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1902

Nr. 30

. JUGEND -

Grecentric

von Arthur Schnitzler (Wien)

Gestern Nacht sitz' ich im Caföhaus, da sagt plötz-
lich Einer hinter mir: „Ah non — ca — nie wieder!"

Ich hätte nicht amzusehen brauchen; das war
August. Er war schön und elegant >vic immer.
Mit jener wunderbaren Leichtigkeit, um die ich ihn
immer 'im Stillen beneidet habe, nahm er an dem
kleinen Tischchen mir gegenüber Platz, ohne den
gelben Ueberzieher, der ihm nur um die Schulter
hing, abzulegen, rückte den kleinen, steifen, runden,
schwarzen Hut, über den noch mehr zu sagen sein
wird, tief in die Stirn und ries einen Kellner her-
bei, der, über dem Billard liegend, eine Zeitung
las. Es war nämlich halb drei Uhr Morgens im
Mai, und wir waren die letzten Gäste.

Der Kellner kam rasch herbei. „Guten Abend,
Herr von Witte."

„Was guten Abend — nom d’un nom — wollen
Sie mich srozzeln? Bringen Sie mir lieber was
zum Essen oder Trinken."

Bitte, Herr von Witte — einen kleinen Schwar-
zen — einen Cognac...?"

August sah den Kellner düster an. „Sie irren
sich," sagte er, „bringen Sie mir zwei Sardinen,
zwei weiche Eier in einem harten Glas, ein Schinken-
brot und eine Flasche Bier."

Der Kellner verschwand. August nahm mir die
Zeitung aus der Hand und schleuderte sie auf einen
andern Tisch. „Ich bin nämlich da, verstehst Du?"

„Man merkt es," erwiderte ich heiter. „Woher
kommst Tu den» so spät?"

„Woher...?" sagte August und sah mich mit
einem wehmüthig dämonischen Blicke an. „Ich
ivürde an einen Menschen um i! Uhr Morgens,
wenn er nicht zufällig im Frack ist, nie eine solche
Frage stellen. Aber Du bist und bleibst ein Rüp-
pel, — jawohl," setzte er hinzu, indem er den armen
Mitterwurzer nicht ohne Glück zu kvpiren versuchte,
„ein Rüppel, ein Rüppel!"

Ich erwiderte nichts, nahm eine Zeitung und
las eine Weile. Plötzlich strömte mir aus dem
Blatt eine sonderbare Wärme entgegen, gleich darauf
fing die Notiz über die neue Operette von Charles
Weinberger zu glühen und zu verkohlen an, und
das Ende einer frisch angezündeten Cigarette erschien
im Mittelpunkt. Aber ich lächelte nur wenig; so
verwöhnt hatte mich August in jahrelangem ver-
trauten Umgang durch ähnliche und noch viel bessere
Scherze.

„Soll ich Dir einen Rath geben?" fragte er dann
plötzlich.

„Ich bitte darum," antwortete ich höflich.

August sah mich au und sagte scharf und be-
stimmt: „Alles, mein Lieber, Du verstehst mich,
Alles, nur keine Exccntrie-Süngerin!"

„Gewiß, gewiß," sagte ich.

„Alles", widerholte August — „Blumenmädeln,
alleinreisende Damen aus Rumänien, Flötenbläser-
innen, Schornstcinscgersgnttinncn, Tragödinnen,
los cternieres des ckernieres... Alles, mein Lieber,
nur keine Excentric!"

Ich nickte schlagfertig. Der Kellner brachte, was
August bestellt, und mein Freund begann zu essen
und zu trinken. Aber schon nach dem ersten Schluck
Bier sprach er tveiter. „Gegenüber diesen Geschöpfen
ist man nämlich wehrlos, und das ist das Entsetz-
liche. Ich will es Dir erklären. Mit einem gute»
Freund, den man bei seiner Geliebten erwischt, kann
man sich schlagen, einen oberflächlichen Bekannten
kann man auf der Stelle niederschießen, und einen
Fremden, wenn er nicht sehr chic ist, prügelt man
einfach durch. Das sind lauter Fälle, in denen man
weiß, wie man sich zu benehmen hat, weil man es
mit normalen Menschen zu thun hat. Aber was
habe ich erleben müssen von dem ersten Augenblick,
da ich Mademoiselle Kitty de la Rosisre geliebt habe,
bis. .." er nahm seine Uhr aus der Westentasche,
legte sie vor sich hin — „bis vor einer Stunde."
„Gute Nacht!" sagte ich und stand auf.

F.rnst Scherz (Berlin) „Oh!" rief August, „Kellner, sperren Sie die

Thüre zu!"

„Bitte sehr, gleich," erwiderte der Kellner, der
beinah so witzig war, wie August, eilte zur Thür
und sperrte ab.

„Setz' Dich nieder, mein Lieber," sagte August,
„ich werde Dir eine Geschichte erzählen, daß Tu.."
(er nahm jetzt zum Scherz den Ton Lewinskys an
und verdrehte die Augen), „daß Du bis in's Mark
der Knochen schaudern wirst. Les amours de Mon-
sieur Auguste Witte et de la tres-jolie Kitty de
la Rosiere. — .Heinrich, eine Virginia!'" Er lehnte
sich in die Ecke, indem er den Ellbogen auf den
Fensterpolster stützte: den kleinen, steifen, schwarzen,
runden Hut, über den noch Manches zu sagen sein
wird, hatte er noch immer auf dem Kopf, den Ucber-
zieher noch immer über den Schultern und sah in-
teressanter aus als je. Ich war sehr schläfrig, und
nur die Hoffnung, daß mein Freund mir von einer
Blamage erzählen würde, hielt mich noch ausrecht.

„Sie hat mich belrogen," begann er.

„Ah!" sagte ick;, angenehm berührt.

„Du wirst mich nicht für fo geschmacklos halten,
daß ich Dir das als etwas Besonderes erzählen
sollte. Du kannst Dir denken, daß ich daraus ge-
faßt war: aber ich hatte Anfangs die Hoffnung,
nicht darauf zu kommen. Darin Hab' ich cs näm-
lich zu einer wahren Virtuosität gebracht. Ich be-
suche meine Schönen" — (August hat manchmal
solche Ausdrücke aus der alten Schule) — „nie zu
einer ungewohnten Stunde, ich lese nie die Briefe,
die ich zufällig auf dem Tische finde, ich entferne
mich sofort aus jedem Lokal, falls ich ihren Namen
am Nebentisch von einem Fremden nennen höre,
und wenn ich trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln
etwas erfahre, glaub' ich es einfach nicht. Aber
alle diese Maßnahmen haben bei Kitty versagt. Er-
innerst Du Dich an Little Pluck?"

„O freilich, dieses kleine Scheusal."

„Kitty scheint das nicht gesunden zu haben. Ich
muß vorausschicken, daß ich durch etwa vierzehn
Tage mit ihr namenlos glücklich >var. Jeden Abend
nach der Vorstellung pflegte ich ihr meine Visite zu
machen; um elf Uhr war ihr Auftreten, uni eins
das meine. Sie empfing mich jederzeit mit großer
Herzlichkeit. Auch an ,enem Abend war nichts
Anderes verabredet worden."

„An welchem Abend?"

„Da Little Pluck, das kleine Scheusal, zwei ein
Viertel Fuß hoch, 18 oder 59 Jahre alt, deblltirt
hatte. Ich trete bei Kitty ein, wie immer Punkt eins,
loen find' ich ... ? Little Pluck — wie soll ich sagen?
— zu ihren Füßen. Ich war sprachlos. Trotzdem
ein Mißverständniß nahezu ausgeschlossen war, er-
wartete ich irgend ein erlösendes Wort von ihr —
zum Beispiel: ,Du irrst Dich...' Aber sie sprach
es nicht aus. Sie sah mich mit sehr großen Augen
an und sagte nur die unvergeßlichen Worte: .N’est-
il pas dröle?' Im ersten Moment, so tief einge-
wurzelt sind unsere Instinkte, zuckte mir die Hand;
aber >vie ich Little Pluck betrachtete, dieses voll-
kommen lächerliche Subjekt — viel lächerlicher in
diesem Augenblick, als Worte ausdrücken können,
schwand mein Zorn und ich sagte mir: Du kannst
einen Zwerg weder schlagen, noch kannst du dich
mit ihm schießen. Ich griff nur die Bemerkung
Kitty's auf, sagte: .Lien dröle! bien dröle!' nickte,
lächelte und ging."

„Also das ist Dir heut' passirt?"

„Heute? — Nein, das war vor zwei Monaten.
Ich verzieh' ihr. Und ein paar Wochen waren wir
sehr glücklich."

„Blieb Liitlc Pluck im Engagement?" fragte ich
mit einem sardonischen Lächeln.

„Ich verstehe Deine beleidigende Anspielung,"
erwiderte August. „Aber ich kann Dir versichern,
daß Little Pluck, trotzdem er einen ganzen Monat
lang bei Ronacher austrat, nie wieder von Kitty
empfangen wurde, wenn ich nicht dabei war. Und
ani Abend seines letzten Auftretens Hab' ich Little
Pluck sogar eine kleine fete gegeben, bei Kitty, und
trotzdem er betrunken war, wie ein Schwein, be-
nahm er sich höchst anständig, so daß ich Kitty ge-
stattete, ihn zum Abschied zu küssen. Am nächsten
Morgen reiste er nach Triest; wir haben ihn auf
die Bahn begleitet, und Kitth weinte. Ich war im
Index
Arthur Schnitzler: Excentric
Ernst Scherz: Zierleiste
 
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