Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 11

1904

Erste Liebe

Das war mein erstes Minncspiel,

Du spieltest's mit dem Knaben.

Dn gabst mir Freuden und Leiden viel,
Hab' Dank für Deine Gaben!

Ein Händedruck war all mein Lohn
Und Deiner Augen Leuchten,

Die mir glückseligem Erdensohn
Zwei flammende Sonnen beuchten.

Wohl Hab ich schon seit jener Stund'
Manch heimlich Glück genossen;

Mir ist von schöner Frauen Mund
Viel Heil ins Herz geflossen.

Und doch gedenk' ich jener Zeit
Und an Dein Wohlgefallen,

Da töns's wie durch die Büsche weit
Gesang der Nachtigallen.

Und mich umfängt ein Wonnesein
Und seliges Genügen —

Es ist so schön, im Sonnenschein
Wunschlos im Gras zu liegen.

feiger

fß u tterseden allein

Huscht ein Seelchen durch die Straßen -
Das sich nach der Mutter sehnt —

Ueber Stock und Stein ;um Rasen,

Der sich an dem Wasser dehnt.

Huscht allein, vom Glück gemieden,
Durch den wilden Lärm der Stadt;

Sucht nach Freuden, sucht nach Frieden,
Die es nie gesunden hat.

Irrt am Wasser und verschwindet
Zn den Wellen still und ties;

Huscht und irrt, und sucht und findet
Rast beim Mütterchen, das rief.

ü. «J. Straus»

Der Sieger

(Eine Scene von Luüwig Bauer Wien)

Das Chambre separ^e eines vornehmen Wein-
restaurants. Mitternacht, vor dem Spiegel steht
Emma (28 Jahre) und sieht prüfend und ängst-
lich auf ihr (Ebenbild. Sie könnte zufrieden sein;
es ist sehr blond, schlank; das Gesicht klug und
fein, aber nicht mehr ganz jung. Um die schönen,
guten Augen noch kein Lältchen, aber ein gewisses
Etwas, das anzeigt, daß sie bald kommen werden.
Die Hände zart, doch ein bischen roth und ab
gearbeitet. Das Aleid sehr, sehr einfach — zu
einfach sogar für diese Umgebung, die nach Seide
und Spitzen zu verlangeil scheint.
Martin (35 Jahre) tritt ein. Salonrock und
schwarze Linde. Bedeutendes Gesicht mit un-
ruhigen Augen, in denen man sich nicht auskennt.
Die Züge verändern sich unter dem Einflüsse jeder
Stimmung außerordentlich. Er sieht bald wie
ein junger Mann, bald wie Jemand aus, der
vom Leben nichts mehr zu erwarten hat. Der
verzweifelte, trotzige Ausdruck huscht am häufigsten
über sein Antlitz.

Emma: 0 Du l (Sie sehen sich lange for-
schend an, ohne sich einander zu nähern.) Du!
(Er küßt sie freundschaftlich, ohne Leidenschaft.)

Martin: Laß Dich ansehen! Zwei Jahre
sind so lang, so mörderisch lang... Du bist hüb
scher, als früher —

Emma: Und Du bist — anders, als früher.
Du machst Eomplimente. Das darfst Du nicht.
Daran erkenne ich, daß ich Dir nicht mehr bin,
als die Anderen...

Martin: Du nicht mehr? Aber da müßte
ich ja meine ganze Vergangenheit aus meinem
Leben streichen...

Emma: Mir scheint, das wäre Dir gar nicht
so unangenehm.

Martin: Ls wäre entweder entsetzlich oder
herrlich . . . (Der Aellner bringt den ersten Gang),
wenn ich ein anderer werden könnte, einer, der
für dies Leben taugt, dann wäre es herrlich.

Emma: Dn taugst so gut dafür! Heute Abend
habe ich es lebhaft empfunden, wie Du Dich
vor ihnen verbeugtest, vornehm und, weißt Du,
auch so ein bischen frech, da dachte ich mir: der
Martin kennt sich aus! Um den brauche ich
nicht besorgt zu sein, beit kriegen sie nicht mehr
unter. Der wird nie mehr in einem Dachzimmer
wohnen müssen.

Martin (rauh): Nein. Aber wenn Du glaubst,
daß der Salon glücklich macht —

Ernst Vollbehr
Ludwig Bauer: Der Sieger
Ernst Vollbehr: Zierleiste
Edgar Steiger: Erste Liebe
Julius Jacob Strauß: Mutterseelenallein
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