dafür gehörtest Du verhauen,

Herr Pfarrer Waubke — aber stramm I

„Jugend“

Der Laiser von China dekretiert

— .Kabeltelegramm (aber kommentirt) —

Dic Prinzen Dnan sowie Dschwang
verlieren beide ihren Rang

(Als verantwortliche Regenten jetzt,

Werden lebenslänglich gefangen gesetzt;
vor Rümmer »nd vor Reueschmerzen
Sterben sie sofort an gebrochenem Herzen,

Und flugs per Seelenwandrung wandern sie
Zn — einen sichern Tbeil der Monarchie.)
Den Prinzen zweiten Grads Lien
will nimmer in seinem Rang ich sehn:

(Statt des zweiten, der ihm wird genommen,
Soll er den ersten Rang bekommend

. JUGEND .

Der Herzog Dsailau und Pmgmiang
Bleiben gleichfalls nicht im Rang:

(Zum neuen Zahr statt der Pfauenfeder
Erhält die gelbe Zack' ein Zeder.)

Der Dschaorschurschiao wird degradirt,

(Doch weil er gar so, gut hat massakrirt)

Als Beamten will ich ihn beibehalrcn,

(Gehalt, Bezüge, alles bleibt beim Alten.)
Dagegen muß der lsthüfien
An dic fernste Landesgrenze geh',,:

(Damit beileibe nicht die Späher
Erwischen ihn der Europäer.)

Den Rang-Z kann ich leider nicht büßen,
Denn er ist todr (und läßt Euch grüßen),

Hei-Wei-

Der Erbe?

Run kündet auch Liebknecht junior
Dem Reiche wüthcnd die ffehde,

Er hielt ihm all' seine Sünden vor
Zu Leipzig in einer Rede!

Er hat den Genossen Geschichten erzählt,

Als stünden wir mitten im Vormärz;

Drum sei er auch flugs in den Reichstag gewählt
Und wohlbestallet beim „vorwärts"!

Er erbte vom Vater, darauf ist verlaß,

Zhr deutschen Sozialdemokraten,

Die alten Lügen, den alten Haß
Und die alten Radomontaden!

von ihm ist die nöthige Garantie
Für's Heil des Volkes geboten —

E s lebe die erbliche Monarchie
Zm Zukunftsstaate der Rothen! ».

Vir fordern hiemit die Oeffentlichkeit, auf mit
uns eine Conjunctur auszunützen, die wohl beispiel-
los genannt werden darf.

Seit Jahren besteht — nicht nur am hiesigen
Platz, der freilich der grösste Consument ist —
eine sich immer steigernde Nachfrage nach
Ritualmorden seitens Abgeordneter. Bürger-
meister, Gemeinderäthe und vor allem Publi-
cisten, ohne dass das Angebot auch nur im ent-
ferntesten genügen würde. So war man sogar
genöthigt mit nicht ganz neuer Waare Vorlieb zu
nehmen; allein auch einige gut conservirte Artikel
aus dem sechzehnten Jahrhundert können dem
dringenden Bedürfnisse unserer Oeffentlichkeit
nicht abhelfen. Es ist daher gewiss, dass un-
sere Waare reissenden Absatz finden würde,
und das bewegt uns, zur Gründung der „Ritual-
mord-Company-limited“ zu schreiten.

Wir werden mit der Fabrikation auf zweierlei
Weise Vorgehen: erstens durch Ausnützung ge-
schehener Morde, zweitens durch Erfindung
unleugbarer Thatsaclien.

Wir hoffen bestimmt, dass die Bevölkerung
Wiens, die für unser Streben soviel Antheil ge-
zeigt hat, auch Antlieile zeichnen wird. Eine
Haftung der Theilnehmer ist, der österreichischen
Gesetzespraxis entsprechend, nicht anzunehmen.

Die Fabrikatsmarke zeigt eine goldene Bürger-
meisterkette und ein in Gebrauch gewesenes Schächt-
messer, sowie einen grossen Jesuitenhut.

Die Antheilzeichner erhalten ausser ihrer Di-
vidende in Geld, Mandaten und allgemeiner Acht-
ung auch noch an den bei jeder communalen Bla-
mage — also beiläufig allwöchentlich — statt-
findenden Festen ein kaltes Goullasch mit einer
warmen Hede des Herrn Bürgermeisters von Wien
gratis servirt.

Der geschäftsführende Ausschuss

der „Ritualmord-Company-Iimited.“

I. A.:

Ludwig Bauer (Wien)

£

Neues von Serenissimus

Serenissimus machte einst in seinem Parkteiche
mit Kindermann eine kleine Ruderpartie. Höchst-
derselbe saß am Ruder, während Kindermann
das Steuer führte. Al? Serenissimus eine kleine
Weile gerudert hatte, ließ er ungnädig das Ruder
fallen. „Müssen, hä . . komisch steuern, lieber .
Kindermann . . hä . . . hä ., Schiff geht ja fort-
während nach rückwärts . .

Corruption Jeanniot

„So'n Kerl, der Stierstädter! Ich sag Ihnen, meine Herrn: es wird immer schlimmer
in Deutschland — nn kann mer sich auch nich mehr verlassen uf de Polizei!"
H.: Der Erbe?
Her-Wer: Der Kaiser von China dekretiert
Monogrammist Frosch: Titelvignette zum Text "The Ritualmord-Company-Limited"
Ludwig Bauer: The Ritualmord-Company
Jeanniot: Corruption
[nicht signierter Beitrag]: Neues von Serenissimus
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