Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 2

JUGEND

1902

Illelcincholie

Von Eudwig ?ulda

[Tlelancholie, mit Deinen Tcftwarzen Schwingen,

[loch ehe Deine Schweller wich, die Dacht,

Schwebff Du herab, mir, wenn ich halb erwacht
Aus dumpfem Schlaf, den ITlorgengrufj zu bringen.

Bär' ich mit feiler Slockenffimme klingen
Dein altes Lied auch heut? £s hat die [Dacht,
Rings um der Sonne morgenliche Pracht
mir einen dichten, dunklen Flor zu fchlingen.

Sch möchte vor Dir fliehn, dem Dicht entgegen;
Sedoch umfonft greif ich zum Wanderftab:

Du folgft mir nach mit schweren Fliigelfchlägen.

Willff Du mich freu geleiten bis zum Srab?
Und fühlt am £nde dankbar Deinen Segen,
Wer müd genug sich kampflos Dir ergab?


Jfus f). D. Gboreau’s nachgelassenen Cagebucbblättern

Deutsch von Emma Emmerfch

Natur oder Menschen, — die Einen )iehen
die Eine vor, die Ändern die Ändern. Doch
das itt alles de guftibus. Es ist einerlei,
aus welcher Quelle wir trinken, wenn es
nur ein Urquell ift.

Jch habe immer gefunden, dah die so-
genannten betten Manieren die schlechtesten
sind, denn sie find nur Schalen ohne die
.Hutter. Sie decken keinerlei Geben )U. Sie
find die wahren Sklavenhalter, welche die
Menschen wie Dinge behandeln. Niemand
tariert Dich niedriger, als der Mann von
guten Manieren. Das find die Merkzeichen,
mit deren Riffe er Dich ignoriert und wo-
runter er selbst verborgen bleibt.

Jd) kam heute auf der Strahe an einem
ganz kleinen Jungen vorbei, der eine haus-
gemachte Muhe aus Murmelthierfell auf hatte.
Das Lchier war sicher vom (later oder dem
älteren Bruder erlegt worden und die Mutter
oder die ältere Schwester hatten das Seil
zu einer hübschen warmen Mütze «erar-
beitet. Sie muhte mein Interesse erwecken,
sie erzählte so ein Stückchen Samilien-
geschichte, das Äbenteuer mit dem (shier,
der nicht ohne Übertreibung abgefahte
Bericht darüber die Siebe der Eltern

für den Jüngsten und ihre zärtljche Sür-
forge in dieser harten Jahreszeit. Johnng
hatte oft eine Mütze versprochen bekommen
und jetzt war das Werk vollendet, ein voll-
kommenes, kleines Jdyll, wie man zu sagen
pflegt. Sie war weit und rund, groß ge-
nug für des Jungen (later, eine Ärt Schild
aus Cuch war daran geheftet. Das Ober-
theil der Mütze war augenscheinlich das in
der Gänge zusammengezogene und in der
Breite ausgedehnte hintertheil des Murmel-
thiers; und fah so frisch und nett aus, als
ob das Murmelthier selbst es trüge. Die
langen grauspitzigen haare waren alle wohl-
erhalten und ragten über die braunen hin-
aus, nur ein bihchen lockerer als im Geben;
als ob der Junge, nachdem er Schwanz und
Beine abgefchnitten und den Kopf durch ein
Sd)ild ersetzt hatte, feinen Ropf in den Bauch
des Thieres gesteckt hätte. Der kleine Kerl
trug cs in lauterer Unschuld, ging trippelnd
feinen kleinen geschälten nach, und als ich
eine Bemerkung machte, wie gut warm das
fein müsse, funkelten feine schwarzen Äu-
gen darunter hervor, wie die des Mur-
melthiers es wohl gethan hätten. So
sollte jedes Rleidungsftück, das wir
tragen, feine gefchichte haben.

Gertr. Kleinhempel (Dresden)

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Gertrud Kleinhempel: Zierrahmen
Ludwig Anton Salomon Fulda: Melancholie
Henry David Thoreau: Aus H. D. Thoreau's nachgelassenen Tagebuchblättern
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