Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 8.1903, Band 2 (Nr. 27-52)

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1903

JUGEND

Nr. 46


O

Aber so oft ich von nun an auch kam, ich
sah ihn entweder am Eingang der Anlagen stehen
oder geschäftig umherhumpeln, um unauffällig
ein Opfer zu umgehen, welches ihm zu ent-
wische» drohte.

So wurde er mir mit der Zeit eine Er-
scheinung, welche zu meinem täglichen Spazier-
gang gehörte, und mehr der Gewohnheit als
werkthatiger Liebe folgend, entrichtete ich jedes-
mal meinen Nickel:

Eines Tages nun hatte ich meine Börse ver-
gessen und suchte mit einer gewissen Verlegen-
heit in allen Taschen nach dem obligaten Obo-
lus, während der Alte mich mit wohlwollendem
Lächeln betrachtete.

Endlich tröstete er gutmüthig: „Für dös oane
Mal, Herr, liegt nix dran!"

ver $obn seines Uaters

Kurt Wender, einer meiner Universitats-
freunde, Jurist geworden, mußte er oft
hören, welch glänzende Carriere ihm bevorstehe,
da doch sein.Vater, der Präsident Ritter von
Wender, ein großes Thier und bei Hofe per-
sona grata sei.

„Ihnen kann es freilich nicht fehlen!" hieß
es allgemein, Kurt aber kümmerte sich nicht da-
rum, was lag ihm damals an dem Geschwätz
der Leute?

Als ich ihm zu seinem hervorragend gut be-
standenen Universitätsexamen gratulirte, meinte
er mürrisch: „Du weißt, ich Hab mich redlich
geplagt zwei Jahre laug — und es war gut,
daß ich's gethan — denn man prüfte mich strenger
als die andern, weil ich der Sohn meines Va-
ters bin; Geheimrath Berger selbst hat mir's
hernach durchblicken lassen — und trotzdem sagen
jetzt die Leute: ,Natürlich, der Herr Papa!'"

Ich lachte ihn aus, daß er sich seine gerechte
Freude über den wohlverdienten Erfolg verderben
lasse, und bald lachte er mit.

In den folgenden Jahren aber wurde ihm
so eft mit dem Hinweis auf seinen Vater jedes
eigne Verdienst abgesprochen, daß er allmählich
bitter und reizbar wurde. Aber er blieb klug
genug, sein weiteres Schicksal nicht seiner Pro-
tektion zu überlassen, sondern arbeitete fleißig auf
das Staatsexamen, so fleißig, daß er kurz vor
der Prüfung mit seinen Nerven zu Ende war
und unverdient schlecht abschm'tt.

Nachdem er mir seinen Mißerfolg mitgetheilt
hatte, sagte er mit schwachem Lächeln: „Eins
tröstet mich über meine Niederlage... jetzt wer-

den doch die Leute nicht mehr behaupten können,
daß Papa mich protegirt hat."

Ich nickte nachdenklich; sollte ich ihm er-
zählen, daß man in der ganzen Stadt sagte:
„Herrgott, wie dumm muß dieser Wender sein,
wenn ihm nicht einmal sein Vater, der Präsi-
dent, zu einer besseren Note verhelfen konnte?!"

0 Mensedenderr!

n einem Sommerabend kehrte ich von einem
Spaziergang zurück und wählte möglichst
wenig belebte Straßen, um dem Staub lind
meinen Bekannten zu entgehen. In ein ein-
sames Gäßcheil tretend, gewahrte ich eine ele-
gante jlinge Dame, die sich mit einem Krüppel
unterhielt und gerade die Börse zog.

Ich sah scharfer hin — ei, die kleine Saß-
nitz als hl. Elisabeth und gar im Verborgnen!

Jetzt schritt sie elastisch weiter, ich folgte lang-
sam ; sie sollte nicht wissen, daß ich Zeuge ihres
Samariterwerks gewesen. Erst als sie in einen
belebten Platz eingebogen war, sprach ich sie an.

„Guten Abend, Baronin, wie haben Sie sich
gcsteril beim Nennen unterhalten?"

„Ah, es war furchtbar langweilig; denken
Sie, auch nicht ein Einziger ist gestürzt!"

Die Germania

3» Nüdesheim wars in einer mondhellen Juli-
nacht — ich trank in einer Geisblattlaube
am Ufer des Rheins an der dritten Flasche. Und
als ich dazwischen wieder einmal traumverloren
aufblickte, sah ich plötzlich nicht weit von mir
eine ungeheuere Frauengestalt sitzen. Das mäch-
tige, lorbeerumkränzte Haupt auf die Hand ge-
stützt, starrte sie nachdenklich in die glitzernden
Wellen dcs Stromes.

Seltsam, das ist doch die Germania! Wohl
gar ein neues Nationaldenkmal! dachte ich ver-
wundert, während ich durch den Garten auf das
jugendliche Riesenweib zuschritt. Und mehr zu
mir als zu ihr sprechend, sagte ich halblaut : „Was
sinnst Du, erhabene Jungfrau? Ueber die Wclt-
machtstellung des Reiches? Ueber die Gefahren,
die seiner Größe drohen von außen, über den
Hader der Parteien, der cs im Innern zerwühlt?"

Jäh prallte ich zurück; denn die Gewaltige,
die mir nur ein Bild aus Erz geschienen, ant-
wortete mit dumpfer, sorgenvoller Stimme: „Ich
überlege, ob der blaugraue oder der hellgraue
Mantel meine Armee besser kleidet!"

Arthur Scbubart

Die Mama

„Der liebe Gott im Himmel blau,

Sag', Mutterl, hat der auch 'ne Frau?"
„Nein!" — „Warum nicht?!" — „Weil,

thöricht Kind,

Er keine schön und gut g'nuq find't!"

„Der arme liebe Gott! —- Ja, ja,

Er kennt Dich eben nicht, Mama!"

Reinhard Volker

Jugend — Hlter — üod

0u dem Triptychon von, Richard pfeifser auf der
nächsten Seite)

wir kamen, froh erglüht, vom Zrühlingsfest
Und schritten plaudernd durch das alte Nest,
Mein schlankes Lieb und ich, verklärten

Blick's,

Im Rausch der Jugend und im Rausch

des Glücks.

Zu Rüste ging des Maientages Lauf,

Tie Sterne und die Lampen glommen auf,
Grauweiche Dämmrung spann die Giebel ein
Und doppelt heimlich war's im

Zwielichtschein.

Da kam ein Leichenzug den weg entlang
Mit Kerzenflackern und mit dumpfem Sang;
Biel dunkle Schatten schwankten hintennach
Und Schluchzen tönte und mein Liebchen

sprach:

„Da sieh, wie traurig — und wie schön

zugleich!

wie ist die Welt an Schmer; und

Wundern reich!"
Und wieder zeigte meines Mädchens Hand
Lin ander Schauspiel, nah' am Straßenrand,
Wo einsam still ein altes Weiblein saß
Mit großem Schirm und rundem Augenglas,
In einem Mäntlein aus verscholl'nem Jahr
Und einem Hut, der noch viel älter war;
Welk, dürr und wunderlich war die Gestalt — ,
Just, wie ein Schalk die alten Jungfern

malt.

„Wie drollig " rief die holde Thörin da:
„Das Lächerliche dem Lrhab'nen nah'!"

Ich aber schwieg und schaute vor mich her:
Mit einem Schlag ward meine Seele schwer
Und tiefen Mitleids voll Hab' ich gedacht:
„Wie doch das Glück der Jugend

grausam macht,

Die Llend häßlich schilt und nicht ermißt,
Wie Altern trauriger, als Sterben ist!"

Ii. Xi. Xi.

J. Wackerte (München)
Joseph Wackerle: Fütterung
L. L. L.: Jugend - Alter - Tod
Reinhard Volker: Die Mama
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