Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 2 (Nr. 27-52)

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1904

Märtyrer Hndre

JUGEND

Der Hausgott

Soziale Hymne des Hausbesitzers Jachäus prozerlmaier
an den xenius loci*)

(D hört, was ist in der RAethkasern'

Der Liebe Sonne, des Friedens Stern?

Was söhnt, wenn zwei Parteien im Haus
Sich streiten, die feindlichen Herzen aus?

Was bringt zusammen zu löblichem Thun
Die bösesten Weiber, die niemals ruh'n?

Auf welchem heiligen Hausaltar
Bringt Jeder dem Frieden sein Wpfer dar?

Ls ist, — verzeiht mir das harte Wort! —
Ls ist der gemeinsame FNieth-Abort.

Bei ihm ist Ruh das höchste Gebot,

Lr macht eine Tugend aus der Roth.

Lr bringt zwei Gegnern den Anstand bei,
Sich freundlich zu fragen: „Bitte, ist frei?"

Kurz, Alles drehet um ihn stch nur:

Lr ist der wahre Sitz der Kultur!

*) Justizrach Dr. Baumert in Spandau, Vor-
sitzender des preußischen Landesverbandes städtischer
Haus- und Grundbesitzervereine, wendet sich in einer
Schrift über den preußischen Wohnungsgeseyentwurf
gegen die Forderung, daß jede dttietsipartei einen eigenen
Abort habe. Line Ansteckungsgefahr bestehe nicht und
dann: „Sollte nicht vielleicht gerade eine gemeinsame
Benutzung (des Abortes) erzieherisch auf die Friedfertig-
keit wirken? Denn wenn eine Familie dreimal wegen
Unfriedens gezogen ist, sollte sie dann nicht vielleicht
friedfertiger werden?"

tznnsörucker Strophen

Laßt ab — es ist ein eitles Bemüh'n —
Laßt ab von Eurem Wahne!
sthr schmuggelt uns nicht das Strcischen Gru»
Jn unsre weißrothe Lahne.

Die hielten wir rein, die halten wir rein
Für Lind und Itindeskinder.
wir wollten nicht Knechte des Lorsen sein,
verwälschen woll'n wir noch minder!

Helene Raff (München)

Mm Grabe ZZezzey's

Es rauschen die dunkeln Cypressen
Auf Gottes Ackerfeld,

Wir trüge» mit hohen Ehren
Dich heim aus dieser Welt.

Verblichen die Glut der Farbe»,
Der Helle Sonnenschein,

Ein Leben, geweiht dem Schönen,
Birgt nun der Totenschrein!

Als sic Dein Sterbliches senkten
Zum ewigen Schlummer hinab,

Ta streuten deutsche Frauen
Dir Blumen in das Grab.

Es wehten die stolzen Banner
In deutscher Männer Hand,

An Deinem Sarg stand trauernd
Das ganze Vaterland!

„Heil mir! Durch meine Backe wurde die
Republik im „H andumdreh e«" gerettet!"

Der Ring des Syveton

(Es schleicht als Retter aus der Klemme
Herr Syveton, die feige Memme,

Sich an das Pult und hebt die Hand —

Lin Schlag! Lin lvuthschrei! Lin Getümmel! —
Herr Lombes blickt dankbar auf zum Himmel:
„Gerettet ist das Vaterland!"

Drum punkto Lhr' nicht allzu kitzlig!
Dhrfeigen sind mitunter nützlich,

Und zwar für de», der sie bekommt.

Drum haut Dir Liner eine runter,

So halte still und denke munter:

„lver weiß, wer weiß, wozu sie frommt?"

Cri-Cri

Auf den Berliner Straßen läßt Singer jetzt
Flugblätter verknusen, aus deren Inhalt wir fol-
gende Sätze hervorheben:

„Die großen blonden Junkerkerle werden sich
gewiß stellen, daß ich wieder hier bin; der Pückler-
leben und der Kröcher und der Kanitz und der Bülow
nnd das verfluchte Aas, die Modesteleben Unruh,
und wie sie alle heißen, die vielgeliebten Junker;
sie werden sich gewiß freuen, denn jetzt gibt es
Bimse, steile, Schläge, Senge: jetzt werden wir die
Lümmel znsammenhauen, daß ihnen angst und bange
wird .. . Druff auf die-Junkerbande!. .. Schmeißen
wir das Gesindel jetzt endlich zum Tempel hinaus,
das uns hier gequält und geschunden hat.. . Fort
mit den Junkern, raus mit der verfluchten Bande,
fort mit dem Krocher und mit dem Kanitz, raus mit
dem Bülow, fort mit dem Aas, dem Pücklerleben,
fort mit der ganzen Mischpoke!"

Diese Flugblätter wurden lange Zeit auf den
Berliner Straßen frei und offen verkauft; der Mi-
nister des Innern Freiherr v. Hammerstein hat sich
in seiner Eigenschaft als Privatmann und Junker bei
dem Polizeipräsidenten wiederholt über diese scham-
losen Hetzereien beschwert; der letztere beschied ihn
immer dahin, er habe keine Veranlassung, einzu-
schreiten, denn Singer meine dies Alles nur bildlich.
Endlich ist aber doch die Staatsanwaltschast gegen
Singer wegen Pücklerbeleidigung eingeschritten, tl y
a des procureurs ä Berlin! Damit ist der Beweis ge-
Uefert, daß der Adel in Preußen noch nicht rechtlos ist!

Monolog eines sächsischen Dsfiziersburschen

„Mei Leidnand will mich dodschießen, wenn
de Stiewel noch ämal schlecht geblitzt sin l — Ich
gloowe odj, daß er'sch dhut! Denn beese, beese
is er! — — Awer nee! — So beese ts er nicht"

Ein hoher Visitator kam zu einem als
renitent verschrieenen Pfarrer.

„Wie steht's mit dem Burschenverein?", in-
quirierte er streng.

„Da san die tüchtigsten Burschen derbei!" ver-
sicherte dieser. „Von dene geht koaner zum Fensterln."

„Das ist ja sehr erfreulich — I"

„Freili, dö derfe glei — zur Thür eint I"

Schreibt ans den Stein die Worte:
In deutscher Erde ruht
Als Opfer der Bajonette
Ein junges Künftlerblut!

Laßt »ns den Schwur erneuern
In alter fester Treu':

Wie dieses Grab so heilig
Die dcntsche Erde sei!

Kein Zoll von der deutschen <?***
Tirols der wälschen Brnt!

Kein Zoll von der heiligen Erve-
Gedüngt durch der Ahnen Blut!

kiuckolk Grein; (Irmsbruciü

Eine neue Denkmalskonkurrenz ist soeben
ausgeschrieben worden. Vor dem Reichstagsgebäude
soll als Pendant zu dem Begas'schen Bismarck ein
Scherl-Denkmal errichtet werden. Das Denk-
malscomite, an dessen Spitze der eonservative Land-
lagsabgeordnete v. Woyna steht, will die Kosten
durch eine Sparlotterie ausbringen. §>err Scherl
soll so, wie er im Gedächtniß des deutschen Volkes
lebt, dargestellt werden, d. h. in der Waschküche,
die deutsche Sprache von den Preßverball-
hornungen reinigend. An der Enthüllungs-
feiev sollen alle Wäscherinnen Berlins theilnehmen;
die Eingeladenen sollen, soweit sie dazu berechtigt
sind, im Wasch an zug erscheinen.

Liebe Jugend!

. vf

Scene: Line rheinländische Garnison >» ..f
Rahe Triers. Im Unterricht über vaterländm■
'Geschichte, speziell den Großen Kurfürsten, rvv
der Herr Leutnant die Leute darauf bringen, ss?
wen dieser denn gekämpft hätte, nnd stellte
lich zur Erleichterung die Frage: „Ra, wer o
denn immer unser Erbfeind?"

Prompte Antwort: „Der Martin L»tlst'
Herr Leutnant!"

Der Dreibund in Innsbruck

jsol?n Bull und die Hereros

Sie flüchten, befleckt von Mord und Bru'^l,
Sich in des großen Räuberhauptmanns 2-U

lind dieser nimmt den schwarzen Mörderh^-
Vlimmt ihn vergnügt mir offnen Armen

„Ihr kleinen Brüderchen!" grinst er und
„Dank' euch! — Ihr habe mir

Spaß gema^

y 5°
[nicht signierter Beitrag]: Eine neue Denkmalskonurrenz...
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Cri-Cri: Der Ring des Syveton
Monogrammist Frosch: Der Dreibund in Innsbruck
Erich Wilke: Märtyrer André
Rudolf Greinz: Am Grabe Pezzey's
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R. V.: John Bull und die Hereros
Helene Raff: Innsbrucker Strophen
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