Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 6.1901, Band 1 (Nr. 1-26)

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1901

JUGEND

Nr. 6

Audiatur et altera pars!

u6ev'v^r'2 ö"' „Jugend" hat Herr Ernst Gystrow
werm"^ germanische Sangeslust viel Beherzigens-

ryes gesagt. Es ist wahr, daß der Deutsche die
^rlichkeiten der Schöpfung viel intensiver besingt,
‘ls er sie genießt, daß der Philister im Lande nicht
-'U lehen weiß. Wer sich, wie ich, ein wenig das
Geschwätz der Leute in Kunstvereinen und Ausstell-
jungen zum Studium gemacht hat, der weiß, wie
Iremd auch den Gebildeten die Natur ist, der weiß,
e'aß sie noch nicht einmal gesehen haben, wie grün
das Gras und die Bäume sind, wie blau der
Himmel und wie bunt die Blnmeupracht des
Sommers sein kann.

Im Innersten weh gethan hat mir aber die Be-
hauptung,des Versassers, daß das Fahrrad das
schauen bis auf den letzten Rest begrabe,
d?ß es für die ästhetische Erziehung egal sei, ob
die Leute am Skattisch, oder im Radsattcl sitzen,
weil sie die Natur durchrasen, die Landschaft nicht
llhen, weil der Kilometerrekord ihre Sehnsucht be-
herrscht. Mit Verlaub: daS ist absolut nicht so,
sondern ganz anders. Die Chqusseeflöhe nnd
Strampelbrüder, welche, die Nase auf dem Vorder-
reifen und das Steißbein in der Luft, blindwllthig
durch die Geographie rasen, rcpräsentiren nicht den
deutschen Radfahrer, die Kilometerfresser, die nichts
genießen, als die Ziffern auf den Meilensteinen,
gehören denn doch zu der Minderheit. Hnudert-
lansende aber führt das Fahrrad zum Naturgenuß,
gerade Solche, -bie sonst von der Natur nichts zu
sehen bekämen. Man genießt ans dein Fahrrad
die Natur anders, als zu Fuße, gewiß! Aber man
genießt sie doch — wenn man eben schauen und
noch etwas kann! Das Blüinlein am Wege, alles
Detail der Landschaft wird dem Fußwanderer mehr
Freude bereiten, — dafür empfängt des Radlers
Auge wechselreichere, größere Bilder, erfreut sich an
einer unendlichen Mannigfaltigkeit perspektivischer
Verschiebungen und Ueberraschungen. Mit einer mä-
ßig anstrengenden Tagestour kann er eine Fülle von
verschiedenartigen Herrlichkeiten sehen, zu welchen der
Fiißivanderer drei scharfe Marschtage braucht, lind
dabei sitzt der Radler doch nicht immer im Sattel..
So manche Steigung zwingt
ihn zum Absitzen und macht
ihn z»m Fußgänger, wie der
Andere einer ist, und oben auf
der Höhe verathmend, sieht er
die weitausgespannten Lande
zu seinen Füßen mit dem glei-
chen Genuß. Die Straße von
München nach Gauting, ein
viel befahrener Weg, fällt bei
letzterem Ort steil in's Würm-
thal ab und es bietet sich ein
prächtiger Blick über das Thal
und die fernen Hügel. Und au
ledem schönen Sonntag Mom
ßen sieht man da ein Paar
Dutzend Radler im Grase ste-
llen und —schauen! So ist's
un vielen andern Orten. Nein,
es ist nicht gleich für die ästhe-
tische Erziehung, ob man ra-
delt oder Skat drischt! DaS
Fahrrad führt den in die er
wachende Morgenherrlichkeit,
der sonst ein Langschläfer war,
es hält ihn hen Tag über im
«dreien, wo er immer und im-
»>er sehen muß, wenn er nicht
geradezu die Augen zumacht;
ss führt uns auch vermöge
lenier Schnelligkeit an Orte,
d>e wir sonst nie sehen wür-
den, über Wege, die wir mei-
den lvürden, weil sie weit und
jwattenlos sind, es führt den
?«ochenmüden in herrliche Ein-
tumkeiten, in denen unendlich
">elcHz„ genießen ist — immer

Eines vorausgesetzt! Daß der Nadler dabei auch
körperlich sich gehoben fühlt, seine Lungen dehnt
und seine Kräfte spürt, daß ihn dabei auch die Be-
siegung von Schwierigkeiten und Entfernungen freut,
das ist doch kein Unglück. Ich meine, es erhöht
ihm die Freude am Schauen, wie dem Alpinisten
die Ueberwindung eines schwierigen Gipfels die
Freude an einer schönen Aussicht verdoppelt.

Nein und nochmals nein! Das Radfahren hat
das Schauen nicht getödtet, es hat Unzählige die
Augen aufmache» gelehrt und Unzähligen tausend-
fache Ursache gegeben, die Augen aufzuniachen.
Blos Eins gehört dabei zum Radfahren:

Daß man's kann! Han*

Die Cabarets

Die Cabarets! Das ist das Pariserischste von
Paris, so urpariserisch, so durchaus national, daß
man es in Deutschland natürlich sofort nachnhmen
will. Vortrefflich, aber dann müssen uns die Herren
vom Ueberbrettl auch nebenbei eine andere Cultur
und Geschichte machen. Die Kräfte, die in Deutsch-

land sich im Volkslied so herrlich bewährten, fanden
in dem mehr der Oeffentlichkeit zuneigenden Charak-
ter der Franzosen ihren Ausdrück im dramatischeren
Chanson. Das Volkslied verkümmerte, das Chan-
son gedieh. Man braucht nur an Beranger's sehr
theuren Namen zu erinnern. Heute sind die Chan
sonniers des tjuartier latin viel diskreter und seiner
als die ungleich bekannteren des Montmartre, die wohl
durch die Fremdenindnstrie zu manchen Geschmack
losigkeiten verleitet wurden. Aber im Allgemeinen
ist das Chanson, hier wie dort, eine sehr feine nnd
graziöse Gattung, der sich Lyrik nnd Satire mühe-
los anpassen lassen. Hoch über Rohheiten und Ge
schmacklosigkeiteu unserer deutschen Chantants stehi
dieses Genre, das mit der Kunst alte, legitime und
fruchtbare Beziehungen unterhält. Heute ist es eine
ganz entzückende Sache, skeptisch, liebenswürdig und
graziös — aber ohne jede natürliche Innerlichkeit. Die
Seele wird durch eine oft sehr seine Sentimeutnlität
ersetzt, und diese allerliebste Kunst ist so unfruchtbar
wie dieses große Volk, in dem der natürliche Trieb
alles Lebens — fruchtbar zu sein nnd sich zu ver-
mehren — erstorben zu sein scheint. Man wird in
den lyrischen Chansons das Herz und in den politi-
schen den Zorn vermissen. Die Leidenschaft, die
einzige, gesunde und zeugende Kraft, fehlt immer.
Dazu hat dieses Volk zu viel erfahren und ist viel
zu klug. Es glaubt an die Liebe eben so wenig,
wie an eine politische Richtung. Alles ist eitel; mid
die Skepsis zieht durch alle bald wehmüthigen, bald
geistreichen Reflexionen über Menschlichkeiten. Der
Fanatismus ist diesen Gesängen eine unbekannte
Sache nnd die Begeisterung beinahe komisch. Sie
sind sehr klug, aber sie bieten keine Gefühle, sondern
nur Abstraclionen, oft sehr richtige und ironische
Beobachtungen des Lebens und der Relativität alles
Seienden. Und gar die politischen Bänkel! Alle
Parteiführer und Publicisten sind den Chansonniers
nur Charlataue der Oeffentlichkeit, possierliche Clowns.
Das Chanson ist unparteiisch, Waldcck nnd Roche-
sort, Drumont und Zola, die allzu lange unsterb-
liche Bernhardt und Coquelin — sind ihnen komische
Figuren, über die, man allerlei perfide Witze reißen
kann. Diese Kunst der Jugend ist sehr greisenhaft
und Deutschland möge noch lange da-
vor bewahrt bleiben, eine ebenso feine
und kühle Kunst zu haben... Schließ-
lich hat ja dieses Volk das Recht, müde
zu sein. In nicht viel mehr als hun-
dert Jahren hat daS Quartier minde-
stens an einem Dutzend Revolutionen
und Revolten mitgeholsen und da daS
„Wunderbare," das sie sich davon er-
hofft hatten, immer ausblieb, so sehen
sie jetzt in allen Politikern nur Ge-
schäftemacher oder Narren. Die einen
sind Minister oder Deputierte, die an-
dern wollen es lverden — es ist
imnier dasselbe, nicht der Mühe werlh
sich darüber aufzuregen und kaum
amüsant genug, darüber zu lachen.
Die Welt ist ein großer Käsig von
Uabotins. lind so denkt fast das ganze
Volk; eine große Verachtung liegt wie
eine graue Wolke über Paris. Mag
sich Rochefort mit seiner ewigen „tüe-
naille" heiser schimpfen; Herr Loubct
kann ruhig sein. Paris ist zu müde,
Revolutionen zu machen. Lall» —
sie sind nicht mehr neu und lang-
weilig ...

ARNOLD BCECKLIN

Starken Herzens, stillen Blickes
Theist' er Licht und Schatten aus —

Filippo Cifariello (Rom)

Meister jeglichen Celchickes
Schloß geiallen er das ffaus!

Gottfried Keller

Käme in Frankreich eine Umwälz-
ung, so müßte der Anstoß von außen
kommen. Das Land ist seit langem
dazu zu träge. Auch des dritten Na-
poleons Kaiserreich ward nicht von
Nocheforts ..Läutern«" angeziindet:
der Blutstrom von Sedan hat es weg-
geschwemmt in das Meer Geschichte'.

Paris, Ende Januar 1901

Eudwig Bauer

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Ludwig Bauer: Die Cabarets
Hanns (Hans): Audiatur et altera pars!
Filippo Cifarielo: Arnold Böcklin
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