Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 2 (Nr. 27-52)

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Meyer-Cassel

Herr vagbranct

pTCit Zeichnung von Robert Lngels)

Herr Dagbrand kämpfte harten Strauß
Mit Ungemach und Lrdengraus.

Die Pest verschlang ihm Weib und Kind,
Der Krieg ihm Hof und Ingestnd.

Und wie er ganz sich arm vermeint,

Stahl ihm verrath den liebsten Zreund.

Da packt' Herrn Dagbrand wilde Lust,

Das Unheil zwang er Brust an Brust —

Und wieder wuchs ihm Gut und Land,

Und wieder drückt' er Zreundeshand,

Und wieder trug ihm Reis auf Reis
Lin lachend Liebesparadeis.

Herr Dagbrand ritt durch tiefen Wald,

Am Schenkel stramm die Zaust geballt,

Und lachend sprach er still bei sich:

„Du Leben du, ich zwinge dich!"

Und ritt und ritt durch schwarzen Wald,

Da ward es eigen stille bald.

Die Blätter hingen bang und schwer,

Kein Rauschen war und Raunen mehr.

Des Rostes Huf gab keinen Klang,

Das Reh hielt still auf seinem Gang.

Und langsam, sieh! aus Sumpf und Moor,
Wächst still und stumm ein Weib empor.

Lin schweigend Bild, ein ragend Bild,

Wie Zelsenthurm im Herbstgesild.

Ihr Mantel fließt wie Rebelthau,

Vom Scheitel hängt ein Schleier grau;

Doch hinterm Schleier, dünn wie Rauch,
Kein Aug', kein Mund, kein Athemhauch,

Kein Merkmal eines Angesichts —

Der Schleier deckt ein schaurig Richts.

Herr Dagbrand wendet scheu sein Roß.

Das fand wohl heim nach Dagbrand-Schloß.

Sein Wort erstarb wie Abendweh'n:

„Run Hab ich, Leben, dich geseh'n."

Sein Blick war hohl, sein Herz durchgraut,
Das Leben selbst hatt' er erschaut.

Otto krnst

's ITlarei

Aus den Papieren eines Arztes

Der alte Holzer-Bertl läge im Sterben
und wenn es auch tauni der Mühe Werth sei, so
solle der Herr Doktor doch um des lieben Herrgotts
Willen noch herauskommen und schau'n, was zu
machen. Er sei halt so viel leidend, denn er habe

sich den Hals abgeschnitten-". Der Bote, der

mir diese Mittheilung brachte, stoßweise und keuchend
vom raschen Gang, war ein junger Knecht vom
Kreuzbauernhof und das Häusl des Holzerbertl lag
noch ein gut Stück weiter oben im Berg, Da war
also keine Zeit zu verlieren, „Er sei halt soviel
leidend, denn er habe sich den'Hals abgeschuitteu"
— das war keine Bitte mehr, das war ein Beseht
und so schnell ich konnte, packte ich mein „Verband-
zeug" und was sonst in einem solchen Fall noth-
tvendig erschien, zusammen und stapfte dem Burschen
nach in den trüben Herbstabend hinaus.

Im Wandern erzählte er mir, was er wußte.

Jeden Tag um 5 Uhr kommt der Bertl aus den
Kreuzbauernhof, um seine Paar Maß Milch zu holen,
frisch vom Melkeimer weg, für sich und das Marei,
Nimmt auch zuiveile» einen Laib Brod mit, den er
geschenkt bekommt oder gar einen „Wecken" aus
weißem Mehl oder ein Paar Schmalznudln, wenn
die Bäurin gebacken hat, sagt sein „Vageltsgott!"
und trollt wieder hinauf in die kleine armselige
„Oansigl"-Hütt'n an der oberen Graslahn.

Dort ist sein Schatz und seine Freude. Ein Paar
hundert Meter unterhalb der Hütte läßt er schon
einen Jodler hinaus, sie zu begrüßen und man
würde es nicht denken, wenn man's hört drunten
im Thal, daß der so jodelt schon ein guter Sechziger
ist und sein Schatz bloS ein guter Vierer, bald man
so sagen darf. Das Marei ist nämlich nit sein Weib
oder gar ein Jüngferlein von so tausend Wochen,
sondern ein kleines Dirndl von fünfthalb (vierein-
halb) Jahren und weiß eigentlich kein Mensch, war-
um der alte Bertl es zu sich genommen hat nach
dem Tod der Filzhofertoni dazumal. Wo er doch
selber nichts hat und nur grade mit Kräutln und
Kochlöffeln hausiren geht im Thal herum. Aber so
ist's nun einmal, das Madl ist da und ist der Aug-
apfel vom Bertl und er kennt keinen andern Ge-
danken als für das Kindl zu sorgen Tag wie Nacht.
Morgens in der Früh richtet er ihm seine Milch
zusammen oder einen Kaffee aus Eicheln oder Gersten-
körnern, die er selbst geröstet hat, streicht ihm für
den Vormittag für „die Brodzeit" ein Butterbrod
und legt's aus den Fenstersims, daß es essen kann,
wann es mag. Dann geht er ins Dorf hinab,
seinen Handel zu betreiben. Schweigsam und gries-
grämig ist er da und macht spaßige Redensarten,
daß die Leute sagen, er spinnt ein bist. Aber sie
lausen ihm doch hier und da ivas ab und, die sein
„Verhältniß" kennen, schenken ihm auch manchmal

was Guts für das Marei, Lebkuchen oder Kirschen,
Aepfel oder ein altes Röckerl zum Anziehu, je naa?
dem. Mittags ist er dann wieder bei ihr und koch»
ihr dann einen Schmarrn oder sonst was, denn er
kann drei oder vier solche Kochkunststück', und ei»;
Brennsuppe und legt sie hernach ins Betterl, dal!
sie schläft bis er heimkommt, Schöne Lieder singt er ihr
und wiegt mit Fußtritten die alte knarrende Wieg',»'
während er Kochlöffel dabei schnitzt oder PseifenstoPie»
oder Waschklupp'n und derlei wichtigen Hausraths

Sobald sie schläft, schleicht er auf den Zehen da"
von, wieder ein Paar Stünderln ins Dorf hi»»»
und um 5 Uhr kommt er und holt den Milchkübe
im Kreuzbauernhos für sich und das Marei. S»
wars Tag für Tag, Aber heut ist er nicht gekoi»"
men. Die rothe Cenz, die Oberdirn, die allweil s»
besorgt um den „guatn Depp'n" ist, hat gleich ge-
sagt: Paßt aus, da is ein Unglück g'schehn! l*»D
hat ihn, den Knecht, hiilausgcschickt, daß er nachscho»»
Jessas, waS war das, wie er in die Hütt'n getreten
ist! Alles unladum voll Blut und der Bertl mitte»
drin am Boden mit einem weltsgroßen Loch »»'
Hals und das Rasiermesser hat er noch in der Ha>»
gehabt. Aber hat kein Zeichen gegeben, nur grao
geröchelt hat er noch, daß man 'kennt hat, er leb»
Das ist der Loisl mit einem Schrei fort und dire>
zum Herrn Doktor. Aber 's wird wohl schon fl»5
sein, bis wir hinauskommen.

So der Bericht, Es war aber noch nicht au»,
bis wir hinauskamen. Der Alte, zu dem inzwische»
Niemand gegangen war, lag noch am Boden, e»>
große Lache Blut um ihn. Am Hals eine lang,
Wunde, die schrecklich aussah, aber nicht gar >»>
ging. Der harte verknöcherte Kehlkopf war stärke
gewesen als' das alte Rasiermesser, das ihn hatt
zersäbeln wollen. Aber aus einer Ader war es»
starke Blutung erfolgt und der Atem des Lhninäab
tigen ging langsam und leise. Es war Zeit. „

Der Loisl half mir ihn auf eine alte „Pritsch»,
legen, die an der Wand stund und brachte Waß^'
daun wurde es ihm „ungut" und er drückte st'»'
Ich mußte mir allein weiter helfen.

Endlich hatte ich den Wunden wieder so >»s'^
daß er die Augen ausschlug. Graue gutmüth'g
Augen, jetzt voll unbesinnlicher Verwunderung. <A,.
bin ich? Bin ich todt?" — „In Deiner ©tu»
bist, Bertl. Sei nur ruhig und" rühr Dich »!'
sonst wird's wirklich Ernst mit dem Todtsein, D>e
mal ists noch dran vorbei gegangen," Er grill '
plötzlichem Erinnern an den Hals. Da lag e>
dicker Verband von Watte und weißen Binden »,„
knisterte bei der Berührung, „Bist Du der Doktor -
Ich nickte. „Bin also nit todt. Warum hast »'%
nit sterb'n lassen?" „Pressirt's denn so, Verl
Wart doch Deine Zeit ab. Bist ja schon an ' „
Siebzig, da wird der Tod eh bald kommen, »jy
man ihn denn mit Gewalt herholen, närrischer Ka»T.^
„Du tvcißt nit, warum ichs 'than Hab! Du >»e»
nit warum!"-
A. De Nora: 's Marei. Aus den Papieren eines Arztes
Hans Meyer-Cassel: Zierleiste
Otto Ernst: Herr Dagbrand
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