Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 9.1904, Band 2 (Nr. 27-52)

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1904

Nr. 49

JUGEND

Bülow-I}amlet:

rf^foditn wird gar viel aus dm Sclcnkm —
euch, daß idi geboren ward,

jie wieder cinrurcnkcn."

Herr SlegMeü Jaesbrokn »nü
üer Schauspieler

2Jad) älteren Ceiömotioen

Siegfried:

Vieles spieltest Du, Mime,

Und manches schrieb ich von Dir.
Zu lernen gelang mir nie,

Wie ich Dich leiden könnt'.

Seh' ich Dir erst
Auf der Bühne zu,

Zu übel erkenn' ich,

Was alles Du thust.

Seh' ich Dich stehn,

Gängeln und gehn,

Knicken und nicken,

Mit den Augen zwicken,

Beim Genick macht' ich
Den Mimen packen,

Den Garaus geben
Dem schlechten Spieler.

Mime:

Deß ist Deine Wildheit schuld,

Die Du Böser bändigen sollst.

Was dem Geier die Beute,

Die er grimmig ergreift,

Das ist Deinen kritischen Krallen
Der stets gemeisterte Mime.

Siegfried:

Mime, Du Künstler,

Lerne erst spielen.

Dein Mimen mundet mir nicht.
Deine Rollen alle
Lab' ich verrissen,

Was Du spielst, ich speie darauf.
Mime:

Ein pullendes Kind
Bist Du ja noch.

Siegfried-

Hoho, hochei, hoho!

Mein Wissen währt ohne Ende,

Ewig ist mein Erinnern,

Und mein Gedächtniß
Ist phänomenal.

Schon schwand mir die rothe Scham
Dem Gold gilt meine Müh'.

In des Golds Schein,

Wie glänze ich schön,

Mit Golds Federn
Schmück' ich mich froh,

Des Golds Geschreibsel
Verschmähe ich nicht.

Mein Gold, Dein Gold,

Alles egal.

Rezensionen der Zeit
Entreiß ich dem Gold!

Heia, heia, heiahahei!

Mime:

Haltet den Räuber!

Rettet den Gold!

Hilse! Hilfe!

Wehe! Wehe!

Frido

„lyirtenworte“

kt^-e Herbstconferenz der österreichischen Bischöse
ßijt 'Ute flunbgebitng erlassen, die sich hauptsächlich
ez Nationalitätenfrage beschäftigt. Darin heißt
**•: ,,Jn der nationalen Verschiedenheit der
&ief»= *'e3t eben die Eigentümlichkeit Oesterreichs,
prachtvolleil Mosaiks, in dem alle Theile har-
!ej,"W ineinandergreisen und passen, weshalb auch
Itzg Jilheil verletzt werden kann, ansonsten leidet das
• • Der Nationalismus, der von Gott und
dx/u Rechte absieht, ist unchristlich und bildet eines
llesährlichsten revolutionären Fermente ..

haben die alten Phrasen neu
*,,rcn Schäflein entladen
>.u talbungsvoUen Predigerton
,e '-Bischöflichen Gnaden".

5r.fr8 sieht ihre üppige Phantasie,
v?le Qestreichd Völkertrümmer
5« eine prächtige Mosaik
1 itunstvollcndung schinnncrn!
tz^er seinem Volk das Dasein weiht,
ch/" Herz als Angebinde,

^ "cht vor dem Römling schuldig sich
allergrößten Sünde!

V'fit tonsurirtcn Herren lernt
endlich cs verstehen:

-j^.bei sind die Zeiten, da jeder Weg

tf) Nom nur konnte gehen!

^.hr muhtet auf dem Schlachtfeld nie
euer Volk verbluten,

»r

wäret stets vom Schüsse fern

^ sicher in euren Kutten!

Drum ist's, wenn ihr vom

Volksthnm sprecht

f

frommem Angesichte,

^^spräch' ein Blind er von derFarb',
Maulwurf vom Sonnenlichte!

Krokodil

-ie «kurstrn Prjirfrlirii uoii Port Arthur

d^^ondon, 25. November. Wie der Correspondent
bet*Mail* ans bester Quelle erfährt, steht
Sali von Port Arthur morgen oder
Hk>./worgen bevor. Die Lebensmittel sind auf-
ilK""- die Munition verbraucht, die Besatzung krank
°'nuthlos.

ivj^krlin, 25. November. General Stössel hofft,
Hä sm "*■ T." bestimmt erfährt, immerhin noch
^ie Monate in Port Arthur aushalten zu können.
W^.vapaner haben noch kein einziges Fort von
i»sg!!''!l!eit genommen. An Lebensmitteln ist kein
thx,llEl, blvs der frische Spargel ist etwas
WpJ*. Die Besatzung betrügt noch etwa scchs-
Mann.

ist >"kio, 25. November. Die Lage Port Arthurs
Fa^kzweifelt. Die Trinkwasser-Leitung zerstört,
letzte Pserd aufgegessen ist, werden schon die
gi„"">obile geschlachtet. Kein Schiss im

iv. ’ft mehr seetüchtig.

>6, Uschis

l>ii'chifn, 25 November. Gestern ist das Pa n zer-
“W J -,Raskolnikv w" aus dem Hasen von Port
l»!g-e n t k v m nt en. Der Kommandant gab hier
K,x Wk Depesche, an den Zaren aus: „Majestät!
Isttenkreuzfidel! Ganz Port Arthur ist noch in
<iej„ Händen und 28,000 Mann stehen auf festen
m. Die einzige Verlegenheit für Port Arthur

besteht in der Beschränkung unserer Ausfuhr von
Vieh, Eßwaaren u. s. >v., die unseren Handel schwer
schädigt. Wir bitten deshalb um Entsatz."

Shangai, 25. November. Die Japaner hoffen
bestimmt, das gefallene Port Arthur am 31. November,
dem Geburtstage der Schwiegermutter des
Mikado, dieser zu Füßen zu legen. Sie erobern
im Tage durchschnittlich 37 Forts, wobei die Russen
schon etwa das Fünffache der Truppen verloren
haben, die in der Festung eingeschlosjen sind. Die
Verluste der Japaner sind 20 Prozent unter Null.

Petersburg, 25. November. General Stössel
trifft schon jetzt umfassende Vorbereitung zu einer
freudigen Feier der fünfundzwanzigjährigen
Beschießung von PortArthur. Demnächst trifft
Sarah Bernhardt zu einem längeren Gastspiel
in Port Arthur ein und auch Ernst v. Possart soll
für einen Tolstoi-Turgenjesf-Abend gewonnen sein.
Die Japaner haben bis jetzt nach genauer Schätzung
577,053V- Mann vor Port Arthur verloren.

Yokohama, 25. November. Die demnächstige
Vernichtung Port Arthurs durch die japani-
schen Truppen ist gewiß. Major Kawakami hat nach
Tesla's Prinzip der drahtlosen Kraftüber-
tragung eine elektrische Kanone konstruiert, welche
im Stand ist, einen Strom von 200 Milliarden
Volt Spannung auf beliebige Entfernung zu ent-
senden. Trifft dieser auf Metall, so tritt Kurzschluß
ein und alles Lebendige muß diesem Schlag erliegen,
Stahl schmilzt, Holz verbrennt, Befestigungen lösen
sich in ihre chemischen Bcstandtheile auf.

Moskau, 25. November. Wie sich herausstellt,
haben die Japaner vor Port Arthur überhaupt noch
nicht die geringsten Fortschritte gemacht. Wie aus
guter Quelle versichert wird, haben sie General
Stössel um die Erlaubniß zum Abzug ge-
beten. Stössel erwiderte: Kein Japaner darf von
der Stelle, ehe Roschdestwenski da ist.

Und so weiter. — a —

Jfn (len

fierrog von Sacdsen-Hoburg-Lolda!

Der Herzog ist auf den Rath des früheren Ltaats-
ministers v. Strenge mit dem Domänenabkommen,
das der Ltaatsminister Hentig mit dem Landtag ver-
einbart hat, nicht einverstanden.

Run prüfe wohl, mein junger Zürst,

Db Du auch gut berathen wirft.

Dein Staatsminister geht im Zwist
von Dir, weil er Dir böse ist.

Der Dheim, Deines Throns Verweser,
Dein bester Zreund ist Dir noch böser.
Das ganze Volk, sonst treu wie Golv,

Ts fühlt sich tief gekränkt und grollt.
Was auf dem Spiel steht, ist Dein Gotha,
Und da bewilligst Du kein Iota?

Der Rath, den Dir der Herr v. Strenge
Gab, bringt Dich wohl noch ins Gedränge.
Tr ist vielleicht ein treuer Hüter
Der fürstlichen Domänengüter.

Allein die Treue, fest gegründet,

Das Band, das Fürst und Volk verbindet,
Das find auch Güter, wahr und echt,

Und diese hütet er Dir schlecht.

Die Güter kannst Du leicht verscherzen
Dir um die andern: denn die Herzen
Der Bürger und der Bürgerinnen
Lirst Du mit Strenge nie gewinnen!

Friilu

Verjaliob5sftn'scfte8cftäael(aueräurchlchi>i«i)

Den Medizinern, die sich erklärlicherweise für
den Fall Jacobsohn ungeheuer interessierten, ist die
mit Einwilligung des Kranken vollzogene Trepana-
tion des Schädels auss Beste geglückt. Die in der
„Welt am Montag" veröffentlichte eigene Diagnose
des Kritikers hat sich absolut bestätigt. Neu ist nur
die Thatsache, daß sich in der Mitte des Schädels
ein unverhällnißmätzig großes Vacnum befindet.

Das glückliche Deutschland

Die franzöfische Kammer beschloß Abschaffung der
Theatercensur.

Dort in Paris — 0 Schmach und Jammer! —
will die von Gott verlaljne Rammer,
vernichten will sic die Lensur,

Die heil'ge Säule der Rultur! —

Unselig Frankreich, Deine Stunde
Schlägt, Du verblutest an der wunde!

wie glücklich ist der Deutsche dran,

Dem so was nicht passieren kann!

Getreu vor allen Lösewichrer»,

Vor tollen Hunde», Dirnen, Dichtern,
vor Masern, Gift und Ularrerei
Behüter ihn die Polizei!

0er neue Plutarcb

Ein Berliner Herr erschien im Weißen
Hause, um sich vom Präsidenten Roosevelt zu
verabschieden.

„Verehrter Herr Präsident, darf ich mir
erlauben, Ihnen für die freundliche Aufnahme,
die Sie mir gewährten, von Berlin aus ei»
kleines Andenken zu übersenden?"

„Gerne, sehr gerne! Aber nur kein Denk-
mgl, nur kein Denkmall"
Krokodil: Hirtenworte
Frido: Herr Siegfried Jacobsohn und der Schauspieler
[nicht signierter Beitrag]: Das glückliche Deutschland
-a-: Die neuesten Depeschen von Port Arthur
[nicht signierter Beitrag]: Der Jakobsohn'sche Schädel
Monogrammist Frosch: Bülow-Hamlet
Arpad Schmidhammer: Illustration zum Text "der neue Plutarch"
Frido: An den Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha
Plutarch [Pseud.]: Der neue Plutarch
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