Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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D. Kästner (Meldorf)

Aeihegruh der Jugend an Schiller

üon F)ans Müller (Men)

Vor Deinen Altar, drauf das Nuhmesfeuer
Noch Heller loht dies Jahr, vom Volk entfacht,

Den hundertjähriger, doch ewig neuer,

Verschwendrisch reicher Lorbeer überdacht.

Vor Deinen Altar, Dir in heißer, treuer
Ehrfurcht zu halten stille Todtenwacht,

Siehst Du uns pilgern, Kranze in den Händen,

Was Andacht schuf, in Andacht zu vollenden.

Doch weh, uns scheucht der alten Grabeswächter
Herrschsüchtig eitles, haßerfülltes Wort,

Sie wehren uns mit höhnischem Gelachter
Ergrimmten Blickes den geweihten Ort:

„Hinweg, Ihr alles Himmlischen Verächter!

Die Ihr im Sumpf nur wühlet, hebt Euch fort.
Euch tönt nicht mehr die Laute edler Lieder —

Vor Euren Götzen kniet im Staube nieder!"

Erschrocken harrt der Fuß. Wir steh'n und zagen,
Rings um Dein Heiligthum zum Kreis gefügt.

Jst's Deine Meinung, Größter, die die Kleinsten sagen?
Ist dies ein Spuk, der wirr das Aug uns trügt?
Wohlan, mich treibt's, den heißen Kampf zu wagen,
Ich schrei' es wild hinaus: „Ihr Mund, er lügt!
Hör' nicht ihr selbstgefällig Schelten, Greinen;
Du bleibst der unsre und wir sind die Deinen.

Das bist nicht Du, für den sie schirmend stehen,
Sich selbst bekränzen sie mit Lobgesang,

In Deiner Glocken Donnerklang erspähen
Sie gern der eignen Leyer armen Klang,

Um ihre winzigen Vasallenlehen,

Nicht um Dein Weltreich, sind sie also bang:

Wir Haffen sie, die blassen Epigonen,

Du wirft uns ewig bei den Sternen wohnen.

Des Lieder hell für freien Geist entbrennen,

Hörst Du, wie uns „Gedankenfreiheit" ward?
„Entartet" wagen sie uns dreist zu nennen,

Weil wir — bei Gott! — von andrer, neuer Art.
Doch ihr Verdienst, darauf sie pochen können,

Ist, dünkt mich, nur ihr altersgrauer Bart.

Du Streiter mit der Jugend Feuerzungen,

Schirm', ewig Junger, jetzo uns, die Jungen!

Glaub' ihnen nicht, daß nicht mehr aufwärts trüge
Die Jugend ihrer Sehnsucht wilder Föhn.

Aus finstern Grotten kreisen unsre Flüge
Schon freier himmelan zu lichtern Höh'n.

Der Wahrheit dienen wir. Doch holde Lüge,

Auch uns bleibt Ziel sie und berauschend schön.

Und haben wir den Alltag erst gebändigt —

Die Kette sinkt, die Knechtschaft ist geendigt!" —

Ihr Brüder, tretet näher. Vom Altäre
Gewahrt Ihr, wie die Flamme höher loht?

Wir find erhört. Hängt singend um die Bahre,
Was Euer Frühling Euch an Kränzen bot.

Und sei die Frucht aus diesem Todesjahre
Euch: Hoffnung! Leben blühe licht aus Tod!

Aus tausend Herzen schlage, glutentzündet,

Ein Jauchzen auf, das Frucht und Segen kündet!

Schiller in Berlin

von Roda Roda

Ueber Schillers zweiten Berliner Aufenthalt ist das große Publikum
wenig unterrichtet. In Palleskes Schillerbiographie findet sich überhaupt
nichts darüber.

Der Dichter kam am 1. Mai 1905 mit dem Zuge 8 Uhr 17 auf dem
Anhalter Bahnhofe an. Er wunderte sich sehr, daß er nicht erwartet wurde,
denn er hatte sich telegraphisch angekündigt — machte aber schließlich gute
Miene zum bösen Spiel, besorgte sein Gepäck und fuhr zu Alexander von Hum-
boldt auf den Spittelmarkt.

Humboldt kam ihm schon im Flur des Hauses entgegen und war über
alle Maßen erfreut, Schillern bei sich aufnehmen zu können. Schlafen müßte
der Dichter freilich im nächsten Hotel, denn Humboldts halten angeblich gerade
Logierbesuch.

Humboldt stellte sich Schillern vollkommen zur Verfügung, und Schiller
brauchte seines Freundes Rath dringender als je. Handelte es sich doch darum,
Verbindungen mit den Berliner Blättern anzuknüpsen.

„Mein lieber Professor," sagte Humboldt, „es trifft sich herrlich, daß
ich zufällig bei Beuer & Besser, G. m. b. H., zu thun habe. Da will ich Sie
einführen."

„Beuer & Besser? — Wer ist das?"

„Ja, in welchem Jahrhundert leben Sie denn, daß Sie den Verlag
nicht kennen? Sie werden gerade bei Beuer & Besser jede erdenkliche Unter-
stützung finden. Die Leute geben ein paar prachtvolle Zeitschriften heraus
und können gute Sachen immer brauchen."

Als sie aus dem Wege nach dem Verlage waren, fragte Schiller: „Und
Sie, Humboldt — gehen Sie bald wieder aus Reisen?"

„Ja — das hängt von mancherlei Ereignissen ab. Sie wissen wohl, daß
ich bei Beuer & Bester engagiert bin?"

Davon wußte Schiller nichts.

„Ich habe mir durch meine Schilderungen aus aller Welt bekanntlich
einen Namen gemacht. Das ist dem rührigen Verlage Beuer & Besser keines-
wegs entgangen."

„Womit beschäftigen Sie sich nun, mein lieber Humboldt?"

„Ich reise selbstverständlich für die Firma."

„(L-ie reisen-?"

„Ja. — Das Publikum von heute verlangt Aktualitäten. — Wenn
nun, sagen wir, in Ostpreußen ein siebenfacher Mord geschieht — na, da packe
ich einfach meinen Apparat ein und fahre nach Plotow an dem Pregel. Ich
sehe mir die Gegend an, knipse dieses Plotow von einigen Hügeln aus und
schreibe eine kleine Schilderung des Ortes nieder."

„Entsetzlich!" hauchte Schiller.

„Entsetzlich? .... Sie glauben doch nicht am Ende, ich wäre zum
Mordreporter herabgesunken? — Ich bin nur Landschastsreferent von Beuer &
Besser. — Den Mord selbst — dafür haben wir unsere Spezialisten. §—
Meine einzige Verpflichtung ist, den Schauplatz der Nnthat in meiner Beschreib-
ung etwas hervorzuheben." Indessen waren die Beiden in der Polsdamer-
straße eingetroffen und eben im Begriffe, das Redaktionspalais zu betreten,
als der sanfte Schiller sprach: „Was soll ich eigentlich hier?"

„Beim Zeus — Sie sind — verzeihen Sie! — ein wenig schwerfällig,

Herr Schiller! — Ich stelle Sie dem leitenden Direktor vor-alles Andere

wird sich von selbst ergeben."

So wollte denn Schiller eintreten; aber der erfahrene Humboldt wehrte
chui. — „Nicht hier, das ist der Spezialaufgang des Chefs."

„Also in das nächste Thor?"

^ein, auch da nicht, das ist die sogenannte Generalstreppe." .

- Sie klommen die Professorenstiege hinan, die ziemlich finster war, und
ließen sich anmelden. Schiller lächelte und lächelte immerzu.
Dora Kästner: Zierleiste
Roda Roda: Schiller in Berlin
Hans Müller: Weihegruß der Jugend an Schiller
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