Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 8.1903, Band 2 (Nr. 27-52)

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Mr. 36

JUGEND

1903

und die schönste Zeit, wenn ich mich nicht „darin"
bewegen kann! Von jedem Wirklichkeitsstand-
punkte aus betrachtet ist also der Raum immer
nur etwas Relatives, nie etwas Absolutes. Man
kann sagen: wenn zwei verschiedene Systeme
über denselben Raum verfügen, so ist es vir-
tuell nicht derselbe Raum. Es bedarf gar
nicht erst des Beweises, daß die Naumempfind-
ungen einer Libelle und diejenigen eines Regen-
wurms, oder die eines Adlers und die eines
Maulwurfs grundverschieden sind, und da ein
Kant, Gauß oder Helmholtz sicherlich andere
Raumbegriffe hatten, als der erste beste Spieß-
bürger — und wäre es selbst ein mit dem Sause-
wahn des Automobilisten Behafteter —, so ist
ersichtlich, daß auch unter Systemen derselben
Art allerlei Verschiedenheiten in der Bewerthung
des Raumes verkommen können.

Ja sogar im Leben ein- und desselben
Systems ergeben sich die verschiedenartigsten
Raum- und Zeitwerthe. Der Astronom, der
eben noch auf seiner hohen Warte mit den un-
erhörtesten Raumvorstellungen operierte und nun
im Morgengrauen sich in die Kemenate seiner
schlummernden Astronomin begibt, kann von der
menschlichen Volubilitat auf diesem Gebiete er-
zählen, denn auch diesem üppigsten Weltraum-
fresser gilt der Satz: „Raum ist in der kleinsten
Hütte für ein glücklich liebend Paar." Und
dann jener noch viel engere Raum unter dem
liebenden Mutterherzen, wo wir die glücklichste
Zeit unseres Lebens selig verträumt haben, der
Menschheit Zukunft entgegenschlummernd, — der
Raum der Räume, aus dem Alles hervor-
geht, was wir der Welt Schönes und Häßliches
andichten .. .

Ach könnt' ich noch einmal dort weilen, wie
gerne schenkt' ich alle Raumprobleme her, die
uns nicht weiser und nicht besser machen!

Georg Hirlk

Me Kräder Her fernes

von AlasKa's weißer v?üste
Zu Kap Horns umstürmten Scheren,
weit, wie sich von Pol zu Pole
Reckt der Grat der Kordilleren;

von des Westmeers goldnen Küsten
Zu Reu-Lnglands lautem Strande
Schlafen deutsche Pioniere
Unterm Schnee und unter'm Sande.

An der Brust der Silberberge,

Znka's todter Zeuerriesen;

Zn dem Grasmeer der Savanne,

Wo die gelben Ströme fließen;

Zn der Rächt des Tropenwaides,

Wo die Fiebersümpfe steden.

Fanden in der fremden Lrde
Deutsche Kämpfer Grab und Frieden. *)

*) Der Verfasser, ein geborener Rheinhesse, sek
vielen Zähren praktischer Arzt in Merico, schrieb uns:
«Das Gedicht ist eine koloniale Ballade, entstanden
unter der Wirkung persönlich empfangener Lindrücke.
Zch sende es Zhnen als alter Freund der «Zugend",
dem in verschiedenen Breiten dieses Kontinents Zhre
Zeitung seit ihrer ersten Itummer wöchentlich eine
schöne Stunde bereitet hat, in welcher er aus weiter
Ferne dem fröhlichen Kampfe deutscher Geister lauschte."

Traum im Haupte, Trotz im Herzen
Zogen sie in weite Welten,

Flog die Falkenbrut der Freien
Zu der wildniß armen Zelten.

von den Schlachten, die sie schlugen,
von der Roth, die sie bezwungen,

Ist zum großen Vaterlande
Kaum ein leiser Laut gedrungen.

Richt in Sicht der panzerboote.

Richt im Schatten deutscher Zahnen:
vogelfrei, verlorne Haufen.

Brachen sie uns neue Bahnen;

Rangen sterbend sie zu Boden
Feindes Haß und Reider's Lüge.

— Ueber die vergeß'nen Gräber
Rauscht der Flug der deutschen Siege.

Jakob Izorsck

Die keissercken

Als meine Tante, eine vortreffliche alte Dame,
vor einiger Zeit die Tramway benützte, bemerkte
sie neben sich einen dreijährigen, nicht sehr sauberen
Jungen in ärmlicher Kleidung. Gerührt von dem
treuherzigen Ausdrucke der wafferblauen Augen,
die staunend zu ihrem ehrwürdigen, von Marabu-
federn umwallten Hute emporstarrten, fuhr sie ihm
mit der Hand wohlwollend über den Krauskopf.

„Wo sind denn die lieben Guckerin?" begann
sie zu schäkern.

Das Kind wies richtig auf seine Augen. „Und
wo ist denn das Ruppelnäschen?" wurde die Unter-
haltung von ihr fortgesetzt, worauf das Knäblein
richtig seinen Zeigefinger ans Rüschen führte.

Darauf die Tante: „Und wo sind die kleinen
Beißerchen?"

„Hier!" versetzte sauersüß lächelnd das Jüngel-
chen und vergrub mit einer kratzenden Bewegung
alle zehn Finger-in den Haaren!

Soviel ich weiß, unterließ es beim Aussteigen
meine Tante, ihm zum zweiten Male mit der
Hand wohlwollend über den Krauskopf zu fahren.

«. v.

Wahres Geschichtchen

Eine pastorswittwe wollte ihrer zst jährigen
Tochter, die von ihrer Bildung stark überzeugt war,
einen ganz besonderen geistigen Genuß verschaffen
und schenkte ihr deshalb ein Theaterbillet für
Goethes „Iphigenie." Die Torhter machte große
Toilette und saß hinter ihrem Theaterzettel in der
Parquetloge drei Stunden ab. Bei ihrer Heim-
kehr fragte die Mutter: „Na, wie hat es Dir
gefallen?" Die Tochter antwortete wörtlich:
„Die Genoveva hatte so ein nemod'sches Kleid
an und sprach so dwatsch."

Höchste Devotion

„Euer Exzellenz! In Dero Glas sind eine
Fliege."

Line Legende

Als unser Heiland ’mat unerkannt
Mit Petrus wieder durchzog das Kand,

Am ?u sehn, ob die Menschen auch mildthätig wären,
And nicht blos beteten: „Herr Jesus, sei unser Gast!" —
Sondern, um ihn dadurch selber ?u ehren, —

Jedem Armen gewährten Gehrung und Rast,

Kam er nach Grüneberg auch im Schlesischen §and,
Wo er aber nur mäßige Aufnahme fand. —

Als die Heute dort aber hinterher
Erfuhren, wer das gewesen wär, —

Kiefen sie ihm nach, und sprachen: ,,C) Herr!

Mir bitten Dich um Entschuldigung sehr,

And versprechen Dir bei Deiner Wiederkehr
Dich gut aufMnehmen dafür um so mehr!" —

Da nickte der Herr: „Das ist brav von Euch!"
Darauf faxten die Grüneberger sogleich
Wieder Wuth, und sagten: „Damit wir auch Mein,
Dir versetzen können, kehrst Du wieder mal ein,
Katz doch solchen fortan auch bei uns gedeih'n!" —
Der Herr nickte wieder: „Es möge so sein!" —
Als sie fort waren, schüttelte Petrus das Haupt:

„O Herr! Ist mir etwas ?u sagen erlaubt,

So hätten die Grüneberger allein

Doch Strafe verdient, und nicht Berge voll Wein!?"

Da lächelte aber der Heiland und sprach:

„Beruhige Dich, — der Wein ist auch danach!"

Kn.

Warum die Beamten drei Stunden
Mittagspause nöttttg daven.

Komme ich eines Mittags zufällig in ein Restau-
rant, in dessen Räumen vorzugsweise Mitglieder
des Beamtenvereins verkehren. Sitzt da an einem
langen Tische ein Sortiment hagerer und dick-
bäuchiger brillenbewaffneter Herren. Jeder hat
ein Papier vor sich liegen und studiert dessen
Inhalt.

Die Mienen der Herren verrathen angestrengte
Geistesarbeit. Offenbar erledigt man hier eine
wichtige Angelegenheit, dachte ich mir.

Es verging ungefähr eine halbe Stunde — ich
hatte mein Mittagbrot bereits verzehrt — da blickte
einer der Herren auf, winkte den Kellner herbei,
und indem er das Papier bei Seite legte, sprach
er erleichtert aufathmend:

„Also Kraftbrühe, Lendenbraten und Preißel-
beeren."

Jetzt wußte ich, warum die gestrengen Herren
eine dreistündige Mittagspause nöthig haben.

Elsässer- französisch

wie eine alte Straßburgerin ihre Katze ruft:

„Oü L5-ru, mon eher Kamarankele? Viens
donc ici, Schnapagickele chdri, mon vieux Schma-
guckele! Komm, Simirle, komm!"

Variante

wer hat dich, du schöner Wald,
Ausgeholzt bis hoch da droben?!

Wohl den Kerl, Ihr könnt mir's jlooben,
Möcht' ich prügeln, daß es schallt!

Armer, schöner, grüner Wald!

J« T.

Uebersetzungskunst

Mitte sectari rosa quo locorum sera moretur.

(Horaz, Oden I, 38.)

Laß ab zu forschen, wo in aller Welt Rosa sich
so spät Abends herumtreibt.
Adolf Wagner: Zeichnung ohne Titel
R. V.: Die Beisserchen
Kn.: Eine Legende
Jakob Horsch: Die Gräber der Ferne
[nicht signierter Beitrag]: Wahres Geschichten
[nicht signierter Beitrag]: Übersetzungskunst
[nicht signierter Beitrag]: Höchste Devotion
[nicht signierter Beitrag]: Warum die Beamten drei Stunden Mittagspause nötig haben
[nicht signierter Beitrag]: Elsässer-Französisch
J. T.: Variante
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