Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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1905

Schnee-Heil!

In weiter, grauer Ferne liegt die Stadt,

Aus deren düstrem Bannkreis ich entstehen,
Vom Joch des Alltags wundgedrückt und matt.
Vor mir in ernster, weißer Pracht der hohen,
Geliebten Heimath-Bergwelt Einsamkeit,

Ein Zackenmeer, phantastisch, tiefverschneit,

In dessen Blaulicht ros'ge Schimmer lohen ..,

Empor zum neuen Tag!! verjüngt bergan! —
Doch halt! — Jst's Trug, ift's Wahrheit?

Welch' Gespann!!
Ein Schlitten zieht dort funkelnd seine Bahn,
Von weißen Baren federleicht gezogen;

Drin steht ein Mann, gehüllt in weißes Fell,
Bereifte Misteln Kapp' und Stirn umwogen,
Ein junger Gott mit Augen wunderhell,

Als hatt ein Sonnenstrahl sich drein verflögen...

„Was stehst und staunst Du!? —

Schneeheil Dir, Gesell!"
Nies er und lachte, daß die Bergwelt dröhnte;
„Kennst Du mich nicht? — Nicht?! —

Freilich man gewöhnte
Von Kindheit schon Dich an den Mummelgreis,
Den mürrisch ttefgebeugten, grämlich grausen,
Umstarrt von Tannenzapfen und von Eis!

Geh hin zu Deinen Brüdern, den Banausen,
Sag ihnen, leidlich ließ' sichs mit mir Hausen,
Bei mir würd' selig man nach seiner Weis'!

Ich zürne nicht, daß man mir Unrecht that,
Und lad sie alle ein als liebe Gaste!

In meinem Reich wird jeder Tag zum Feste,
Und goldne Früchte trägt die kleinste Saat."

Jäh fuhr ich auf — was gibts!? —

Die Hausmagd — ooh!!
In einer Stunde muß ich ins Bureau-

Hrtbur Scbubart

Jim v. Cboreau’s Tagebüchern

(Bisher unveröffentlicht in Deutschland.)

Mein Heim ist so groß in der Natur, als
mein Herz sie umfaßt. Wenn ich nur mein
Haus wärme, so ist das allein mein Heim.
Wenn ich aber sympathisiere mit Hitze und
Kälte, mit den Stimmen und dem Schweigen
der Natur, wenn ich theilnehme an der Ruhe
und dem Gleichmuth, die rings um mich auf
den Feldern herrschen, dann sind sie mein Haus,
so gut als wenn der Theekessel singt und die
Scheite prasseln und die Uhr tickt an der Wand.

Jeder Baum, jeder Zaun, jeder Grashalm,
der sein Köpfchen über den Schnee erheben
konnte, war heute früh von dichtem Rauhfrost
bedeckt. Die Bäume sehen aus wie lustige
Geschöpfe der Finfterniß, die bei ihrem Schläf-
chen erwischt wurden. Hier standen sie durch-
einander beisammen mit fliegenden grauen Haaren
in einem abgelegenen Thale, dort eilten sie im
Gansemarsch davon an Hecken und Wasserläufen
entlang, während die Büsche und Gräser wie
Elfen und Feen der Nacht ihre verhüllten Häupter
im Schnee zu verbergen suchten. Die Zweige
und höheren Gräser waren mit wunderbarem

E. L. Hoess (Immenstadt)
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3m Kesseltrieb
Henry David Thoreau: Aus H. D. Thoreau's Tagebüchern
Eugen Ludwig Hoess (Höß, Hoeß): Im Kesseltrieb
Arthur Schubart: Schnee-Heil!
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