Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 51

JUGEND

1900

Ecknifnn-Schüler H. B.

Der Gekrönte

von eines kunstgeweihten Tenipels Stufen
Stieg er herab: der Sieger im Gesang.

Jur abendlichen Dunkel dicht gedrängt,

In laugen Reihen harrte sein die Menge,
wohin er lächelnd schritt, da brannte,

Brausend im Anprall, die Begeisterung;

Der Fackeln Gluth urnslog die hohe Stirn
Ganz wie das düstre Flackerlicht des Ruhms.

Hub mit ihm ging die lvoge ihres Zurufs
Und trug ihn wie auf holdbewegter Fluth.
Erstiegen war der Gipfel — und vergessen
war das verschwiegne Elend langer Jahre,

Sein nie belohntes Ringen nur den Preis,

Der Massen Stumpfsinn, Niedertracht und Hohn.

Des Volkes Gunst erhob ihn über Alle

Und trug ihn nun gewiß zum fich'ren Hafen.

Und wie er dankend, lächelnd schritt dahin,
Hört' er Gelächter neben sich — Gelächter....
Hört' er dergleichen nicht irr frühem Tagen?

Und einen Mann erblickt' er bald, bedrängt
von einer Schaar von Spöttern. Und sie riefen:
„He Freundchen, schau: So sieht ein Dichter ans!
Betracht' ihn recht! Allein, wie ist mir denn?

Du bist ja „auch" ein „Dichter"! Wenigstens
Glaubst Du es selbst I Ja willst Dn denn denr Sieger
Nicht Deinen Gruß entbieten? Nicht.die Hand
Ihm reichen als ■— Kollege? Hahahaaa!"

Und lauter scholl das Lachen.

Der Geschmähte

Sah fern in's Dunkel, bleich bis in die Lippen;
Die Seele war noch jung genug zum Schmerz.

Der Sieger kannte nicht den so Verhöhnten,
Nicht seines Liedes Kraft. Allein er kannte
vortrefflich Stimm' und Antlitz jener Edlen.

Das waren ganz dieselben breiten Fratzen,

Die in den Morgen seines jungen Glaubens
Hineingegrinst, dieselben Stimmen waren's,

Die ihm das reine, adlerfrohe Nerz

Mit Geifer überströnit. Der Pöbel war es,

Der ungeheure, der nicht Götter hat,

Nein, selbstgemachte Götzen nur, und der
Des Götzen Füße nicht kann küssen, ohne
Mit Eselshnfcn hinten anszuschlagen.

Der Seele Gleichgewicht verlangt es so.

Und sah er überall nicht gleiche Züge?

Auch hier — und hier — ? Und solch Gesindel

pries ihn

Und hob ihn jauchzend himmelhoch empor-

Da griff in des Gekrönten Herz das Heimweh
Nach seines Kummers reinen, stolzen Tagen,
Heimweh nach tiefer Nächte heiligen Schatten,
Nach ihrer Stimmen, ihrer Sterne Gruß.
Heimweh nach seines Glaubens Morgenröthen,
Nach hohen Festen seiner Einsamkeit,

Nach jener Iünglingsthräne, die nicht fließt,
weil sie des Auges Gluth zu rasch verzehrt
Heimweh nach bitt'rcm Jubel, trotziger Lust,
Nach reicher Noth und königlicher Schmach.

Und Heimweh zog sein Herz zu seinen Brüdern,
Die er verlassen, die in Staub und Hunger,
verhöhnt, verfolgt in dunkler Tiefe keuchten,
Indessen er auf freier Höhe stand —

Ansstreckt' er jäh die Hand, daß der verhöhnte

Sie jäh ergriff mit dankbewegter Hast.-

wenn hohe Kraft die Schöpferseele füllt
— Trägt auch der Menge Gunst ihn bis an's Ende —
An seiner Frühe Leiden hängt sein Herz,

Bei den verschmähten ist sein Heimathland.

Ott» Ernitt

Die Rache bleibt nicht aus

von Selma Lagerlös

s war ein langes und recht breites Thal. An
seiner einen Seite erhob sich eine Reihe zackiger
Küstenberge, an der anderen ein gleichmäßig hoher
First, den dichter Wald deckte. Unten im Thale stand
eine Kirche und ringsum war eine weite offene
Gegend, in der aller Wald ausgerodet war.

An einem Sonntagabend war es, und der Son-
nenuntergang lag brennend hinter den Küstenbergen.
Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Hütten
geschlafen hatten, traten vor die Schwelle, streckten
sich und spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob
von irgend einer der vier Ecken der Welt Tanz-
musik erschallte. Wem es glückte, einen einzigen
Geigenton auszusangen, der machte sich davon über
die schmalen, schneeigen Dorswege, und kam daun
wie von Ungefähr dahergegangen, langsam und be-
dächtig, aber die „Tanzhütte" als sicheres Ziel im
Sinn.

So kam Gruppe auf Gruppe durch die Thüre
Arilds des Köhlers am Waldessaum hereingeglitten.
Da fragte Niemand darnach, wer kam; der neue
Gast stand ein Weilchen unten an der Thüre, ge-
wöhnte die Augen an den Ranch, der sich unter
dem Rauchsange hervorwälzte und in das Zimmer
qualmte, bis er den Weg zu dem Loch im Dache
fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling
auch in's Spiel. Der Reihentanz ging über den
Erdboden, das Stroh war weggetreten, die Ferkel
hatte man von der Grube unter das Dachlvch ge-
schasst, wo sie sich am liebsten anfhielten; großer
Schwingraum war nicht, aber Arild selbst spielte
die Geige, und der Tanz verlief drinnen im Winter-
quartier ebenso gut, als er an einem Sommerabend
über den Waldeshang gegangen wäre.

Arild hatte eine Frau, die Tora hieß, sie pflegte
sich immer in eine dunkle Ecke zu verkriechen, wenn
er zum Tanze lud. Sie war leuteschen und schreck-
haft, war fast immer als Hirtin im Walde nuiher-
gezogen und stand im Rufe mehr sehen zu können,
als Andere.

An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt,
sie versteckte sich nicht, sondern saß vorne beim Ka-

min, wo die Flannne dicht neben ihr brannte. Es
war wenig Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht,
die Augen, die hell wie Wasser waren, blickten leben-
dig, und sie bewegte die großen Hände, während
sie sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sic
aus den Reihen der Tanzenden und kamen heran,
um sie zu begrüßen.

Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt
sie fest, bis sie das erzählt hatte, was ihr diesen
Morgen geschehen war. Es bereitete ihr Verlegen-
heit, cs herauszubringen, aber gleichzeitig war sic
doch so stolz darauf, daß sie cs nicht verschweigen
konnte.

Den Leuten siel es sonst schwer das Lachen zu
verbeißen, wenn sie erzählte, was sie gesehen und
geträumt hatte. Nun sollte man sich aber überzeu-
gen, daß ihre prophetische Gabe etwas werth >var.

Als sie im Morgengrauen dalag, hatte sie ge-
träumt, daß ihre drei Ziegen droben im dichten
Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jämmer-
lich meckern gehört, daß sie erwachte. Als sie nun
nachsah, erblickte sie sofort alle Ziegen in ihrer Hürde
unten an der Thüre, und sie hatte ja zuerst gedacht,
dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. Aber dann
kam eine Unruhe über sie: „Nein, nein, das ist ein
bedeutungsvoller Traum," hatte sie zu sich selbst
gesagt.

Dannt tvar sie nnfgestanden, hatte sich in Fell-
kleider gehüllt, das Nebelhorn über die Schulter
geworfen und war in den Wald hinauf gewandert.
Sie war vom Wege abgewichen, nach der Anweisung
des Geistes gegangen und nahe daran gewesen, sich
im Dickicht zu verstricken. Sie lachte leise, als sie
das erzählte. Wußten sie, tvas das ivar, im dichten
Walde vom Wege abzukommerr? Grundloser Boden,
der bei keiner Kälte zufror, Gestrüpp, das jeden leeren
Raum zwischen den Stämmen ausfüllte, Schnee-
hausen und Wurzeln rmd stechende Dornen und
nmgestürzte Bäume, so >var es oben im Wald.

„Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,"
sagte sie. „Kommt und seht, was ich dort fand."
Sie führte ihren Gast die Reihen der Tanzenden
entlang hin zu dem Bette, das mauersest war und
durch Thürcn geschützt. Sie öffnete die Thüre,
leuchtete mit einem Kienspan, und da sah man drin-
nen drei Männer liegen. Sie waren Alle in zer-
rissenen Fetzen, abgemagert waren sie, so daß die
Backenknochen schwarze Schatten ans die Wangen
warfen, aber ihre Züge waren kühn und schön.
Sie schliefen so, daß weder der Tanz, noch Toras
Vorzcigen sie wecken konnte.

„Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im
Dickicht fand," sagte sie. „Es sind drei arme Ge-
sellen, die sich im tiefen Walde verirrt haben und
dort acht Tage umhergew^adert sind. Wäre ich
nicht gekommen, würden sie jetzt tobt sein. Den
ganzen Tag habe ich Essen für sie gekocht, und jetzt
schlafen sie. Seht, wie sie schlafen."

„Es ist Gottes Gnade, die Dich sie retten ließ,
Tora," sagten ihre Gäste.

„Gott tvollte, daß ich nicht allezeit
zum Gespött sein sollte," sagte das

Weib.

So verstrich der Abend. Aber als
die Schlafenszeit herankam, da ward
die Freude unterbrochen. Die Thüre
wurde mit Macht anfgestoßen, und
ein langer, großer Mann kam herein.
Selma Lagerlöf: Die Rache bleibt nicht aus
H. B.: Zierleiste
Otto Ernst: Der Gekrönte
H. B.: Vignette
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