Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 15

JUGZND

1902

Der Ritter

Criiume durch die tiefe Huckt
Sehnen sich nach Stück und Fülle —

Aber ist der Weg gemacht,

Füllt die trügerische Bülle,

Springt ein Kobold vor und lacht.

Welt, so bleibe traumesleer!

Schild und Panzer soll mich wahren,

Dieser ßohn, er drückt zu schwer —
nie mehr will ich ihn erfahren!

Und ich steh’ in starrer Wehr.

Aber unterm Gisenhleid
Pocht das ungestüme Sehnen,

Drängt hinaus so weltenweit,

Zwingt mich jetzt zu Zorn und Uhräncn,

Bis ich ganz mit mir en'zweit.

Spreng’ den Panzer, meine Kraft,

Wirf den feigen Schild zur Grde!

Ob es Glück, ob Glend schafft —

Besser, datz ich elend werde,

Als ein Knecht in eigner Baff!

Fjanns von Gunippenberg

ünsterblicblmt

Uns mag der Gedanke tröstlich fein,

Daß uns geliebte Todte umschweben,

Doch ihnen wäre es Höllcnpeiii:

Uns leiden sehen, um uns beben,

Und nicht helfen können in unserer Ulsrh,

Und zuseh'n, wie wir sie sachte vergessen —
VH, G.ualen wären's, unermessen. . .

Gönnt ihnen, gönnt ihnen den vollen Tod!

Karl 6m U frartzos

lUas der liebe Gott mit den alten
Uollmonden macht

Stn Himmel gibt's einen wunderschönen, großen
, Garten, der gehört allein der Mutter Gottes.
Der liebe Gott hat ihr ihn einmal zum Namenstag
geschenkt, - - aber er gefällt ihr nicht. Da gibt's
nichts als Lilien und Rosen, und Myrtheu und
Erpressen. 2tm Tage geht sie niemals hin. Da
sind die Lilien so stolz, und die Rosen so prunk-
voll, und auf den Bäumen sitzen blendendweiße
Tauben. Dann bekommt sie solche Sehnsucht nach
der Erde. Sie möchte auf einer wieso liegen
in lauter Veilchen und Himmelschlüsselchen und
Schwalben sehen, die pfeilschnell durch die Luft
schießen. — Am Abend aber ist es herrlich in dem
großen Garten. Da liegt ein weicher Schimmer
über den Lilien, und die Rosen duften irdisch-
berauschend, und aus den Myrthenbiischen schluch-
zen und klagen die Nachtigallen vom tiefen thräueu-
vollen Leid des Menschen. —

Tins aber ist das Schönste, und das sind die
Ivege. Die hat der liebe Gott aus seinem schim-
mernden Mondenstaub gemacht — von den alten
Vollmonden. Sie leuchten in zauberischem Glanze,
und die Mutter Gottes zieht ihre kleinen, goldenen
Sandalen aus. Denn es ist ein entzückendes Ge-
fühl, auf Mondenstaub zu gehen. Dann blickt sie
zurück, nach der schimmernden Spur ihrer Schleppe
und sieht zwei kleine Engeljungs, die sie noch gar
nicht kennt. Die kleinen Engeljungs sind sehr er-
schrocken, denn eigentlich sollten sie schon zu Bott
sein. Die Mutter Gottes aber thut, als hätte sie
nichts gesehen und geht zu den Springbrunnen.
— Und die kleinen Engel spielen im Sande. Sie
lassen ihn durch die Finger gleiten und freuen sich,
wie er glänzt und flimmert. Sie schöpfen davon
in die Hand, und es werden schöne, glänzende

Angeln daraus. Die stiegen hoch in die Luft,
und beim Herabfallen zersprühen sie in Millionen
und Abermillioneu kleiiler Silberstäubchen. Und
die kleinen Engeljungs jauchzen und klatschen in
die Hände. Und sie werfen sich mit den Äugeln
aus Mondenstaub, als wären es Schneebälle. Und
es thut kein bißchen weh, wenn der Silbersand
in die Augen kommt. —

Aber als sie müde waren vom Spielen, setzten
sie sich unter einen Rosenstrauch. Da kam die
Mutter Goties und sagte: „Kommt schlafen, kleine
Engeljungs! wenn ihr hübsch artig seid, will ich
den lieben Gott um die drei nächsten Vollmonde
bitten. Dann macht euch der heil. Petrus einen
großen Sandhaufen draus." — „Zu Dstern schon?"
fragten die kleinen Engeljungs und strahlten vor
Freude. — „Zu Dstern schon," nickte die Mutter
Gottes mit ihrem reizenden Lächeln.

Gila Sellereit

Die Scbweijemtse

Liebe Mutter!

Mein Schatz und ich sind in einem Freuden-
taumel. Gustav ist nachträglich ein f-f tägiger Ur
laub bewilligt. So wird unsere lang geplante
Sommerreise doch noch ausgeführt. Kaum ist es
möglich, in so kurzer Zeit Gustav's Nerven wieder
in gesunden Zustand zu versetzen. Der Aermste ist
sehr abgearbeitet, daher oft verstimmt. Der Arzt
schlug einen ruhigen Aufenthalt im Schwarzwald vor,
doch Gustav besteht eigensinnig auf der Schweizer
reise. Du kennst seinen Starrkopf. Unsere Hoch
zeitsreise, die so lange hinter uns liegt, kann er
nicht vergessen, An den Vierwaldstädtersee zieht
es ihn mächtig, alle die herrlichen Erinnerungen
von damals wieder aufzufrischen. Inzwischen sind
wir zo Jahre älter geworden. Zehn Jahre ver
heirathet und keine Kinder! Ach Mutter, muß
gerade mir das Schicksal den sehnlichsten Wunsch
versagen! Es quält mich entsetzlich. Gustav liebt
kleine Kinder so sehr, speeiell kleine Mädchen.
Seine ganze Krankheit ist Sehnsucht nach einem
Kinde. Man kann auch Adoptivkinder sehr lieb
haben. Mit diesem Gedanken mache ich mich
jetzt vertraut, vergangene Nacht träumte mir,
wir wären unterwegs einem kleinen Mädchen be
gegnet — bildschön! — Sie kehrte mit uns zu
rück. — vielleicht bringt uns die Reise Glück!
Drum Koffer gepackt - auf nach der Schweiz!!
Briefe nach Brunnen. Ade. lieb Mutterherz.

Ansichtskarte aus Brunnen:

Liebe Mutter!

Soeben angekommen. Ein herrlicher Abend.
Habe jedoch keinen Genuß davon, da Kopfweh
von der anstrengenden Reise. Der Zug war über
füllt, so mußten wir im Rauchcoupe Platz nehmen.
Unangenehme laute Reisegesellschaft. Ich litt durch
Rauch und Hitze Höllenqualen. Gustav war ganz
verändert während der Reise. Er rauchte fort
während, von Nerven keine Spur. Jetzt will er
absolut noch einen Spaziergang am See machen.
Ich lasse ihn allein bummeln gehen und lege mich
sofort schlafen. Gute Nacht.

Nächsten Morgen.

Liebe Mutter!

Kein Auge habe ich die ganze Nacht zugethan.
Der Lärm ankommender und abgehender Dampf-
boote, ungezählter Glockensignale, fahrender wagen
war unbeschreiblich. Gustav jedoch schlief wie ein
Murmelthier. Er war heute Morgen nicht aus
den Federn zu bringen. Jetzt sitzeich beim Früh-
stück und warte auf ihn. Das Wetter ist herr-
lich. Ich plane einen ersten Spaziergang auf den
Axenstein. Das ist eine kleine Tour, nicht viel
steigen, hat der Arzt gesagt. — Da kommt Gustav,
er sieht brillant aus. Er entdeckt die Bretzel und
Honig und ist nicht mehr zu halten.-

P. Haustein

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Hanns Theodor Karl Wilhelm Frh. v. Gumppenberg: Der Ritter
Ella Sellereit: Was der liebe Gott mit den alten Vollmoden macht
Karl Emil Franzos: Unsterblichkeit
Walther Negbaur: Die Schweizerreise
Paul Haustein: Zierleiste
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