Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 2 (Nr. 27-52)

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wieder zurückwerfe, unter dem er eingefallen^^

d>e

Und es "ist erstaunlich, ivelche Kunst un d Handfest^

- Dann grünt
auf's Neu die Weltl
Nichts hat er als die Keime warm gehalten,

Bis sie zur Blüte kräftig und zur Frucht!

A. I>e Nora

Unser Traumulus

Line Gymnasialerinnerung von Edgar Steiger

Er starb eines natürlichen Todes, Die Geschichte
ist also nicht so traurig, wie bei Arno Holz und
Jerschke, Aber denke ich zurück, ivie sauer wir ihm
das Leben machten, so wünscht' ich doch, ich konnte
dem Todten noch einmal die Hand küssen und ihn
'in unser Aller Namen um Verzeihung bitten für
unsere Lieblosigkeit. Ja, die Fugend ist lieblos und
grausam. Sie kühlt ihr Mllthchen am liebsten an
Wehrlosen, Darum quält sie vornehmlich alte, un-
beholfene Lehrer und Maikäfer,

Ja, mit den Maikäfern ging cs eben an. Ich
erinnere mich noch genau des Tages, da der Lustigste
in der ganzen Klaffe, ein struppiger Rothkops, uns
triumphierend eine Schachtel zeigte, die, wie er sagte,
uns für heute vor den greulichen Verba auf ju reiten
würde. Dann hielt er sie jedem von uns ans Ohr,
und ein verständnißinniges Lächeln bewies ihm,
das; wir ohne Röntgenstrahlen durch Pappdeckel
sehen konnten. Also lauter erblich Belastete! Der
Rothkops ging aufs Katheder, hob den Pultdeckcl,
legte die Schachtel hinein, öffnete sie und klappte den
Pultdeckel wieder zu. Dann begab sich jeder aus
seine» Plag und wartete mit säst religiöser Andacht
aus den Augenblick, da Traumulus das Klassenbuch
aus dem Pult hervorheben ivürde. Das entsetzte
Gesicht, wenn sie ihm über die Finger weg in die
Rockärmel krabbelten, und als Antwort unserseits
das allgemeine „Ah!" höchster Bewunderung, wenn
ein kühner Brummer langsam die Flügel spreizte
und gegen das Fenster zu surrte, um sich dort den
Schädel einzurennen.

Ein beliebtes Thema für den deutschen Aussatz
hieß damals „Frühlingsboten". Ich glaube aber
kaum, daß Einer von uns dabei den Besuch der ersten
Maikäfer im Klassenzimmer des Gymnasiums er-
wähnte, Und doch hatte jede der vier Jahreszeiten ihre
besonderen Dummenjungenstreiche, Wäre Traumulus
weniger wirklichkeitsfremd gewesen, er hätte ans
jeder Quälerei ersehen können, ob es Sommer,
Herbst oder Winter sei.

Im Juni und Juli kamen die Brummfliegen und
die Raupen dran. Vor allem aber der Brennspiegel,
Wir waren zivar alle in der Physik sehr schlecht 'be-
schlagen, Aber das hatten wir bald heraus, das;
ein Spiegel den Sonnenstrahl unter demselben Winkel


KM

keil wir entwickelten, unter der Bank unveriuelu „
Sonnenstrahlen auszusangen und sie blitzschnell» ,,
armen Lehrer in die Augen zu leiten. Wie ein
hetztcs Wild rannte er vom Katheder an den jC
vom Lien ans Fenster, von der ersten Bank am. ^
letzte — umsonst! Der blendende Strahl folgte *
aus Schritt und Tritt: denn der Brennspiegel m,-f
aus der Sonnenseite von Hand zu Hand, von
0u Bank, und der Professor der Physik hätte st' ,
helle Freude gehabt, wenn er geichen hätte, »'[Aj
seine Schüler in der praktischen Optik ^1* ,
wussten. Traumul ns aber ahnte nichts von alle»>
und liest den Schnldiener holen, „llhrnbowc^
sagte er mit vor Zorn zitternder Stimme.
bis morgen dies Blendwerk der Hölle, sei's j.
Vorhänge, sei's durch Läden, nicht beseitigt ist, stS,-
ich, so leid es mir thul, den llntcrrickst in »ILr
Marterkammer einstellen und dem Herrn
davon Anzeige erstatten." llhrnbacher iah den lawS,
benden Traümulus verwundert an: denn im gan» „
Zimmer war kein Sonnenstrahl außer ganz
mit letzten Fenster, auf den letzten drei Bänken, "5
auch da nur am äußersten Ende, wo, mehr hänw^
als sitzend, die drei Schwerverbrecher der K> ^
klebten, „?lbcr, Herr Professor" — hob er schiEst
an, „Ich will nichts mehr hören, lieber Uhrnbaaie: ^
unterbrach ihn Traumulus säst reumüthig,

Sie Ihre Pflicht, und Alles ist gut," lihrnbn"^,
ging, indem er die Achseln zuckte und einen sa>'».^
Blick nach den drei Jünglingen warf, die dort lstw ,
in der schattigen Schulstube ein Sonnenbad nahm e
Im Herbst, wenn die ersten Witternngsumw' ,,d
kamen, hatten nur Alle furchtbaren Schnnpstn Li.
mussten während des Unterrichts unaufhörlich »w,gi
Das kam von dem Schnecbcrger Schnupftabak,,' ^
dem wir uns die Nasen volkftopsten. J>»
dagegen wurde stenographiert oder Tanzstunde ^
aehaiien. Das heißt, in unserer Klasse konnte um ^
Einziger stenographieren; aber als der von
mulus einmal erwischt wurde, wie er die w ^
graphierte Virgilüberietzung vom weißen 4iu(tll'®‘f,t
ablas, da beschlossen wir Alle, von heute aus
Gabelsbergianer oder Stolzianer zu werden, o' ^
Hüne kein Stenograph der Welt die krauten
glyphcn entzifsert, die Tags daraus am Rand ,,e
Virgilausgaben standen; aber glücklicherweise ^
ja Traumulus auch nicht stenographieren, un» ,jt
mürbe denn die ganze nächste Virgilstunde W y
verbracht, daß wir aus Beseht des Schulgewanw,,.
unsere vermeintlichen Uebersetzungen wegrad>c>^r
Ich sehe noch Deine tiestraungcn Augen,
Traumulus, ivie sic auch in meinem Buche ö,e
samen Bleistisischnörkel entdeckten, „Lt tu, lirl mci«
schienst Du mit Caesar z» sagen, aber bcriw^z
Dich noch in Deinem Grabe, Du gute Seele, ^
war wirtlich kein einziges stenographisches ou ,s,ii
darunter; ich thnt's ja nur der Andern wegen- ^
nicht besser zu scheinen als sic: denn ich hode
jeher die Heiligenscheine gehaßt! Hü-

Mit der Tanzstunde hatte cs aber folgende^
wandtniß, Traumulus, der im ziveitcn Stoa
Gymnasiums eine Dienstwohnung halte, war

lii-Iip^ Nntni' pinpi' hip mpnpn ihrer ..,11

lieber Vater einer Tochter, die wegen ihrer
schlankhcit daS Zündhölzchen genannt wurde. ^
längst über jene Backfijchjahre hinaus war,
das deutsche Mädchen die ersten AnstandSttU' ^
nimmt. Man kann sich daher das Staunen um ^
Mathematiklchrers denken, als plötzlich währen»^
Unterrichts das Schnlzimmer von energischen
tritlen zu zittern begann, .Wer treibt hier, st Sch
Unfug?" schrie er wüthend. Aber der DreE
takt pochte weiter — man wußte nicht, war»^c,
Fußboden oder an der Decke, Ganz hintc^tzck
wo unter der Bank strebsame Knabenbcinc
tanzten, hob sich ein Finger. „Was ist's M"?g,e,
— „Entschuldigen Herr Professor. Aber ich BSe-
beute hat Fräulein Traumulus oben Tanzst"

Der Proicssvr runzelte die Stirn und last
Sprecher mißtrauisch an. Aber der schaute st -ch
schutdig drei», während seine Füße krauipthw chc
Boden bearbeiteten, daß dem Lehrer jeder ü
schwand, „Gehen Sie mal hinaus, Glaser, u»»'

Sic, ich müsste dringend bitten, die Stunde z» " '
Zeit abznhallen; denn das Getrampel hiud^tz^itl-
Untcrricht." Was blieb dem guten Jüngling yck'
als scheinbar zu gehorchen? Er ging also aM^z
Gang hinaus und stieg einige Stufen treppau»

Dort wartete er die Zeit ab, die etwa zur Erleo'»gch
seines üluilrags nöthig gewesen wäre, und
wieder um. Aber was nun sagen? Ä .-Schch,
halt' er cs. Wie er die Thürc öffnete, ivar's nia» Pi-
still im Klassenzimmer. Tie Trampier halten- j,,#

luiyu'iuyiy, twiw vi/ium . ,

er erst einen Knödel hinuntergeschluckt ha»»' ichii
athcmloser Stille des Auditoriums: ,,E>n»

G. Vogt
Hermann Urban: Zierleiste
Ludwig Scharf: Nirwana
Edgar Steiger: Unser Traumulus
A. De Nora: Ein Winter-Sonett
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