Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nr. 12

JUGEND

1905

(Aus dem Katalog der
des deutschen Reichs,

Die Wallenftein-
Trilogie

Von Roda Roda

Einige Jahre nach
seinem Tode traf Schiller
in Berlin ein, um hier
seine Wallensteinlrilogie
einem Theater anzu-
hängen.

Auf Anrathen Ifflands
wollte er den ersten Ver-
such beim Melpornene-
Theater machen und fuhr
mit der Droschke Nr. (377
hin. (Die Droschke trägt
bis auf den heutigen Tag
ein Reklameplakat: „Mit
jroße Vorliebe benutzt von
unfern Schillern.")

Im Theater gabs
keine geringe Aufregung,
als sich die Kunde von
der Anwesenheit eines so
illustrenGastesverbreitete.

Sofort klingelte man den
Direktor herbei, und es
erschien auch bald ein Re-
giffeur zur Begrüßung.

Er vernahm mit großer
Freude, daß Schiller eine
Novität mitgebracht.

„Denn war et also doch
richtich, wat de Litteratur-

historikerdes vorijenJahrhunderts auf IrundIhrer
letzen Werke vorausjesagt haben, 5err v. Schilla?"

„vorausgesagt? — Was vorausgesagt?"

„Nu — det Se uns en deutschet Lustspiel
schreiben würden. — Se wissen! doch, man meente
imma, Ihre Entwicklung hätte nach dem jewissen
9. Mai (805 mit tödlicher Sicherheit zum Lustspiel
jeführt?"

„Das ist ja sehr interessant," rief Schiller, —
„Sie müssen mir später mehr davon erzählen." —
und begann den Inhalt seiner wallenstein-Trilogie
darzulegen. — Iffland versicherte später gelegent-
lich: Der Dichter habe nie flammendere Worte ge-
funden, — die Tragödie habe auf ihn, Iffland,
auch nie so gewirkt, wie Schillers lebendiges
wort.

Des Regisseurs Stirn aber zog sich ein wenig
in Falten. Er war sehr höflich, lächelte sehr ver-
bindlich — enthusiasmiert war er nicht.

„Vaehrta Herr v. Schilla— die Schose is for
mir fuchtba schwer. — Ene Trajödie an sich is
sozusajen schon Mumpitz. — Nu jar in Jamben!

— Was da Balina von heute is, der valangt
sein abendfüllndes, packndes Stück, wodrauf er um
jejen halb elwe soupieren kann. — En historischet
Stück... Na ja, jewiß . . . Ierhard Hauptmann
hat neulich seinen Florian Ieiya ooch wieda raus-
jesucht .. . Aba unter uns jesacht: ick halte nich
viel von. — Die Zeit der historischen Stücke is
ein für allemal voriba ... An denn — nich wah?
Se sachten doch, et handelt sich um en Soldaten-
stück? — Nu hatten wa aba erst vor kurzem den
„Rosenmoontach" und den famosen „Zapfenstreich",
et sind ooch vaschiedene, fuchtba afolchreiche Lust-
spiele dajewesen . * . Kurz, unsa Publikum is je-
jen Soldatenstücke fuchtba' abjestumpft. — Ihr
wallenstein spielt außerdem noch in Süddeutschland.

— De süddeutsche Dekadangs aba, die können wa
in Balin nu mal nich jut vaknusen. — Ick will
damit duchauch nich sajen, det en Stück von Ihnen,
von eenen Schilla, aussichtslos wäre. Iott be-
wahre! I — Iott. Iott bewahre! Se sin ja
en Klassika. Aba — uf en Bombenerfolch, wissen
Se, uf wat wirklich Iediejeuet, könn wa leida
mit en Soldatenstück nu nich mehr rechnen."

Als Schiller ein wenig ungehalten wurde,
klopfte ihm der Regisseur auf den Rücken. —
„Wa wern de Komödie natürlich mit jroßen Va-
jnüjen nehmen. Aba-jetzt — det sehn Se

Ausstellung
Paris 1900).

doch ein? — is de Saisong schon fuchtba vor-
jerückt, un den herbst Hab ick mits moderne Re-
portoa schon vollständich besetzt, wenn Se ein-
vastanden sind, lieba v. Schilla, machen wa de
Sache nachn fnszehnten Aujust, wo det richtije
Balin-Wildwest in de Seebäda macht, un ick wer
vasuchen, for Iusteln von Blasewitz ene jeeijnete

vatreterin zu finden.-Könn Se nich for

Iusteken en nettet Kupleechen inlejen? Zum
Beispiel so — so — so — wat vons Lajerleben?
— Ick laß et denn von Felix Holländern nach
en amerikanischen Motiv komponiean."

Schiller biß sich auf die Lippen und antwortete
zunächst nichts. — Nach einer Weile sagte er, er
wolle sichs überlegen, nahm Abschied und schriit
hinaus.

Draußen verlangte er von Iffland ein Notiz-
buch und einen Bleistift und notierte sich eine
Ferne, die jedoch nicht erhalten ist.

alten ?estungzgraben

3n den alten Seftungsgraben,

Der fo manchen Kampf gefchaut,

Um die weiten tüälle haben
Jfrme Leut' ihr Heft gebaut.

Rebumrankte Häuschen hangen
Jln den Mauern der Baftei.

3n den bunten 6ärtchen prangen
Rittersporn und jRkclei.

Ach, das ift ein wildes Blühen
üon den Blumen tief im 6rund!

Ach, das ift ein wildes glühen
üon fo manchem Mädchenmund!

Wenn die Abendfchatten düftern
Ueber Werke, Thurm und Wall,
hebt es unten an zu flüstern
Und zu knittern überall.

Rechten Todte in den Gräben
3hre alten Schlachten aus?

Oder Junges heihes Leben
Einen fühen Liebesstrauh?

A. De Xora

Aphorismen

Wenn die Natur den
alten Ban unseres Kör-
pers einreißen will,
deckt sie häufig zuerst
das Dach ab.

*

„Glück auf!" sollten
die Streber einander
zurusen, da Jeder wie
ein Bergmann glücklich
nach oben zu kommen
trachtet. „

Hosenherzorden. Wird
für dnrchgesesseneHosen
verliehen Ist an der
geschädigten Stelle zu
tragen. „

Die Neigung, Auto-
ritäten anznerkennen,
ist dem Menschen von
Hause aus in höherem
Grade eigen, als für
die Entwicklung seiner
Urtheilskraft von Nu-
tzen ist. Eine einsichts-
volle Regierung müßte die erstere zu hemmen
suchen, um die letztere zu steigern.

*

Wenn es nicht eine Wahrheit außer uns
gäbe, könnten sich nicht Menschen aus ent-
legensten Zeiten in ihr immer wieder be-
gegnen.

Es ist der Fehler des Autokratismus,
daß er sich mehr Verstand zutraut, als irgend
ein Mensch haben kann.

*

Die köstlichste Seelenwanderung ist die
in unsere Kinder. Mit dieser Unsterblichkeit
können wir zufrieden sein.

*

Man konnte nicht behaupten, daß er den
Verstand verloren habe, aber er hing etwas
schief in den Angeln.

&

Unsere guten Eigenschaften sind die Ver-
dienste unserer Vorfahren. Nur was wir
an unfern schlechten verbessern, kommt anj
unsere eigene Rechnung.

*

In Jedem nur den Menschen schätzen,
die Menschen nur nach innerem Adel ordnen,
das ist das unereichbare Ideal höchster Bildung
der Menschheit. H. Paul?

Bernhard Pankok
(Stuttgart)

Ungleiches Los

Als unser Vater Adam sich
Ein Aepfelchen genommen,

Ist er dadurch um Seligkeit
Und Paradies gekommen.

Ich habe keck der Aepfel zwei
In meine Hand genommen
Und bin dadurch zur Seligkeit

Ins Paradies gekommen. f. 6.
Bernhard Pankok: Zeichnung ohne Titel
Roda Roda: Die Wallenstein-Trilogie
A. De Nora: Im alten Festungsgraben
August Pauly: Aphorismen
F. E.: Ungleiches Los
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