Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 8.1903, Band 2 (Nr. 27-52)

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1003

Meimarer Sckulreime

Unter der Ueberschrift: „was müssen wir
thun, um gesund zu bleiben?^ hat das Weimarer
Ministerium 21 Regeln ausarbeiten und in sämt-
lichen Volksklassen des Großherzogthums auf-
hangen lassen, wir konnten uns nicht versagen,
einen Theil dieser hygienischen Vorschriften in
folgende leichter faßliche ver8U8 memoriales um*
zudichten.

wasch täglich Dir Gesicht und Brust,
wenn nicht aus Lust, so, weil Du's mußt!

Auch soll man niemals von Dir sagen,
Daß Deine Nägel Trauer tragen.

Mb arm und niedrig, ob gefürstet,

Die Zähne werden stets gebürstet.

was für's Gesicht der nasse Schwamm,

Ist für das Haar der Zackenkamm.

wer sich in schmutzige Kleider stopft,
wird mit den Kleidern ausgeklopft.

Wurstschalen, Aepfel und Papier
Sind nie des Zimmerbodens Zier.

Im Zimmer wird nicht ausgespuckt.

Geht's anders nicht, so wirds verschluckt.

Durchs Fenster in den Zwischenpausen
Laß frische Luft ins Zimmer sausen!

Denn junge Schüler werden selten
wie Diplomaten sich erkälten.

Zum Frühstück nimm Dir Zeit und Ruh'!
wer keines hat, der schaue zu!

wer aufrecht steht, wird stark und heiter.

Doch bückst Du Dich, so bringst Du's weiter.

Beim Sitzen auf der Schulbank werde
Die Sohle breitgestemmt zur Erde!

Denn ruht das Bein nicht auf der ganzen,
Beginnt es gar zu leicht zu tanzen.

Schreib' groß und deutlich in die Breite,
Dann geht nicht viel auf eine Seite.

Im eignen Schatten schreibe nicht!

Doch scheue auch das Sonnenlicht!

Der. Augen wegen rath' ich Dir:

Nimm Dir den Rembrandt als Erzieh'r!

6ast Du zu warm, hast Du zu kalt,

Und ist der Lehrer Dir zu alt,

Und kannst von seinen weisen Lehren
Du kaum ein Sterbenswörtchen hören,

So sollst Du's ihm getrost nur sagen;

Er wird Dir's aus dem Sinne — schlagen!

Cri-Cri

eine fabel

„Ich will euch erzählen, was ich erlebt
habe!" klirrte das Goldstück.

„Nicht nöthig!" fielen ihm die andern ins
Wort, „wir halten schon so nicht viel von
der Menschheit!" «. Volker

Liebe Jugend!

verbrecker

Skizze von ßarl Ewald

Das Hausmädchen hat sich aus dem Staube
gemacht.

Gestern ließ sie sich mit der größten Un-
schuldsmiene sechs Kronen Vorschuß geben für
ein Paar Schuhe. Heute war ihr Vater da,
nahm sie sammt ihrer Kommode mit, drehte
der Köchin eine lange und ungeheure Nase und
sagte ihr, sie könne der Herrschaft ausrichten,
wenn sie etwas von ihm wünsche, möge sie sich
an den „Sozialdemokrat" wenden.

Nun sitze ich auf dem Küchentisch und be-
spreche mit der Köchin die Sache.

„Sie werden sie doch der Polizei melden? I"
meint sie.

Ich schüttle den Kopf.

Da legt sie los.

„Das können Sie sich nicht nachsagen lassen!
Das war eine! Nicht ein ganzes Hemd hatte
sie! Die aß, als ob sie noch kein Essen gesehen
hätte! Unfern Schweinebraten hat sie mitge-
nommen! Den Bäcker hat sie heute morgen
auch nicht bezahlt... wollen Sie vielleicht auch
noch die 22 Oere bezahlen ? I"

„Ich werde wohl müssen."

„Und gelogen hat die Person wie gedruckt!
Vom Dienstbotenverein waren sie da und wollten
ihr Geld für vier Monate holen. Natürlich be-
hauptete sie, sie hätte bezahlt. Nachher sagte
sie selbst, es wäre gar nicht wahr! Und jetzt
schwindelt sie Ihnen den Lohn ab, macht sich
mir nichts Dir nichts davon und will uns auch
noch in die Zeitung bringen."

„Ja," sage ich. „Das ist ja alles sehr
bedaueruswerth. Aber wenn es auch zwei
Kronen für den Schweinebraten sind und 22
Oere für den Bäcker_"

„Wahrscheinlich ist sie das Petroleum gestern
Abend auch schuldig geblieben."

„Aber man kann doch so ein junges Ding
nicht der Polizei übergeben. Wegen solcher
Dummheiten. Das nnt dem Dienstbotenverein
ist ja am schlimmsten für sie selbst. Und wegen
der Hemden müßte sich eigentlich ihre Mutter
schämen, und wegen der Zeitung ihr Vater..
Wissen Sie, wenn man das arme Geschöpf an-
zeigen wollte, wäre man ja ein größerer Ver-
brecher als sie selbst."

Die Köchin ist empört.

„So! Wollen Sie mir vielleicht sagen, was
aus Der werden soll, wenn sie nicht ihre Prügel
kriegt?! Und darf ich vielleicht fragen, was
unsereins für sein anständiges Betragen be-
kommt, wenn „so eine" frei herumläuft?!"

— Ich sage nichts und ziehe mich zurück.
Mir ist unbehaglich zu Muth. Ich will das
Hausmädchen nicht anzeigen, aber ich habe
Furcht, daß mir die Köchin auch noch weggeht.
Ein schöner Hasenfuß bin ich!... Sie ist näm-
lich sonst wirklich sehr brav-und dann ist

sie schon so lange bei uns... und wir haben
ihr bisher ohne Bedenken unsere Kinder an-
vertraut. ... und unser Geld auch .... und

u n s e r e E h r e a u ch.

(Aus dem Dänischen übersetzt von Dora Hartwig)

Der Student Süfferl, der in München
studiert, kommt kürzlich in die Pfalz, um seine
Eltern nach langer Trennung wieder zu sehen,
und wird am Bahnhof von den beiden Alten
abgeholt. Das vorzügliche Aussehen des Jun-
gen veranlaßt den Alten zu einem begeisterten
Loblied auf die klimatischen Verhältnisse Mün-
chens und der Refrain davon ist immer wieder
derselbe, nämlich: „Ha, die Münchner Luft ist
halt doch was Zeines." „Schau, Alter,
grad' deswegen Hab'ich Dir ein ganzes
Portemonnaie voll mitgebracht," meinte
trocken der Studiosus.

Mskre Geschichte

Zwei wörishofner Buben geriethen in
Streit. Nach Knabenart bedachten sie sich gegen-
seitig mit den schönsten Schimpfnamen und be-
mühten sich hiebei, einander zu übertrumpfen.
„Mchs", „Esel", „Tepp", „Rindvieh" ... der
Streit schien kein Ende zu nehmen. Da schoß
endlich der eine den Dogel ab, indem er dem
anderen zurief: „Du bist a Kurgast!" Dieser
Schimpf war nicht mehr zu überbieten.

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Leo Kober: Der Dandy
Reinhard Volker: Eine Fabel
[nicht signierter Beitrag]: Wahre Geschichte
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Cri-Cri: Weimarer Schulreime
Karl Ewald: Verbrecher
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