Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 8.1903, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 26

JUGEND

1903

*

J. Wackerle

Punkt drei lU)r nachmittags würden meine Kops-
schmerzen verschwunden sein.

Diese Sitzung kostete zwanzig Mark!

Trotzdem hatte ich nach acht Tagen nachmittags
um drei Uhr noch immer dieselben Kopfschmerzen.

Allmählich war ich elend und so übellaunig ge-
worden, daß sogar meine alte Haushälterin sich um
mich zu sorgen anfing.

Eines Morgens aber kam sie sehr vergnügt und
sagte mir, ich müsse unbedingt zu vr. Wundermann
gehen. Der konnte alles heilen und dafür nähme
er von jedem Menschen, ob Baron oder Bettler, nur
fünfzig Pfennige!

Mir war schon alles gleich und so ging ich auch
gehorsam zu vr. Wundermaisn.

Ich bekam Nummer 1215 und der Diener sagte
mir, daß ich am nächsten Abend etwa um zehn Uhr
darankommen würde.

Am nächsten Abend um zehn Uhr klopfte ich bei
vr. Wundermann an.

Er saß am Schreibtische, kehrte mir den Rücken
zu und sah sich auch nicht um, als ich eingetreten
war.

„Sind Sie da?" fragte er dann kurz. — „Ja." —
„Worüber klagen Sie?" — „Ueber Kopfschmerzen."

- „Setzen Sie sich!" —

Dann sprang er plötzlich aus, rannte mit ver-
schränkten Armen im Zimmer umher und sah niich
dabei an, als ob er durch meine Augen in meine
Seele kriechen wollte.

Dann blieb er vor mir stehen.

„Sie sind schon bei zehnAerzten gewesen!" donnerte
er mich an.

Das stimmte zwar nicht genau, aber ich wagte
nicht zu widersprechen.

„Sie haben ein Magenleiden!" donnerte er weiter.
„Hier werde ich Ihnen eine Medizin verschreiben.
Entweder die hilft im Laufe einer Woche, oder —
Sie sind in vier Wochen todt!!"

Das alles sprach er so energisch und eindringlich,
daß ich völlig geknickt tvar und nur den einen Wunsch
hatte, das; die Medizin in einer Woche helfen sollte.

Diesesmal bekam ich in der Apotheke eine gelbe
Medizin.

„Was ist cs?" fragte ich den Provisor.

„Antipyrin in Lösung, gefärbt durch Safran-
sirup."

Ja — Donnerwetter! Das verdammte Antipyrin!
Am liebsten hätte ich vr. Wundermann damit ver-
giftet oder wenigstens mit der Flasche ihm den Kopf
blutig geschlagen!

Aus den Rath einer alten Tante ging ich dann
noch zu einem Natnrheilkundigen, der meinen Körper
eine Woche lang von allen Seiten mit einer wahren
Sintflut von Wasser bearbeitete.

Aber meine Kopsschnierzen waren absolut nicht
wasserscheu.

Zu mir kamen noch viele Freunde und Bekannte.
Jeder pries mir seinen Arzt als den unfehlbarsten
Heilkünstler an. Der eine sagte, ich mühte zu einem
Spezialarzte für Nervenkrankheiten, ein anderer wollte
mich zu einem Magnetopath schleppen, der dritte zu
einem Kräuterkundigen, wieder ein anderer rieth mir
Reibesitzbäder und so weiter — aä inünitnini

Ich aber hatte alle Hoffnung anfgegebcn und lieh
mich nicht ködern. Ich machte Testament und er-
wartete mein Ende.

Doch das Ende wollte nicht kommen; aber meine
Kopfschmerzen blieben.

Eines TageS kam mir plötzlich der Gedanke, ein-
mal einen Arzt zu consultieren, der mir von niemand
empfohlen, der keine Berühmtheit und kein Spezialist
war.

Neben mir hatte sich vor zivei Jahren ein junger
Arzt niedergelassen, den wollte ich um Rath fragen.
Aber wenn auch der mir wieder Antipyrin, vielleicht
mit grünem Sirup geben sollte, dann, so schwur ich
einen heiligen Eid, tvollte ich mich selbst ohne Arzt
ins Jenseits befördern.

Bei vr. Hungerleider wurde ich sofort vorgelassen.
Ich war der einzige Patient in dem großen Warte-
zimmer.

Ich bat den Doktor, mich am ganzen Körper zu
untersuchen und mir aufrichtig zu sagen, ob ich eine

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Wandermilz, Malaria oder Magenkrankheit hätte,
und ob meine Leber und meine Bauchspeicheldrüse
zu krankhaften Veränderungen neigten.

„Sie sind vollkommen gesund," sagte er mir nach
der Untersuchung. „Ihre Kopfschmerzen sind rein
nervöser Natur. Haben Sie in letzter Zeit viel ge-
raucht?"

Ich hatte etwa zehn Cigarren aus Verzweiflung
in die Luft gepasst.

„Rauchen Sie also eine Weile nicht! Trinken Sie
keinen Alkohol und gehen Sie für acht Tage in ein
Seebad. Dann werden hoffentlich Ihre Kopfschmerzen
vorüber sein. Vor allem aber nehmen Sie kein
Pulver. Weder Antipyrin, noch sonst etwas."

Ich ging in ein Seebad und nach acht Tagen
waren endlich meine Kopfschmerzen verschwunden.

Als ich froh und vergnügt nach Hause kam, war
mein erster Gang zu vr. Hungerleider. Ich wollte
ihm meinen Dank aussprechen.

Seine Wirthin empfing mich mit betrübter Miene
und erzählte mir dann unter Thränen:

„Denken Sie nur, unfern Herrn Doktor haben
sie in eine Irrenanstalt gebracht. Er hat den Größen-
wahn bekommen."

„Ja, aber wie ist denn das so plötzlich gekommen?"

„Eigentlich sind Sie an allem Schuld. Seit zwei
Jahren hatte sich unser Doktor als praktlscher Arzt
niedergelassen. Sie waren sein erster Patient. Gleich,
als Sie fort waren, führte er so komische Reden. Den-
ken Sie nur, er bildete sich doch ein, er wäre sogar
Krankenkassenarzt geworden! Na - und da sagten
alle andern Doktoren, das wäre der richtige Größen-
wahn! Gestern haben sie ihn dann sortgebracht."

Armer Dpktor Hungerleider! Und ich hätte Dir
mit meinen Erfahrungen so gut den Weg zur goldenen
Praxis weisen können! Hdolf 3oscphsobn

Huf Cempelfrilmmern

Um geborst'ne üempelfriimmer
Webt des Frühlings frifches Grün,

Und die ersten RosenTchimmer
Eines Ulaienfages glüh’n.

Beut wie damals lacht der Bimmel,
Glänzt die blaue Bucht hinaus.

Als ein festliches Gewimmel
noch durchwallt das Götferhaus.

Ob, gestürzt in Schuft und Erde,

Seiner Säulen Pracht zerfällt,

Froh wie einst grast hier die Berde,
Jauchzt der Birt der schönen Welt.

Und das Berz, das sanfter Klage
Der nersunk'nen Schönheit denkt,

Fühlt beglückt: fluch diefem Cage
Ward ein gold’nes Boos geschenkt.

Julius Eobmeyer f

Der fyld

von {fiaxim Gorki

Durch das Menschengewühl des Marktes drängte
sich ein Greis. Finster tvaren die Brauen zusammen»
gezogen, traurig und fragend blickten die Augen.
Die dunkelfarbigen, herabhängenden Wangen wären
mit silbernen Bartstoppeln bedeckt. Ein alter Sol»
datenmantcl umhüllte den Leib, die Brust aber
schmückten das Georgenkreuz und mehrere Medaillen.
Das linke Bein wurde durch ein schweres und plum-
pes Holzgestell ersetzt, das sich tief in den Schnee
bohrte und darin runde Löcher hinterließ.

Die ständigen Händler wandten den Blick zur
Seite, als sie dieser schwankenden, grauen Gestalt
gewahr wurden und auf ihren Gesichtern bemerkte
man den Ausdruck der Besorgniß, des Unwillens
und der Langeweile.

Der Greis schritt an ihnen vorüber dem Platze
zu, wo die Fuhren der Bauern standen, die vom
Joseph Wackerle: Zierleiste
Maxim Gorki: Der Held
Julius Lohmeyer: Auf Tempeltrümmern
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