Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 5.1900, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 864
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1900_2/0417
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Nr. 52

JUGEND

1900

Das Märchen

/&$ ist darauf und daran, wieder Mode zu wer-
.w, den, das Märchen. Wenn es nur nicht ein
anderes wäre, als das alte, das wir so sehr ver-
gessen haben! Wenn cs nur nicht so fatal nach
Weihrauch und Ambra röche, anstatt nach Schnec-
lnft und Tannenhauch. Wenn es nur mehr dem
Willen entsprösse, als dein Widerwillen, den: Wi-
derwillen gegen allzuviel Wirklichkeit und allzu
peinliche Echtheit. Der Wille zur Jugend ist des
Märchens Wiege; nicht ein mildes, blasirtes, run-
zeliges Greisenthum, das ilnmer blas „überwin-
den" möchte. Und der Wille zur Jugend fluchet in
goldigem Lichte durchs deutsche Märchen.

Wenn es Abend ward, imb die Sonne ihr
letztes Roth über spitze Giebeldächer gos; und von
den Thürmen die Glocken läuteten, da saßen die
Kinder um die Mutter und lauschten deutschen
Märchen. Im Ofen ein verlockendes Knistern von
Bratäpfeln und ein feiner, warmer Duft. Das
war eine Feierstunde. Mochte die Mutter eben die
Näharbeit weg gelegt haben, mit der sie ihren
Unterhalt verdiente, mochte sie als begüterte Pa-
triziersfrau den voin Contor hcimkehrenden Gatten
erwarten — es war derselbe deutsche Feierabend
mit den deutschen Flachsköpfen lind den deutschen
Bratäpfeln und bcm deutschen Märchen . . .

Eins, zwei, drei — im Sauseschritt .. . Den
Feierabend verschlingt der five o’clock tea. Oder
den Feierabend verschlingt noch das Rasseln und
Häniincrn der Maschine. Die Kinder liegen auf
der Straße oder in der Obhut der Bonne. Lernen
müssen die einen — ach, es gibt so viel zu lernen
in unserer Zeit: Litteratnr nlid Brandmalerei,
feines Betragen »lid aparten Geschmack — ver-
dienen sollen die andern. Und zwischen beiden ist
das deutsche Märchen erwürgt lvorden. Die Mutter
kann keins mehr erzählen. Sie hat keine Zeit dazu.
Und weil sie die niemals hat, so ist allmählich
auch die Fähigkeit verkümmert. Es ist wie mit
der Frau, die ihr Kind nicht mehr an der eigenen
Brust stillt. Sie unterläßt cs, ivcil gesellschaft-
liche „Pstichtcn" sie zurtickhalten, und gar bald
vermag sic cs nicht mehr.

Ulid doch — ivciß sie, was sie ihrem Kinde
vorenthält? Wenn cs nicht an ihren eigenen
Brüsten getrunken hat? Wenn es nicht ans ihrem
Munde das deutsche Märchen gehört hat? O es
gibt mehr Todsünden »lid andere, als die Lehre
der Kirche sich träumen läßt! Um wieviel ärmer
ist solch ein Würmchen! Nicht an Geldschätzen,
oder an intelligenten Ganglienzellen, oder an feinen

Allüren. Aber an Gesundheit und an Ecmüth.
Ich wage es, das alte schöne Wort Gemüth.

Wer den Schatz der deutschen Feierstunde mit
ihrem deutschen Märchen noch mit hinaus genom-
men hat, der weiß, was es heißen muß, all das zu
entbehren. Oder könnt ihr andern nachfühlen, was
für ein Glück das ist, wenn bei den gewaltigen
Akkorden des Fenerzaubers die ganze Schönheit
Dornröschens in uns eniporsteigt? Wenn im
heißen Pargnet die Kinderstube lebendig wird, und
wir in der gigantischen Mythe wiedererkennen, was
einst in lieblicher Verhüllung die Matter als ein
deutsches Märchen uns erzählte? Oder wenn in
die modische Nordlandsreise.solch ein altniodischcr
Schinnner fällt, hervorgezaubert durch den gc-
hcimnißvollen Streifen röthlichcn Lichts, der in
der nordischen Juninacht den Horizont säumt >vie
eine ferne wabernde Lohe?

Wieviel Neues erschließt sich da noch dem
reisen Verstandei Der wundersame Gegensatz von
Nord und Süd im germanischen Wesen, der dort
die Waberlohe und hier die Rosenhecke, dort die
Walküren und hier das Schloßsrüulein, dort Sieg-
fried und hier den Märchenprinzen gestaltet. Der
ans einem gewaltigen Drama dieses zanbervoll
anmnthige Idyll formt, ans so viel tiefsinniger
Sittlichkeit so viel leichtherzige Schönheit! Aber
freilich, keine ethnologische Studie soll das sein,
die am Schreibtisch über Büchern bedächtig an?-
geheckt wird: mit dem Herzen müßt ihr es em-
pfinde», und ihr könnt es nicht, wenn euch nicht
die Märchenschönheit selber im Herzen sitzt, un-
austilgbar von Kindesbeinen an, tm harten All-
tagskummer vielleicht manchmal schlummernd ivie
ein Dornröschen, dann aber wiedererivachend von
dein Zauberknß einer glücklichen Stunde, und trun-
ken vor Seligkeit ....

Da mag der Ranhrcif glitzern oder Schnee
stöbern, und Frau Holle steht vor uns, wie sie
lustig die Federn schüttelt; da mag der Wald dich
umfangen, und Rothkäppchen blickt dich an mit
seinem unschuldigen Auge, oder die Flechten an
den Zweigen erzählen dir von Rübezahls wildem,
grauen Bart; da mag das ewige Meer dich grü-
ßen. und in schmerzlichem Zittern mischen sich in
sein Rauschen die Glockentöne der sündigen Vineta.
Und alles das in dem köstlichen Rahmen jener
Stunden, wo es uns zum ersten Male begegnete,
mit dem Abendglanz auf Giebeldächern und dem
Knistern duftender Bratäpfel und dem lieben, herr-
lichen Gesicht der erzählenden deutschen Mutter . .

Wir können nicht zurück, und wollen auch nicht.
Aber nicht jede Last wirft der Wanderer zu Recht
von sich, und nicht alles Vergangene ist überlebt.
Wenn die Herbsttage kommen mit ihrem traurigen
Gesicht, dann trösten die goldenen Fäden, die uns

Selbstüberhebung als überflüssig erscheinen mögen.
Es kommen Stunden, wo das Gepäck ans den
Schultern sich zu leichten Schwingen entfaltet, und
eine solche Stunde wird für das Märchen immer
und immer wieder erscheinen. Es kann mehr Trost
liegen in einem Märchen, als der schönste Bibel-
vcrs spendet, und mehr Erkenntnis; in einem Mär-
chen, denn in der scknbersten philosophischen Gc-
dankenreihe.

. Der Genius der modernen Griffelknnst, May
Klinger, hat uns ein unsterbliches Blatt gezeichnet
An die Schönheit, nannte er's Ein nackter Mensch
kniet vor der großen, gewaltigen Natur. Es ist
die höchste Sehnsucht, die in uns wohnt: daß mir
vor dem neuen Gott, an den wir glauben und
zu dem wir noch nicht gelernt haben zu beten,
so überwältigt hinsinken könnten. Vielleicht ist
noch langes Harren bis zu dieser Stunde. Aber
kein nnthätiges sollte es sein. Wie sprach doch
der Gott Israels durch MaleachiS Mund? Siehe,
ich will meinen Engel senden, der vor mir Her-
den Weg bereiten soll. Auch der neue Gott, der
Natur in sich und sich in Natur hegt, hat seine
Engel. Und einer von ihnen ist schon oft genug
erschienen. Es ist die deutsche Mutter, die ihren
Kindern deutsche Märchen erzählt- Sie ist noch
nicht todt, kann nicht todt sein in der Tanie des
five o'clock tea, und nicht im Proletarierweibe.
Sie schläft nur, und wird erwachen. Frühlings
ErwachenI Denn ewiger Frühling ist das deutsche
Märchen, unverwelkbare Jugend. Ein Leuchten
ist in ihm, ivie in Kinderaugen, und ein Tönen,
wie in Kindesjubel. Und cs ist etwas Göttliches
in allem Kindlichen. Ernst Gystrow

Aenncheiis Himmelfahrt

(Rach einer wahren Begebenheit.)

„In Hur und Mantel, kleines Aennchcn,
"Wohin soll denn die Reise gehn?

Was schaust Du immer nach dem Himmel?
lila» kann nicht in die Sonne sehn".

„Ich nehme mir die große Leiter
Und steig zum Himmel hoch hinaus,

Ich will den lieben Gott besuchen,

Dann mach ich schnell die Sonne auf.

Dann guck ich in sein großes Zimmer:

Gun Tag. du lieber Herrgott du!

Er schenkt mir was. Dann sag ich, danke,
Und mach die Sonne wieder zu."

3. Loewenbcrg

8 64 [■

Gerlrud Kleinhempel (Dresden)
Jakob Loewenberg (Löwenberg): Ännchen's Himmelfahrt
Gertrud Kleinhempel: Zierleiste
Ernst Gystrow: Das Märchen
loading ...