Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 35

j U^N o

Nr. 35

„Ja," sagte der Pfarrer, „machen Sie ihn nur gut ficitte! — Und wenn
Sie vielleicht ein wenig Schinken haben — für auf's Brot — —"

Die Alte sah ihn starr an, dann drehte sie sich rasch um und lies in die
Küche. Die Thränen traten ihr aus Len Augen. Der Herr Pfarrer wollte
Schinken haben, Schinken!! — — Es mußte etwas außerordentlich Glück-
liches passiert sein!

Spater gab ihr der Psarrer drei große Briese, die mußte sie zur Post
trage» und cinschreiben lassen.

Der eine ging nach Würzburg an den Bischos, darin war ein Schreiben
des Pfarrers und die Abschrift einer Petition. Die beiden andern aber ent-
hielten die Petitionen selbst, die eine war an die Reichsrathkammer gerichtet
und die andere an das Haus der Abgeordneten in München.

Der Abgeordnete von Daller, l^r Mitglied der Petitionskommission war,
las sie zuerst.

Sie lautete:

„Pctitiou des Pfarrers Liborius Dornblüth zu Gampels-
kirchcn um Erlas, eines Gesetzes bezüglich unverzüglicher Einstellung des
Naturkunde-Unterrichts — und insbesondere der Botanik — in allen
össentiichcn und Privatschulen des Königreiches Bayern wegen
Gefährdung der Sittlichkeit.

ES ist, so führte der Bittsteller aus. Dank der segensreichen Initiative der
Fraclio» des Centrums, in den letzten Jahren in den Landen der bayrischen
Krone vieles geschehen, um der wie ein hässlicher Moloch ihr Haupt srcch
erhebenden Cittcnlosigkeit entgegenzutrcten. Das Nackte ist aus de» Schau-
fenstern, in denen es sich wohnlich einzurichten trachtete, verbannt worden,
Bücher und Zeitschriften unkeuschen Inhaltes werden »ach Möglichkeit von dem
Publikum ferngehalten. Es lässt sich nicht verkennen, das; mehr und mehr
treue und fittenreine Söhne der Kirche in die Stellen einrücke», die bisher
von zweiselhasten liberalen Personen besetzt waren. Und trotz alledem steht
es leider fest, dass nach wie vor die Moral in unfern armen Lande noch arg
darnieder liegt. Ein schmutziges, aber untrügliches Kennzeichen dafür ist die
Statistik, sie zeigt uns, das, in den Städten sowohl, wie auf dem flachen Lande
die Zahl der unehelichen Geburten, die ohnehin erschreckend gros, ist, sich noch
vermehrt. Sich vor dieser Erkenntnis;, so ekelerregend sie auch sein mag, vcr-
4 !' ! h schlichen, heißt Vogel-Strauß-Politik treiben: ein guter Arzt aber legt de»
Finger in das offene Geschwür, sucht nach der Ursache und schneidet, wenn er
§ den krankheitcrrcgcnden Herd gefunden hat, ihn mit scharfem Messer heraus. —

Der Bittsteller lebt in der heiligen Uebcrzeugüng, endlich die Wurzel des Uebels
gesunden zu haben, deren schleichendes Gift den ganze» Organismus unseres
Volkes durchzieht. Eie liegt in der Schule und sie heißt Botanik!

Bittsteller ist in seiner Eigenschaft als Schuliuspcktvr — in vierzehn Ge-
meindeschulen, einer Realschule, einer Bürgermädchenschule und einem Lchrer-
scminar — häufig Zeuge der schamlosesten Vorgänge, linier Anleitung der
Lehrer, die darin nur den vorgeschriebenen Unterrichtslehrbüchern folgen,
werde» die jungen Seelen genöthigt, das Geschlechtsleben der Pflanzen bis
in die kleinste Einzelheit zu studieren. Ohne mit der Wimper zu zucken, führt
der Lehrer die reinen Gemüther in einen Pfuhl des Lasters, in ein Sodom
der unerhörteste» Perversionen. Der ganze Unterricht in der Botanik ist nur
zugcschnitten auf eine Betrachtung der ekclhasicn Ausübung ihrer Geschlechts-
sunktioncn! Bis in das Kleinste wird den Kindern z. B. der Bau des weib-
lichen Geschlechtstheiles der Blumen, des sogenannten Stempels auscinander-
gesetzt, nicht nur im Bild, sondern gar an den Pflanzen selbst. Sie werden
gezwungen, die Narbe, den Griffel, den Fruchtknoten, den Keiinmnnd, de»
Kcimsack zu zeigen. Statt vor Scham in den Boden zu sinken, setzt ihnen der
Lehrer mit cynischer Offenheit auseinander, wie die Pflanzen bald eine Selbst-
besruchtung, bald eine Fremdbefruchtung vorziehen. Er erklärt den harmlosen
Knaben oder Mädchen haarklein, wie die Blume durch ihre Farbe und ihren
Tust die Insekten aulockt, wie diese in die Blume hinein kriechen, um den
Honig zn naschen, den ihnen die Blume gewissermaßen als Belohnung für
ihre kupplcrischc Thätigkeit bietet. Er setzt ihnen auseinander, wie die Käser,
Bienen, Hummeln, nachdem sie in der einen Blüthe sich mit dem männlichen
Blüthenstaub beschmiert haben, nunmehr in die nächste Blüthe fliegen, um
dort aus der iveiblichcn Narbe den ekelhaften Staub wieder abzustreisen und
sie so zu befruchten!

Wahrlich, in einem Bordelle können nicht widerwärtigere Gespräche ge-
pflogen werden! Was nutzt eS, daß in jedem andern Unterricht, in der Ge-
schichte, in den Sprachen u. s. w. peinlich alles Unkeusche und Unsittliche aus-
geschlossen tvird, wenn man in der Botanik das Geschlechtliche geradezu zum
Mitlelpunkle des ganzen Unterrichts macht? Denn cs wird znm Mittel-
Punkte gemacht, das kann und ivird niemand abstreiten ivollen!
Sind nicht schon die botanischen Systeme nur aus den Besruchtungs- und Gc-
schlechlsunterschieden der Pflanzen ausgebaut?

Man glaubt ein Lehrbuch griechischer Hetären über die ara amatoria vor
sich zu habe», wenn man die Kapitelübcrschristen des „klassischen" Werkes des
sogenannten Naturforschers Linus liest. Er theilt die Pflanzen in Klassen ein

nach-der Zähl der männliche» Geschlechtstheile! lltid die Klassen wieder

in Ordnungen — nach der Zahl der weiblichen Geschlechtstheile!! Erste
Klasse: Monandria, Pflanzen mit einem weiblichen und einem männlichen
Geschlechtstheile. Das scheinen die einzigen halbwegs anständigen Pflanzen
zu sein! Aber dann geht's weiter: Diandria, Triandria, Tetraudia und so
weiter, bis wir in der Xlll.Klasse die Polyandria treffen! Also: Zwei, drei,
vier und schließlich zahllose männliche Theile immer gegenüber einem weib-
lichen. Natürlich finden wir auch das Gegenlheil, die Polygamia, in der
XXIII. Klasse! Am schmachvollsten geht es in der XX. Klasse zu, der mann-

Walter Oeffcken München)

Ein japanischer Offizier (der einige Meter abseits liegt): Sie werden
es ertragen.

Der Russe: lver da? Kamerad?

Der Japaner: Nein! Ich bin der Leutnant vom japanischen
Infanterie-Regiment und heiße . . . Aber augenblicklich ist die Vor-
stellung doch überflüssig.

Der Russe: VH ... Sie können sich bewegen?

Der Japaner: Leider nicht so, wie ich wünschte. Mein rechtes Vc!»
hängt nur an einem Hautfetzen.

Der Russe: Und ich hab's in der Brust! Aber Sie sprechen russisch!
lveun Sie Ihren Landsleuten ein Zeichen geben wollten —

Der Japaner: Das wäre überflüssig. Es ist meilenweit niemand
da. Die Lolonne ist natürlich wciterinarschiert. lvir liegen mit ein paar
Leichen unter diesem Gehölze. Deshalb hat man uns nicht bemerkt.

Der Russe: verdammt! lvir sind also verloren?

Der Japaner: Sie haben vollkommen Recht, Herr Hauptmann!

Der Russe: Aber könnten wir einander nicht helfen?

Der Japaner: Ich kann nur ganz wenig rutsche», weil mich der
Blutverlust zu sehr geschwächt hat. Ich habe die ganze Nacht dazu ge-
braucht, um mich einige Lentimeter von diesem todten Kameraden zu ent-
fernen. Lin braver Bursche — aber er riecht schon! Bei dieser Feuchtig-
keit — es ist ihm nicht zu verdenken.

weiblichen, Gynandria, in der die
verschiedenen Geschlechtstheile zusam-
men wachse»! — In diesen Pfuhl von
Perversionen und Gemeinheiten muß

das arme Kind-gezwungen

von ver Regierung-unter-

tauchen!

Muß es nicht angeben können,
wie viel Stempel und wie viel Staub-
gcsäße, d. h. wie viel männliche und
weibliche Geschlechtstheile eine jede
Blume hat? Muß es nicht die Art der
Befruchtung genau angeben können?

Den Gang der Entwicklung der Fruckst
im Einzelnen schildern? — Wie aber
will das Kind seine Seele rein halten,
wenn es zum Beispiel folgende Fragen
beantworten soll:

„Warum hat diese Blume eine so
schöne leuchtende Farbe?"

Das Kind antwortet: „Um die
zur Befruchtung nöthigen Insekten
anzulocken."

Der Lehrer fragt weiter: „Warun,
hat sie einen so prächtigen Dust?"

Das Kind: „Aus demselben
Grunde!"

Der Lehrer: „Warum birgt die
Blume tief im Kelche den süßen
Honig?"

Das Kind: „Um die Insekten zu
verlocken, ganz hinein zu kriechen und
so die Befruchtung zu vollziehen!"

Kann eine Dirne sich mit ihrem
Galan schamloser unterhalten?! Aber
es kommt noch schlimmer. Bittsteller
bringt folgende T h a t s a ch e zur Kennt-
niß des hohen Hauses.

In der Nähe des Dorfes Neu-
Lötting befindet sich ein großer Kasta-
nienwald. Sei es nun. daß sich dott
nicht genügend Insekten zu Kuppel-
diensten finden, sei es aus einem andern
Grunde, jedenfalls werden die arme»

Schulkinder alljährlich einmal zu einer
jeder Beschreibung spottenden Ver-
richtung gemißbraucht. Alljährlich am
zweiten Dienstage im Monat Mai fällt
die Schule des Nachmittags aus und
die Kinder ziehen unter Führung ihrer
Lehrer und eines alten Försters in den
Wald hinaus. Dort brechen alle große
Zweige mit Blüthcnkerzen ab und
durch ziehen dann jubelnd und singend
den Wald, wobei sie nnt den Zweige»
in die Bliithenäste der Bäume schlagen,
um so die Befruchtung zu vollziehen.

Auf Kosten derGcmeinde, derderWald MARKT

gehört, bekommen die Kinder nach ge-
thaner Arbeit — die Feder sträubt sich,
das reine Wort „Arbeit" für solch

ein Werk niederzuschreiben! — im Forsthause Wurstbrötchen und Kassie
Als Kuppellohn, geradeso wie die Insekten Honig erhalten! — Das alles
geschieht unter den Augen der Negierung, der Gemeinde, der Geistlichkeit, ohne
daß sich eine Stimme erhebt, die sich gegen ein Treiben wendet, wie es Go-
morrha nicht schlimmer kannte!

Aber das ist es eben: diese pestartige Krankheit hat sich so tief eingefressen
in das Herz des Volkes, daß man ihrer gar nicht bewußt wird, ja sie w>e
eine natürliche Erscheinung hinnimmt. Wie die wilden Völker in schamloser
Nacktheit herumlausen, wie die Hure mit brutaler Selbstverständlichkeit über
die erschrecklichsten Sachen schwatzt, genau so geht es heutzutage in christliche"
Schulen zu und kein Mensch findet etwas dabei!

Ein -Schrei der Entrüstung erschallt aus dem Munde des Bittstellers und
er hofft, daß dieser Schrei ein Echo in Millionen katholischen Kehlen finde"
möge! — Hier setze man das Messer an, schneide das eiternde Geschwür aus
dem Fleische des Volkes! Das Beste wäre cs ja, alle Pflanzen auf der ganze"
Erde auszurotten, diese wollustgierenden, blutschänderischen, perversen Geschöpf
mit Stumps und Stiel auszurotten. Bittsteller ist sich wohl bewußt, datz
wir zur Zeit außer Stande sind, dieses Mittel anzuwenden, das eine spätere,
reinere und christlichere Generation zweifellos einst benutzen wird. Aber ein
anderes können wir thun, wir können das schamlose Geschlecht der Pflanze"
einfach übersehen, eS existiere nicht mehr für einen guten Christen! Unt>
erste Schritt hierzu ist der: .Fort mit dem Boianikunterricht aus den
Schulen!'

Caveant consnlesl Möge das hohe Hans den Rath des Bittstellers be-
herzigen. so lange es noch nicht zu spät ist! Möge es die Seelen unserer Kinder,
die Zukunft des bayrische» Volkes, reinhalten von einer jauchenden Fäulnis,,
die die Dirne Wissenschaft in einem Jahrhundert des Unglaubens auSgespieen
hat!" -

Als der Berichterstatter der PetitionScommission, Herr von Daller, soweit
i" seiner Lektüre gekommen war, hielt er inne, um eine Prise zu nehmen.

„Heiliger Polycarp!" sagte er nachdenklich, „der Mann kommt entweder
i"'s Irrenhaus-" Er nieste zweimal heftig.

„-oder —" fuhr er etwas bestimmter fort, „oder er wird einnial

bayerischer Cultusminister."

.Huf dem $d)lad)tfeld

von Lucirvrg Bauer (Wien)

.. Tine schlammige Ebene der Mandschurei, auf der im Morgendämmern
>e Umrisse verstreuter Körper sichtbar werden. Ein leichter Dunst von
ueuchttgkx,^ vermischt mit den Gerüchen von Blut, Pulver und ... ver-
ssung zieht durch die Lust.

Ein russischer Offizier (schreiend sich auf dem Boden wälzend): Es
" unerträglich l

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