Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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1905

Zum rednten Jahrgang c!er.Menü'

1896—1925

Nun hebt ein neuer Jahrgang an,

Der zehnte in der Reihe —

Drum sei hiemit ein Svruch gethan,

Dein guten Werk zur Weihe:

Bleib' frisch und frei, Geburtstagskind,
Wie in durchkäinpften Tagen,

Und schönheitsfroh und stark gesinnt
Und kühn und keck im Wagen!

Dann wächst von selbst um Dein Panier
Die fröhliche Gemeinde! —

Doch treu vor Allem wünsch' ich Dir
Nicht minder Deine Feinde!

Solang Dich die in Haß und Wuth
Umschrei'n, die lieben Seelen,

Solange, Jugend, bist Du gut,

So lange kann's nicht fehlen!

Gott wahre sie in ihrer Pracht,

Der Sitte glatte Wächter,

Die nackte Schönheit wüthig macht,

Die schnöden Kostverächter!

Die Muckerschaar, die Dich verdammt
Aus Angst vor Deiner Tatze,

Die Jesuiter insgesamt
In Scheitelhaar und Glatze!

Philister, die ein Schauder faßt,

Beim Krachen morscher Aeste,

Den Dünkel, der den Fortschritt haßt,
Lakaien, goldbetreßte!

Das Pack, das Gift und Galle speit,
Wenn Einer Wahrheit redet,

Das Kroppzeug, das ans Eitelkeit
Schulmeisternd Dich befehdet!

Der Dummheit schönen Männerbund
Und andre Jämmerlinge —

Wär' Schad' um jeden Lumpenhund,

Der Dir als Feind entginge!

Sic sorgen, daß der Flügel Schwung
Dir nimmer mag erlahmen,

Sie halten Dich noch lange jung,

Viclliebe Jugend! Amen!

Herrniaan

Die Hilfe

Lin Sinnbild von Harald Kid de

Herr, ich habe dich gerufen seit Jahr
und Tag, und du hilfst mir nicht!"

„Geh zu den Menschen, Mensch!"

„Die Menschen, o Herr, sie antworten alle,
das; nur Du helfen könnest."

„Nur darllm, weil sie mich nicht verstehen."

„Herr, hilf mir! hilf!

„Ich kann Dir nicht helfen — ich bin nicht
mehr auf der Erde."

„Herr — nicht helfen-Du nicht hel-
fen -?"

„Auf Erden habe ich die Menschen gelehrt,
den Menschen zu helfen. So half ich euch.
Helfet ihr euch nun unter einander."

(Aus dem Dänischen von Hermann Kij)

5chönheU

(3U dem Bilde von Philipp Klein)

Durch weite Hallen waren sie gegangen
Und sah'n die Glieder weißer Griechenfran'n
Und Helden dort in Marmorbildern prangen,
Gestalten, wie Kristall gewordne Kraft,

Und Anmuth, hoheitsvoll und rathselhaft.
Gleich Boten bessrer Welten anznschan'n.

Und frohe Ahnung schwellte ihre Brust
Von einer Schönheit, die sie kaum gewußt,
Von hohem Rhythmus, reiner Harmonie,

Drin Gott und Menschenthnm znsammcntönte.
Die Helle, große Heiterkeit verschönte —

Und wie ein Rausch fast kam es über sie,

Das Mädchen und die Frau.

Das Mädchen sprach:
„Schier könnt' ich weinen, denk' ich drüber nach,
Wie unsre Augen darben hier im Norden,

Wie sie an Reiz und Freuden arm geworden,
Wo man das Schönste nimmer schauen mag,
Das Meisterstück vom letzten Schöpsungstag,
Wo wir in wunderlicher Scham verstecken.

Was zu des Lebens Krone uns erhebt,

Mit Flitterkram entstellen und bedecken,

Das Beste, was ans dieser Erde lebt! —

Du! Als ich heute jene Psyche sah,

Wie sie so frei und züchtig sich entschleiert —
Ein brennendes Verlangen spürt' ich da,

Zn zeigen: was die Kunst der Griechen feiert
In Marmorliedern— wir besitzen's auch!" —
Da sprach die Frau, indeß ein feiner Hauch
Der Lächelnden die Wangen überstog:

Das glaub' ich wohl — wenn sich's

auf Dich bezog —

>n Deiner neunzehn Jahre schlanker Fülle,
Wärst Du wie jene Göttin — ohne Hülle!

Ich freilich nimmer — dreifach schon beglückt
Als Mutter mir entblühter junger Leben,

Hab' ich den Schatz, mein Kind, der

Dich noch schmückt,
Für Frauenschicksal gern in Tausch gegeben! —
Doch nun laß schau'n, ob Du der Griechenmaid
Dich darfst mit Recht in Wirklichkeit vergleichend
Ich will Dir gcril den goldnen Apfel reichen,
Wenn Du gewinnst! — Kein Mensch,

der uns belauscht!" —
Das Mädchen lachte, nestelte am Kleid. . .
Und knisternd war schon auf den Teppich nieder
Die bunte, seidne Faltenstnth gerauscht.

Die zarte Brust entquoll befreit dem Mieder
Und hob und senkte sich im Wechselspiel —
Noch eine Schleife löste stink die Hand —

Ein kurzes Zögern — und die Hülle fiel!

Und nackt, im Hermelin der Unschuld, stand
Das Mädchen scheu und schweigend vor-
der Andern.

Die ließ die Augen auf und nieder wandern
An dieser Glieder königlichem Ban
Im vollen Glanz der Jugend. Und die Frau
Tief athmend sprach bewegt: „Wie schön bist Du,
Viel schöner, glaub' ich, als die Griechin war —
Mir ist, als würd' ein Wunder offenbar!" —
Doch seltsam klang die Antwort und versonnen:
„Schön? Und wie lange schön? Und, ach, wozu?
Sag, wenn ich wirklich solch ein Wunder bin
In Heimlichkeit •— was ist dabei gewonnen?

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