Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 34

JUGEND

1902

Jupiter, voll Heiterkeit,
Fühlte wonnig sich befreit,

Fand, erlöst von seiner Bürde,
Langsam wieder seine würde,
ward nach übcrwundnem Rater
Gänzlich wieder Göttcrvarer. —

RAV.S!

Line altgriechische kegende

Jupiter, der alte Heide,

Spürte einst mit Herzclcide,
wie das Haupt ihm seltsam schwer,
Grad als wenn was drinnen war,
Rnurrig war, der sonst so munter,

Nicht einmal mehr donncr» kunnt er.

Und es sprach zum Göttervater
Ganymed, der gute Rlcinc:

„O.uält Dich heut ein Götterkater?

Bist Du irgendwo verschnupft
Oder mit dem linken Beine
Aus dem Himmelbett gehupft?"

Grämlich grunzte drauf der Rönig:
„Gerne sonst dem Suffe fröhn ich!

Doch der delikatste Ncktcr
Grad wie Merseburger schmeckt er,
Selbst der Minne holdes Spiel
wäre heute mir zu viel!"

Thräncn kamen Ganymeden
Unter diesen harren Reden,

Und er lief in einem Trab
Mit Geheul zu Acskulap.

„Doktor, unser armes Zeuschcn
Piepst wie ein vergiftet Mäuschen,

Bang auf seinem Stühlchcn hockt er,
Schaurig vor sich nieder gockt cd"

„Diese Art von Lränklichkeit
Ist beim Sryx! von," sprach der Doktor,
„Acußcrstcr Bedenklichkeit!"

Und im Laufschritt zum Olympfe
Machten sic sich auf die Strümpfe.

Und der Doktor horchte, pochte,
Fühlte, guckrc, roch und kochte,

Stand drei Tage in Gedanken,

Endlich zu dem hohen Rranken
Sprach er langsam und gewichtig:

„Aeußcrst kitzlich ist die Sache!

Unter Deinem Schädcldachc
Ist cs Allerhöchst nicht richtig.
Irgendwas — vielleicht der Drehwurm
Oder sonst ein andrer Wchwurm
Treibt darin sein böses Wesen!

Rannst an keinem Trank genesen,

Helfen kann kein Pillengeber,

Rein Chirurg und pflastcrklcbcr,

Rein Professor und kein Bader,

Rarhlos steht der Psychiater.

Unsre Runst ist zu gering.

Hilf Dir selber!" Sprach'- und ging
Iupiter saß lang in Schweigen,

Und sein Jammer war im Steigen,
plötzlich schüttelt er erschrocken
Seine ungekämmten Locken:

,6> |ioi, ü> rcoTtoi, wie wird mir's?

Por den Augen flammt und flirrt mir's,
I» den Ohren greulich saust mir's,
wild im Hirne haust und braust mir's!
Himmclhageldonnerwcttcr!

Bin ich nicht der Herr der Götter?

Ding, das mir im Hirne drinnen
Nistet, hebe Dich von hinnen!

Ich bcfchl es! marsch hinaus!!

Hier bin Ifl> der Herr im Haus!!

Rrrau slll"

Also schnauzte donnerstimmig
Gräßlich er empor und grimmig
Gab er sich mir Blitzesschnelle
Eine ungeheure Schelle! —

Da begab sich wunderbares,

Etwas ganz Besundcrbarcs:

Von den» Streiche, urgewaltig,
Rlaffrc weit der kranke Schädel,
Und es hüpfte holdgcstaltig
2lus dem Spalt ei» schönes Mädel,
Reizgeschmückt und süß wie jene
wclrbcrüchtigte Helene,

Rnipte, sprach: „Ich bin Athene!

Zeichnung von A. Schmidhammer

Dic Moral: „wenn Dir ein Zöpfchen
Heimlichkichernd spukt im Röpfchcn,

Helfen kann kein pillcngcbcr,

Rein Lhirurg und pflastcrklcbcr,

Rein Professor und kein Bader,

2iathlos stchr der Psychiater.

Eines hilft nur: aus dem Schädel
Schlag c Dir das dumme Mädel!
steig, daß Du der Herr im Haus,

Jag das Frauenzimmer 'naus!

R r r a u s I! l"

kielnbarct Voll-er

$6.j
Reinhard Volker: "Raus!"
Arpad Schmidhammer: Zeichnungen zum Text "Raus!"
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