Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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Ostern im Werdenfekser Tanbi

J. Wackerle (München)

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Einmal noch in jenem Blumengarten
Macht' ich gehn, der vor dem hohen Waldschloß
Dicht umfangen von der Fichtenhecke
Reich und friedlich wie ein Märchen blühte!
Einen Schlüssel halt' ich zu der Pforte,

Nah dem Glashaus, wo viel sonderbare
Fremde Pflanzen bange Pflege hatten,

Und der alte Gärtner goß und schaffte.

Doch mich lockten mehr die Landsgenofsen
Außen weit in morgenfrischen Beeten:

All die bunten kräftigen Geschwister,

Die geschlafen an der Brust der Mutter
Unterm freien Sommersternenhimmel.

Durch die langen, stillen, kiesbestreuten
Gänge schritt ich scheu und lauschend, schaute
Links und rechts der Farben wundersames
Glühn, und sog in tiefen Atemzügen
All den Hauch des tausendfältigen Lebens,
Das erwachend nun sich hob und grüßte.
Riesenmalven standen, steife Wächter,
Drohend fast die großen, grellgefärbten
Blütenschilde mir entgegenhaltend,

An dem Hauptgang, wo vermooste Brunnen
Mit versonnenem Gemurmel sprangen.

Aber lieber gab ich Seel' und Sinne
An die minder Prunkenden und Stolzen,

An die Lustigen und Liebevollen:

An der Veilchen drolliges Zwerggedränge,
Das mit hundert sammetdunkeln, hundert
Hellen Kinderaugen ernst und schalkhaft
Zu mir aufsah, an der Löwenmäuler
Tollgeflecktes Narrenvolk, das neckend
Mir die roten, gelben, violetten

Zungen zeigte: an die schwülen Rosen,

Die der Nachtthan, ihr geheimer Buhler,
Scheidend noch geschmückt mit Dankgeschmeide,
Mit Smaragd und feurigem Karfunkel,

An des vollen Mohnes, trunkne Schwermut,
An der Liljenkelche goldne Reinheit,

An der blauen Glocken leises Läuten,

An das zarte Duften der Reseden..

Einmal noch in jenem Morgengartcn
Möcht' ich gehn,der vor dem hohen Waldschloß
Mir geblüht — und der nun längst verdorrt ist
Und verstoben in dem Sturm der Zeit.

k)Lnns von 6unippenberg

Die alte, alte Frage

Von Lrnest Lrosby- Rhinebeck

1.

Warum drängen die Leute zu Haufen die Stufen
der grauen Kathedrale hinan? Was macht sie so
ängstlich besorgt, so begierig, so ungestüm?

Es ist die alte, alte Frage. Sie suchen nach dem
ewigen Leben.

Was ist das. für eine hohe Gestalt, die, in einen
Mantel gehüllt, hinter ihnen einherschreitet, unver-
merkt, leise? —

Es ist der Tod. Siehe, sie fühlen seine Gegen-
wart und erkühnen sich nicht, ihre Köpfe zu wenden,
aus! Furcht, ihm ins Antlitz schauen zu müssen.

2.

Die Prozession der Priester schreitet feierlich die
Chorgänge entlang. Als sie an uns vorbeikommen,
gewahren wir die hoffnungsvollen Gesichter Jener,
die noch jung, in der Blüte ihrer Jahre sind, und
die wahnwitzigen oder verzweifelnden Blicke der alten
Menschen.

Wie düster das Licht doch brennt! Wir ver-
mögen kaum zu erkennen, daß der Altarplatz soeben
erreicht ist.

Wonach wohl forschen sie jetzt am Altar und'
hinter des Bischofs Thron? —

Es ist die alte, alte Frage. Sie suchen nach dem
ewigen Leben.

Was ist das für eine hohe Gestalt, die, in einen
Mantel gehüllt, hinter ihnen einherschreitet, unver-
merkt, leise? —

Es ist der Tod. Siehe, sie fühlen seine Gegen-
wart und erkühnen sich nicht, ihre Köpfe zu wenden,
aus Furcht, ihm ins Antlitz schauen zu müssen.

3.

Der betagte Mann beugt sich über ein großes
Buch. Er sitzt einsam in seinem Studierzimmer, in
dessen Hintergrund Fach an Fach, von abgenützten
Bänden angefüllt, sich erhebt.

Er ergreift seinen Gänsekiel. Wie schnell seine
Feder über das Papier fliegt!

Der Boden ist mit engbeschriebenen Blättern wie
besät und immer wieder überschaut er hastig die ver-
gilbten Druckseiten.

Er kann den Text, den er sucht, nicht finden. Ich
wundere mich im Stillen und weiß nicht, warum
er seine armen, gerötheten Augen so übermäßig
anspannt? —

Es ist um die alte, alte Frage. Er sucht nach
dem elvigen Leben. Aber er befindet sich nicht allein.
Was ist das für eine hohe, vermummte Gestalt, die
sich über seine Schultern beugt? —

Es ist der Tod. Siehe, er fühlt seine Gegen-
wart und er wagt es nicht, seinen Kopf zu wenden,
aus Furcht, ihn anblicken zu müssen.

4.

Eine barmherzige Schwester stirbt auf ihrem Lager
von Stroh.

Wie liebevoll hegte sie den vom Fieber befallenen
Landstreicher und gab ihn dem Leben wieder zurück,
obgleich sie wußte, daß sie sein Gift in sich Hinein-
sog !-

Hier gibt es Arbeit für unseren alten Freund,
Wo ist seine hohe, düstere Gestalt? —

Aha! — hier ist er nicht zu finden und die
Schwester — lächelt, denn sie ist gewiß, daß er nicht
eintreten kann.

Wie vermag sie nur, — in ihrem Todeskampfe —
glücklich zu sein? —

Verstehst Du das uicht? — Sie besitzt den
Schlüssel zu der alten, alten Frage, obgleich
sie ihn niemals gesucht hat, denn sie fühlt
das Vorhandensein immerwährenden Le-
bens in ihrer innersten Seele.

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Joseph Wackerle: Ostern im Werdenfelser Lande
Ernest Howard Crosby: Die alte, alte Frage
Hanns Theodor Karl Wilhelm Frh. v. Gumppenberg: Wallenburg
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