Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 7.1902, Band 2 (Nr. 27-52)

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1902

JUGEND

Nr. 39

Marie Schnür (München'

Allein — des Abends, wenn der Vollmond schien,
Der letzte Schrei der Hirsche scholl ini Wald,
Da war es süß, wenn sie die weiche Hand
Anf's Haupt mir legte und die Stimme sanft
Zum Lied erhob. An dieses denk ich nun
Den ganzen Tag! Ich kann nichts Andres thun!
Verrostet steht mein Jagdzeug in der Hütte,
Ich mag nicht jagen, mag nicht fischen mehr,
Das Essen schmeckt mir nicht, kurz, ich bin krank,
Bi» krank, weil sie mir fehlt! Drum bitt' ich Dich,
Gib mir das Weib zurück, o lieber Gott!"

Da schmunzelt Gott in seinen langen Bart,
Und gab dem Mann, was er verlangt, zurück.
O Wiedersehn, o Wonne aller Himmel!
Zerschmolzen in der Gluth der Küsse war
Der alte Haß und eitel Lust und Freude
Umfing die Glücklichen in ihrer Hütte.

Jedoch, eh' zweimal noch sein grünes Kleid
Der Wald erneuert, trat der arme Mau»

Zum dritten Mal vor Gott und sprach zu ihm:
„Fürwahr, ich schäme inich vor Dir, o Gott!
Vergib mir meine Unbeständigkeit.

Allein, wer konnte ahnen, wie es kam!

Am Anfang schien sie milde, sanft und gut
Und zärtlich. Aber bald begann der Streit
Von neuem mit erhöhter Heftigkeit.
Verschicdner nicht scheint Feuer mir von Wasser
Und nicht der Frosch vom Elefant zu sein,

Als unsres Wesens Art verschieden ist!

Gewiß, sie ist von andrem Thon, als ich
Von Dir erschaffen, lieber Gott! Fürwahr,

Ich kann durchaus nicht langer mit ihr sein,
Drum bitt' ich Dich, nimm sie zurück, für immer!"
Da aber schleudert Gott in grimmem Zorn
Die Donnerkeile über Meer und Land,

Daß hoch der Gischt sich bäumt und das Gcthirr
Sich scheu verkriecht, und seine Stimme tönt:
„Vermeß'ner, wessen unterfängst Du Dich?
Wagst Du zu richten, was ich weise schuf?
Elender! Mit dem Weib kannst Du nicht lebe».
Du wirst auch ohne sie nicht leben können!

Darum behalte sie!!"-Und so geschah's.

frrtz Salzer

vom Schweiß der Arbeit ganz bedeckt,
^as Antlitz herb in grimm'ge Falten legte,

vr zu sich: „Er dauert mich, der Arme!
vjcllig Hatz ich mein Gethier erschaffen,

Z" Zweien bau'n die Vögel ihre Nester,
as zartx Reh Hab ich dem Hirsch gesellt,
grimmen Löwen selbst schmiegt sich die Löwin,
Mann nur ist allein; vergessen Hab ich,
freundliche Gefährtin ihm zu schaffen,
jedoch, was thun! Verwendet ist der Stoff,
B^om edlen Thon sind nur noch Restchen da! —
,, s wollen sehen, wie wir uns behelfen!"

"'ch da nahm Gott die Lieblichkeit der Rose,
dLiegung einer weichen Meereswoge,
Schlankheit der Glieder einer Antilope,

-Oes Vollmonds Rundung und des Wiesels

t Schnelle,

Geschwätzigkeit vom Häher, Schlangenfalschheit,
^anstmuth der Taube, Biegsamkeit des Rohrs,
Das Zittern feiner Gräser, Flügelstaub

tausend buntgesarbten Schmetterlingen,

D>e Stimme einer füßen Nachtigall,

Des Fuchses Schlauheit und der Lilie Weiß,
Der Jahreszeiten und des Wetters Launen,
Neugier der Elster und des Pfauen Stolz,

Die Schüchternheit des Rehs, die Wnth der Katze,
Sanftmut!) der Taube, Tigergrausamkeit —

lt»b mischte alles dies und schuf — das Weib.--

Sffiic strahlte nun der Mann in heißer Lust,

^ls sie, tn langes Goldhaar eingehüllt,
Geschmückt mit Perlen, in der Hand die Rose,
Mit Liebesblicken in die Hütte trat
Und Gott ihm sagte: „Nimm sie, sie sei Dein!"
Mit wild'rer Kraft erschlug er
nun die Ochsen,
schleppt ganze Bären, Beute
seiner Jagd,

Und Fisch und Vögel hin zu ihren Füße».

Sie aber steht am Feuer und mit kluger Hand
Brat sie am Spieß des Wildes zarte Keulen,
Wäscht den Salat und ordnet bunte Früchte,
Beut frischen Meth aus thönerneu Gefäßen
Und frischer noch den Mund zum Kusse dar.
Und Gott gefiel es, was er da gemacht.

Doch sich, es wahrt nicht lang, so tritt der Mann,
Gebeugt den Nacken, hin vor Gottes Thron,
Hebt flehend seine Hand und spricht alsdann:
„Ich weiß, Du schenktest mir ein köstlich Gut,
Süß ist das Weib und herrlich anzuschan'n!
Und doch — ich bitte Dich, o lieber Gott,
Nimm sic zurück! Ich kann nicht mit ihr leben!
Ich weiß nicht, was das für ein Wesen ist!
Sie ist nicht einen Augenblick sich gleich,

Jetzt ist sie klug, dann fehlt's ryr an Verstand,
Ist furchtsam jetzt, dann kühn, wie eine Löwin,
Jetzt traurig und dann lustig und daun nichts.
Sie kann den Mund nicht halten, will nicht folgen,
Kann aber auch mit nichtcn Herrin sein,

Weiß überhaupt nicht, was sie schließlich will!"
Da lächelt Gott ob seines Wesens Art,
Erbarmte sich des Manns und nahm das Weib
Zurück. — Es währte aber nicht zu lang,

Da trat der Mann zum zweiten Mal vor ihn
Und sprach: „Mich dünkt, es war nicht klug

von mir,

Daß ich zurück das Weib Dir gab! Gewiß,
Mir war oft unerträglich ihr Gebahrcn,

Oft hat es aus der Hütte mich getrieben. —

„Wert t'rb Heb heb1, betn fbu’ ich Ntt'nken. . .

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Marie Schnür: Wen ich lieb hab, dem thu ich winken
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