Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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1905

Nr. 17

JUGEND

Beschützer

Skizze von H. De Dora

Die Gäste hatten sich wegbegeben. Dr. Merock
geleitete noch einige der Befreundeten nach .Hause
und wollte dann ein paar Stunden im Bureau
bleiben, seine Frau war allein. Wie in einer Muschel
das Meer summt, so summte noch in ihren Ohren
all das Rauschen der vergangenen Stunden, das
Stimmgewirr, das an der Mittagstafel geherrscht
hatte, das monotone Klappern der Bestecke und leise
Klirren der Gläser. Schließlich aber hob sich von
dem grauen Grunde dieser verschwommenen Töne
nur noch die ruhige angenehme Stimme des Abbes,
der links neben ihr gesessen und mit dem sie in ein
langes Gespräch über die Verderblichkeit der Welt
gerathen war. Ein gutes Thema für einen Priester.
Und wie schön hatte er gesprochen! Wie klug und
richtig war Alles, was er sagte!

„Da draußen lauert die Verführung, die Sünde,
die Lust, und streut Rosen aus den Weg zur Hölle,
während der Pfad zum Himmel mit Dornen besät
ist. Was Wunder, wenn die Menschen den lieblichen
Rosenweg gehen statt des Andern, der so schwierig
und grausam ist. Aber jede dieser Rosen ist eine
gefallene Menschenseele, verwelkt an den Dünsten
der Hölle, und wird zertreten von Jenen, die den-
selben Weg wandeln. In lausend Gestalten sucht
der Satan nach seinen Opfern und die Unschuld ist
wie ein Hirsch, der von willfährigen Treibern vor
die Büchse eines sürstlichen Jägers getrieben wird.
Es gibt fast kein Entrinnen mehr, wenn sie einmal
den Kreis betreten hat, der von den Söhnen der
Sünde umstellt ist..."

„Aber wir Alle, Herr Abbe, ich, viele meiner
Freundinnen und Freunde, sind doch auch in die
Welt eingetreten und haben unsre Seelen rein be-
wahrt ..."

„Weil die Kirche Sie beschirmt hat, gnädige
Frau! Weil über Ihnen das Kreuz geschwebt hat,
wie über jenem Hirsch des hl. Hubertus und Sie
geschützt hat vor dem Erlegen! Wehe drum, wenn
Einer die Religion aufgibt und glaubt, allein den
Kampf gegen die Verderbtheit aufnehmen zu können!
Er ist verloren. Er fällt dem ersten besten Verführer
zum Raube."

„O, Sie haben Recht, Herr Abbe. Wir sind wie
Kinder. Wir wandeln ahnungslos am Abgrund
und nur unsre Unerfahrenheit wirkt, daß wir nicht
straucheln. Wer uns zu früh die Augen öffnen
würde, wer zuerst einen Blitzschein auf den Abgrund
richten würde, würde vielleicht damit allein schon
uns verderben."

„So ist es. Deshalb müssen wir die Großen
wandeln in Kinder und die Kinder rein erhalten,
unerfahren und unschuldsvoll, damit sie nicht wissen,
über welche Abgründe ihr Weg sie führt. Die
Unschuld der Kinder ist unsre erste und tiefste
Sorge, gnädige Frau. Und wer sie vergiftet,
wer nur Eines dieser Kleinen ärgert, dem wäre
besser, man hinge einen Mühlstein um seinen
Hals und versenkte ihn in dieTiefe des Meeres..."

So hatte der Abba gesprochen, die nackten
Schultern der Frauen hatten geleuchtet und die
Augen der Männer hatten geblitzt, ringsum hatte
das leichtsinnige Leben gelacht, geschäkert, ge-
witzelt oder brutal geschmaust, sie beide aber
hatten sich aus diesem Sumpf erhoben, wie Lust-
schiffer die in einem schönen Ballon in die son-
nige Höhe steigen. Ja, das war doch der Odem
der Kirche, was sie fühlte, was sie so leicht und
sanft emportrieb und hintrug, wohin der Führer
es haben wollte. Stark und stolz stand er neben
ihr in der Gondel und sie wußte, daß man sich
ihm anvertrauen konnte. Sie segnete sich, daß
die Seelen der Rc en so guten Händen anver-
traut sind, und gelobte sich, auch ihr einziges
Kind nie andern Händen zu überlassen als denen
der Kirche. Ihr einziges Kind. Als hätten die
Gedanken es herbeigezogen, klapperten draußen
vor der Thüre die zwei kleinen Schuhe, die Thür
ging auf und Elschen flog in die Arme seiner
Mutter. Sie küßten sich. „Lieber, lieber Engel,"
sagte die Mutter und hielt das kleine Mädchen

mit gestreckten Armen wie einen Spiegel vor sich hin.
Ein blondes, milchweißes Geschöpf mit sieben oder
acht Jahren. Rein, unberührt, zart wie eine Apfel-
blüthe . . .

Wer ihr dies Kind verführen würde! Wer den
ersten Tropfen Gift in diese blanke Schale träufeln
würde! Wer den Abgrund erleuchtete, an dem es
wandelt und die Augen öffnete, die nichts wissen!
Ihm wäre besser. . .

Und die Augen der jungen Frau funkelten wie
die einer Häsin, welche einen Habicht über ihren
Jungen erblickt. Aber dann senkten sich die Lider.
Sie lächelte. Nein, es war kein Habicht da.

„Du kommst von der Schule, Elschen. Was habt
ihr heute gehabt?"

„Religionsstunde, Mutti."

„Ah! Dasistschön! Hast Du wohl Neues gelernt?"

„Ja, beichten, Mutti. In 14 Tagen müssen wir
beichten, weißt Du. Und der Herr Pfarrer sagt,
ich müsse mich jeden Tag fragen, ob ich keine Un-
keuschheit begangen habe, damit ich es beichten kann.
Mutter, Unkeuschheit treiben, was ist das?. . ."

Das Lächeln verschwand von dem Antlitz der
Frau. Sie biß sich in die Lippen und die Augen
bekamen einen wilden Glanz. Sie sah einen Luft-
ballon, der pfeilschnell in die Tiefe schoß. Und um
den Hals des Führers ging ein weißer Kragen wie
ein Mühlstein. .

*

Der neue Stern

Diese sinkt in Thran und Traumessümpse,
Zene — wachend — zieht sich aus die

Ztrümpfe;

Mird nicht 6akd nun eine Dritte kommen,

3f* nicht Lakd der neue Dtern entglommen,

Der im Traume tanzt mit 6to ^en Keenchen,
Hold vereinend Dorchen und Madkenchen?

Uules Verne=Denkmcil

Wie wir unter dem Siegel der Verschwiegenheit
oerrathen können, bekommt Berlin demnächst ein
Zules Uerne-DettKttiaL Wir hatten 6elegenheit, das
niödeil zu besichtigen: kberlein hat wie gewöhn-
lich einen famosen Schwung in seine Darstellung
gebracht. Der Verfasser der „Reife nach dem Mond"
wird aus einer Riesenkanone in den löeltenraum
geschossen. In der ?igur des Dichters ist aber doch
etwas zu viel Dole! Diese Haltung nimmt Niemand
in dem Augenblicke ein, wenn er das Ranonenrohr
mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 3000 Metern
in der Sekunde verläßt. Sonst aber recht gut! Vor
allem die Ranone!

A. Weisgerber

I6scn ttn Wiener (Kurztheater

Qbfen verdankt die Erstaufführung der „Hedda
Gabler" im wiener Buratheater nur der Initiative
einiger Schauspieler (Riffen, Lotte Witt, wilbrandt-
Baudius), welche das Werk in einer Provinzstadt zur
Aufführung brachten. Auf Einladung der Künstler
wohnte Direktor Schlenther jener Vorstellung bei, worauf
er das Stück dem Repertoire des Burgtheaters ein-
verleibte.)

Cotte Gabler

Ein Schauspiel von Henrik Ibsen in Kremsier

Erster Austritt

Tante Baudius (bleibt in der Thür stehen,
späht in die Prosceniumsloge): Nein, ich glaube
wahrhaftig. Er ist noch nicht da.

Berte, das Dienstmädchen: Das Hab ich ja
gesagt, gnädige Frau. Bedenken Sie nur, wie
lange Er gestern im Löwenbräu gesessen ist. —
Ach, Gnädige, Gnädige, ich habe solche Angst, daß
ich nicht gefallen werde. (Sie weint.)

Tante: Aber, meine liebe Berte, beruhigen
Sie sich doch. Er ist ja noch gar nicht da. Und
solange Er nicht kommt, können Sie spielen, wie
Sie wollen. Im Uebrigen, wenn Sie Seinen Kom-
mentar nur ein bischen durchgelesen haben —

Zweiter Austritt

Jürgen wissen (stürzt athemlos herein, um-
armt die Tante stürmisch): (D meine liebe, gute
Tante Baudius, wie bin ich froh, daß ich wieder
ein bischen Ibsen spielen kann, wenn Er nur
schon da wäre! Ich glaube, ich glaube, wir spielen
dann die ganze Geschichte bald in Wien.

Dritter Auftritt

Lotte Gabler (stürzt wüthend herein, packt
den alten Hut der Tante, der auf dem Stuhle
liegt, und wirft ihn kurzweg zum Fenster
hinaus): Na, so eine Schlamperei ist noch nicht
dagewesen! Einen alten Hut läßt man in der
Garderobe und bringt ihn nicht auf die Bühne.
Ja, wenn uns das schon in Kremsier passiert —

vierter Auftritt

Thea (stürzt in größter Aufregung herein):
Er ist hier, Er ist hier! (Bei diesen Worten
richten sich die Blicke Aller auf die prosceniums-
löge, wo ein dicker Berliner Platz genommen hat.
Die Handlung, welche hier nebensächlich ist, nimmt
nun rüstig ihren Fortgang. Einzelne Dialogstellen
werden mit besonders scharfer Betonung in die
Prosceniumsloge geschleudert. Auch schaffen die
Schauspieler öfters Ergänzungen, welche nicht
unmittelbar in den Intentionen Ibsens gelegen
sein dürften. So fügt die Heldin ihrem Wunsche,
„in Schönheit zu sterben," ein deutlich ver-
nehmbares „aber in Wien" hinzu.

Dessenungeachtet ist der Erfolg ein außer-
ordentlicher. Nach der Vorstellung wollen einige
Studenten den Künstlern die Pferde ausspan-
nen; der dicke Berliner aus der profceniums-
loge fällt ihnen aber in die Zügel, schreit:
„Det jibt's nich," spannt die Pferde wieder ein,
und nun geht's im Galopp zum Bahnhof.
Ankunft Wien 6 Uhr 30 Minuten Abends.
Im Burgtheater, Beginn 7 Uhr, als Ersatzvor-
stellmrg für den angekündigten „Bibliothekar" -

Zum erstenmal: „Hedda Gabler."

R. Sch.

*

Das Coblied Roosevelts

Der Deutsche ist doch recht gcmüthlich,

Er trinkt und ißt und thut sich gütlich
Und kommt zu uns ein „I o h a n n S ch m i dt",
So nennt er sich bald „Iohnston Smit.."
Sie siab'n so gar nichts von 'ner Galle,
Ich lieb' sie alle, alle, alle! zirp
Zirp: Das Loblied Roosevelts
R. V.: Der neue Stern
R. Sch.: Ibsen im Wiener Burgtheater
A. De Nora: Beschützer
Max Brinkmann: Jules Verne-Denkmal
Albert Weisgerber: Illustration zum Text "Jules Verne-Denkmal"
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