Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

Seite: 366
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Gedanken

von Wilhelm Weigand

Aus dem Geist kommt alles; zur Ver-
geistigung strebt alles hin.

Im Werden der Welten gibt es göttliche
Pausen, die auf göttliche Ohren warten.

Jede Methode ist, im gewissen Sinne, ein
asylum ignorantiae.

Lebendige Religionen sind Leidenschaften.

Der Geist entartet, wenn er anfängt, im
Jargon zu reden.

Die Wahrheit, daß wir nur das können,
was wir nicht gelernt haben, müssen wir am
allertheuersten bezahlen.

Gott ist schweigsam als Ironiker.

Die größte Sünde für den Künstler heißt,
sein Genie, anstatt in seine Werke, in sein
Leben zu legen. Dies gilt aber nur für
die mittleren Begabungen: denn Schicksals-
menschen haben ihr Leben nicht in der Hand;
sie sind Werkzeug eines höheren Willens, und
ihr Leben ist nichts Anderes als der Weg
zu ihrem Werke.

Als Aesthetiker lerne ich am meisten aus
dem, was die Künstler, die über sich selbst
reden, zu verschweigen für gut finden.

Es gibt Dichter, die ihre Talentlosigkeit
zur Theorie erheben: sie allein sind in Deutsch-
land gefährlich.

Was beim Schaffen einer Kultur als schöner
Zufall in das Leben tritt, kann nicht „über-
setzt" werden.

f. Heller (JVTüncben)

Die kleinen Mädchen

Scheltet nicht die guten kleinen Mädchen,

Die sich dem Verlassnen zugesellen,

Die dem Freudelosen Freude schenken,

Dem, der einsam ist, das Haus erhellen!

Scheltet nicht die Blonden und die Braunen,
Arme Falter, die durchs Leben irren.

Die vom Wind getrieben, bunt und fröhlich
Ueber unsre grauen Pfade schwirren!

Die sich sanft, wie Rosenblütenranken,

An des Wandcrmüden Schulter schmiegen.
Mit der Liebe süßem Liede leise
Ihm das kranke Herz in Schlummer wiegen!

Reinhard Volker

Lebendiges Recht

Wo unter Gottes Himmel tagten
Auf Steingebänke einst die Richter,

Um Recht zu sprechen unfern Ahnen,

— Gewalt'ge Eichenbaume ragten,

Und rauschend klang aus ihren Kronen
Der Mutter, der Natur, allmildes Mahnen.

Und jetzt — im kahlen, dumpfen Zimmer
Wird unserm Volke Recht gesprochen.

Voll Akten steh'n die Eichenschränke,

Und streift sie nachts ein Mondenschimmer,
Dann stöhnen sie und träumen wieder
Von übermoostem Steingebänke.

Karl hermann Mllllcr

Der Diplomat

von Joachim Graf von Oriola

Viele Jahre hatte ich mit meinem alten Freund
und Kameraden, Baron Langen, bei einem Regiment
gestanden, wir hatten die Freuden der Großstadt
miteinander genossen, da wurde er unerwartet als
Eskadron-Chef in eine ganz kleine Garnison des
fernen Ostens versetzt. Wir nahmen rührenden Ab-
schied, ich versprach, ihn bei meinem nächsten Urlaub
in seinem unverdienten Exil aufzusuchen, aber wie
das im Leben so geht, es kam immer etwas da-
zwischen, bis ich mich endlich auf seine dringende
Aufforderung hin zu der langen Fahrt aufraffte.
Nicht ohne einen leichten Seufzer bestieg ich im
elegantesten Civil den Zug, der mich meinem Freunde
zuführen sollte. Ich sah schon im Geiste seinen
prüfenden Blick über mich gleiten, genau jede Einzel-
heit meines Anzugs musternd, ob er auch nichts
vom „Leutnant in Civil" verrathe. Eine schlecht
gebügelte Hose, eine nicht selbstgebundene Kravatte
machten ihn direkt schwermüthig, ja sogar in der
Haltung, in der Art zu grüßen verlangte er zwang-
lose Grazie, und jeder hörbare Ruck war ihm in
tiefster Seele verhaßt. Dabei wußte er seine un-
angenehmen, kleinen Bemerkungen in so verbind-
licher Form vorzubringen, war in seiner Art aus-
zutreten von einer so exklusiven Vornehmheit, daß
er von uns nicht anders als „der Diplomat" ge-
nannt wurde.

Nun, ich hatte in Bezug aus meinen äußeren
Menschen ein recht gutes Gewissen, ja ich hoffte so-
gar, dem nunmehrigen Kleinstädter nicht unerheb-
lich zu imponieren. Allein dieser Gedanke verging
mir, sobald der Zug langsam in den Bahnhof des
Städtchens Sorgau einrollte.

Ein Blick auf den mich erwartenden Freund zeigte
mir, daß er noch ganz der alte sei. Wie ein kleiner
König stand er in tadellosester Haltung unter der
Schaar der braven Bürger, die der allabendliche

Spaziergang auf den Bahnhof gelockt hatte. Die
Begrüßung war freundlich, aber ohne jede De-
monstration, und bald rollten wir in dem mehr
praktischen als eleganten Krümperwagen über ein
Pflaster, das mich bei jedem Stoß unseres Gefährtes
eine Darmverschlingung befürchten ließ, der Wohn-
ung meines Freundes zu. Er hatte es verstanden,
sich auch jenseits von Wasserleitung und elektrischem
Licht ein behagliches Heim zu schaffen.

„Den heutigen Abend," sagte er, „werden wir
gemüthlich allein verbringen, und Du sollst gleich
das Beste, was Sorgau zu bieten hat, nämlich die
Weinstube von C. G. Müller, kennen lernen. Ich
habe den alten Herrn C. G., wie wir den Besitzer
kurzweg nennen, auf unser Kommen vorbereitet, und
ick denke, Du wirst Dich bald überzeugen, daß wir,
was leibliche Genüsse anbelangt, doch noch einen
leichten Schimmer von Civilisation zeigen."

Er hatte nicht zu viel gesagt. Das Menu war
mit Liebe zusammengestellt und der alte Ungarwein
über jedes Lob erhaben. Dabei diese köstliche Wirkung!
Ich merkte ordentlich, wie ich von Glas zu Glas
geistreicher wurde, meiner Rede Strom floß nur so
dahin, und selbst der Diplomat hätte beinahe seine
Zurückhaltung verloren. „Na ja," unterbrach er
endlich meine schönsten Tiraden, „nun wollen wir
einmal das Programm für morgen feststellen. Zum
Dienst kann ich Dich natürlick nickt mitnehmen, da
Du in Civil, also gewissermaßen incognito, reisest.
Du kannst daher gründlich ausschlafen, machst dann
einen kleinen Bummel, um Dir das liebliche Sorgau
genauer anzusehen, darauf nehmen wir bei mir ein
leichtes Gabelfrühstück ein, und hinterher fahre ich
Dich in den wirklich schönen Stadtwald. Das Essen
habe ich ausnahmsweise, Dir zu Ehren, auf fünf
Uhr angesetzt, nachdem es mir gelungen ist, die Be-
denken meiner drei Tischgenossen in Rücksicht aus
den übermorgigen Sonntag zu überwinden. Be-
kanntlich steht hier nur eine Eskadron, meine beiden
Leutnants sind verheirathet, so daß ich meine täg-
lichen Mahlzeiten mit drei Herren vom Civil im

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Reinhard Volker: Die kleinen Mädchen
Wilhelm Weigand: Gedanken
Felix Adler: Zierrahmen
Karl Hermann Müller: Lebendiges Recht
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