Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 12 (Redaktionsschluss: 12. März 1902) » JUGEND • 1902

(.Zentrumsabg. Sickenberger, bei Berathung des Schuldotationsgesttzes im bayr. Landtag: „Gefreut bat es mich, daß Abg. Wagner wieder feine Pfarrers-
köchin hereingeführt hat, die doch sonst sehr eingezogene Geschöpfe sind." ^Ungeheuere Heiterkeit.))

Deutsche Spezialität

Abg. v. Scheie (weife) in der Reichstagssitzung v.
>2. Zebruar: „Daß dieZfoiirung des Deutschen
Reiches immer mehr zugenommen hat, bestätigen
auch die letzten Ausführungen des Reichskanzlers
zur allgemeinen politischen Lage und seine Aeußer-
ungen über den Dreibund. Geht das so weiter,
so wird Deutschland vielleicht wirklich
bald vor dem Bankerott stehen, worüber
der „Simplizifsimus" schon gespottet hat."

Es faßen zusammen in guter Ruh
Einmal ein Franzos und ein Brite
Leim funkelnden wein und ein Deutscher dazu
Und schwatzten von heimischer Sittel
Da wußte ein Jeder vom Vaterland
Viel Gutes und Schönes zu sprechen,

Doch ehrlichen Sinn's auch ein Jeder gestand
Seine» Volkes Wunden und Schwächen I

Der Brite:

Wohl wird unserm Volke zu dieser Frist
Auf Erden gar wenig gehuldigt
Und blutiger Habgier und arger List
wird wüthend Altengland beschuldigt —

Doch müßt Ihr gestehen: sei'» Schmach

oder Ehr',

wir haben's in -Eintracht getragen,

wir „Rrämer," wir pflegten nicht lange vorher

Nach Rechnung und Rosten zu fragen,

Und drückten die lastenden Sorgen uns schwer —
wir waren zu stolz, um zu klagen I

Der Franzos:

Mag sein, daß wir eitle Gesellen sind,

Und daß wir uns keck überheben I
wir rufen manch prahlendes Wort in den wind,
Statt nüchtern der Wahrheit zu lebenI
wir Heyen und hassen, auf Vorthcil bedacht,
Einander in ewigem Streite —

Doch gilt es des Landes Ehre und Macht,
Verstummt, was uns just noch entzwci'te.

Und gern wird das größcste Opfer gebracht,
Ja, gerne! Von jeglicher Seite!

Der Deutsche:

wir sind auf der Welt nicht die Letzten heut'
An Macht und an wagen und wissen!

Und wehe dem Feinde, der frech uns bedräut,
Lang' soll er die Antwort nicht missen I
wir wettern ihm über sein Schächcrhaupt
Mit guten teutonischen Hieben —

Doch weh' auch dein Deutschen, der kühn

sich erlaubt,

Im Frieden sein Deutschland zu lieben!
Bei uns schlägt der Haß auf das eigene Reich
Die Thatkraft der Treuen in Bande,

Gilt's eitlen Gesellen als Hcldenstrcich
Seinen Ruhm zu wandeln in Schande I

Da sahen die Beiden verwundert d'rein
Und schüttelten leise die Röpfc:

„Gäb's wirklich drüben über dem Rhein
So wahnwiyumnachtete Tröpfe,

Die hämisch genug sind und hcrzcnsroh,

Solch trauriges Handwerk so treiben —
Herrgott! Sind die Deutschen in

Wahrheit so —
Herrgott, laß die Deutschen so bleiben!"

II ermann

Klassischer Stoss-Seufzer

des Prinzen fieinricb nach seiner anstrengenden Reise

Ich kam, sah und siegte, — aber:

Noch ein solcher Sieg, und ich bin verloren!

Aktuelles, höchst lebendiges Repertoire

Montag: „L ebensHunger" v. Fedorow.
Dienstag: „Das Leben ein Traum" v. Eal-
deron.

Mittwoch: „Der Traum ein Leben" v. Grill-
parzer.

Donnerstag: „pariser Leben" v. Gffenbach.
Freitag : „LebendeStunden" v. Arthur Schnitzler.
Samstag: „LebendeBilder" imTrianontheater.
Sonntag: „Le den sw ende" v. Max Halbe.
Montag: „So ist das Leben" v. wedekind.
Dienstag: „Es lebe das Leben!" v. Suder-
mann.

„Und der Strauß mutz heftifl drücken,

Bis das große K! geiegt." wjg,. g^r», „Flpps”

Brief

der Pfarrerkathl an ihren früheren Schatz

Sehr geährter Herr Ivastl.

Etz laß mir ainal a Ruah mit deine Briaf,
etz pfeif i auf di, i bin in den geistlichen Stand
tretten.

Arbet gibt's gnna, i muaß für zwoa sorgen,
für den Herrn Pfarrer und den Ropratcr, und
die ham an guaten Apentit, der Ropratcr is wia
ansghungert, und Bsuach is manchmal aa no da.

Und snnst aa no so viel z'thucn mit der Boli
dik, bis i meim Pfarrer beibracht Hab, was er
im Landtag z'thuen hat, und bis i die Gmoa in
Drdnung halt, solltst net glauben, was da alls
fürkimmt, was mir net paffen ko.

Und gebüldet bin i etz aa, der Herr Roprater
und wenn er no so müed is setzt si an mci Bett
und lernt mir Hochdeutsch. Und der Herr Pfarrer
is aa^ recht z'frieden mit mir und hat mir ans
der Zeitung vorg'lesen, wie im Landtag einer
g'sagt hat, a Pfarrer hätt ihm gsagt, er hätt
zwoa Röchina, a feine zum Mrgel spielen
und a gwöhnliche fürn Haushalt, und
da hat der Herr Pfarrer gsagt, Hab ka Angst,
Rathl, mir brauche kaue extrane znm (Urgelspiclen,
d » b i st mir musikalisch gnna.

woaßt lvastl so a Person wia etz i ane bi
da kannst du nimmer hinschmecken derzua, mi
Ham scho mehra Leut erst kenna lerna müesscn.
Hat da neuli so a Schmalzdemokrat im Landtag
gsagt, in am Dorf waaren die q Grundpfeiler
derpfarrer, der Bürgermeister, der Leh
rer und der lvirth - dem Hab i an Briaf
gschriem der werd gschaut Ham und wo denn i
bleiben that und ob er ebbe meinet i waar 's
fünft Rad am wagen? Und Überhaupts die
Kirchenfeind! Sagt da der Dokter Glich der
Ratekllsmnß wcret allweil dicker und die
Religion allweil dünner — schaug uns amal
an, mi und mein Pfarrer, wia mir znanehme,
und etz hätt ma nmkehrt goldene Kelch und
hölzerne priest er — dös woaß i besser, daß
dö net von Holz sau.

Etz werft di denk i anskenna!

Deine

ewigliebende
Jungfer Kathl.

Bostschriebdumm:

Daß d' mir nimmer auf d'Nacht an mei Fenster
kimmst i brauch di net snnst schütt dir der Herr
Pfarrer oder, wenn Landtag is, der Roprater 's
Haferl auf'n Schädl.

Herausgeber :Dr. GEORG HIRTH; Redaktion : F. v. OSTINI, Dr. S. SIN7.HF.IMEH, A. MATTHÄI, F. LANGHKINRICH. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. S. SINZHEIM KR
G. HIRTH’s Kunstverlag, verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN, sämmtlich in München. Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung, München

ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
Monogrammist Frosch: Zolltarif
Monogrammist Frosch: Einzug
[nicht signierter Beitrag]: Aktuelles, höchst lebendiges Repertoire
Hermann, Herrmann [Ostini]: Deutsche Spezialität
[nicht signierter Beitrag]: Classischer Stoss-Seufzer
[nicht signierter Beitrag]: Brief der Pfarrerkathl an ihren früheren Schatz
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