Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 1 (Nr. 1-26)

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Caß immerhin — droht auch Dein fjerz zu brechen
vorn fjafj und von der vosheit vich verwunden,
Sid selbst dem Spotte preis, was vu empfunden,
Und fasten Iah vich stets an veinen Schwächen.

ks werden vage kommen, die vich rächen,

Und wenn die veinde, wider vich verbunden,
sin ihren vreunden ihren Lohn gefunden:
vann werden selbst die Steine für vich sprechen.

vann preist man vich, statt vich wie einst zu schmähen,
Und was man niemals ernstlich an vir prüfte,
wird dann, bewundert, sich von selbst verstehen.

Venn so nur werden frei die Weihrauchdüfte,
vie um der Menschheit Hochaltäre wehen —

Und so nur steigt ein Phönix in die Hüfte!

ferckrnanck von Saar

Wenn man seine Novellen und Dramen liest,
dann begreift man kaum, daß er auch ein großer
Dramatiker war. Wenn man seine Dramen sieht,
versteht man schier nicht, daß er einer unserer präch-
tigsten Erzähler ist. Bei unseren augenblicklich Un-
sterblichen ist es anders: liest man ihre Novellen,
so hält man sie vielleicht für Dramatiker; sieht man
aber ihre Stücke, so bemerkt man sofort, daß man
sich getäuscht hat.

„Das vierte Gebot" mußte mehr als ein
Jahrzehnt warten, bevor sein Werth erkannt wurde.
Aber nunmehr hat sich die Zeit gebessert. Blumen-
thal muß nicht mehr so viel Geduld haben.

Der mächtigste Dichter Österreichs brauchte doch
nicht völlig zu verhungern; denn er bekam als
Redakteur eines Wiener lokalen Witzblattes ein
kleines Gehalt. Weil er die Kunst zu ernst nahm,
strafte ihn das Schicksal und er mußte Witze
machen. _

Im „Pfarrer von Kirchfeld" steckt der
ganze Traum von einem Reform-Katholicismus,
aus dem, so oft er geträumt wurde, meist eine
Excommunikation oder ein Ueberschütten mit eini-
gen Weihwasser-Kübeln frommen Unflats die
Schläfer weckte. Der „Pfarrer" ist wohl sein be-
kanntestes, weitaus nicht sein bestes Werk. Dazu
hat er zu viel in Worten zurückgebliebene, nicht
in Handlung umgesetzte Tendenz. Es ist noch
nicht der ganze Löwe in dem Drama, aber man
sieht schon seine Klauen. Und das Geheul der
Dunkel-Unmänner zeigt uns, daß diese Klaue sie
kräftig gepackt hat.

Lemerkungen über Anzengruber

Der Dichter hatte viel Unglück in seinem Leben.
Privates, an das wir nicht erinnern können; denn
noch lebt die, die ihn zerbrach. Aber er hatte
auch nicht-privates Unglück- Es war dreierlei
Art: Er war ein Oesterreicher und ein Genie und
er kam zu früh.

Es gibt kein Werk in der Welt-Literatur, dessen
Humor so menschlich wäre und zugleich so gletscher-
hoch über allem Menschlichen stünde, wie jener
der „Kreuzelschreiber". Aristop h anes,
an dessen Frauenstrike-Komödie immer vergleichs-
weise erinnert wird, war witziger, aber deshalb
auch weniger gütig, mehr verächtlich. Die gott-
volle Weisheit des Steinklopferhans hätte er nie
begreifen können, ebensowenig auch die anmuthige,
männliche Weichheit, mit der hier lächelndes Ver-
stehen die tiefsten Geheimnisse des Geschlechter-
kampfes zugleich enthüllt und verdeckt.

Raimund war inniger, Nestroy witziger.
Er war kräftiger. Raimund war das lebhaft
träumende Kind, Nestroy der bitter-boshafte,
enttäuschte Greis. Er war der Mann.

Nebenbei bemerkt: Wie viele Deutsche haben
die „Aphrodite" von Louys gelesen? Und
wie viele Deutsche wissen, daß die „Märchen
des Steinklopferhans" zu dem Schönsten
gehören, das in unserer Sprache geschrieben wurde?

Er hätte mehr, — viel mehr sein können. Man
schob ihn zur Seite, entfremdete ihn der Bühne,
vergaß ihn- Während das Publikum Trikots an-

gasfte, Waden bewunderte und Cancan8 pfiff, saß
ein vergrämter Mann in einen: schmutzigen Loch
an der Taborstraße, in seiner kleinen, finsteren Re-
daktion, und glossierte den Tag. Er, dem alle
Tage gehörten...

So sind auch seine Meisterwerke nur Andeut-
ungen von allen Möglichkeiten, die in ihm keinüen.
Die Saat wurde zertreten. . . Deutschei Oester-
reicher I . . . Aber weshalb pathetisch werden? Das
geht ja immer so weiter. Später wird man wissen,
wer augenblicklich an der Reihe ist.

Zwei Jahrzehnte vor dem eifrig gepredigten
Naturalismus der Schwäche hatte er den Naturalis-
nius der Kraft.

Er war stark. Wenn man seine Briefe liest,
so spürt man, daß er vieles überstehen konnte.
Freilich, was es ihm und was es uns gekostet hat,
wer kann es auch nur ahnen? Der Haß hat ihn
nur kräftiger gemacht, das zeigt sein Aufstieg nach
dem „Pfarrer von Kirchfeld." Aber die
Gleichgiltigkeit nachher, die hat ihn niedcrgeworfen-.

Ich war noch ein ganz kleiner Bub und trug
noch kurze Hosen, als ich zu ihm ging. In seine
Redaction. Ich weiß nicht mehr, was er mir da-
mals sagte. Aber an seinen Blick erinnere ich
mich, dessen gütiger Ernst durch Einen sah wie
durch Luft . . . Und ich möchte die Erinnerung
an jenen Blick nicht hergeben.

Luckwrg Lauer (Wien)

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Ferdinand Ludwig Adam v. Saar: Päan
Ludwig Bauer: Bemerkungen über Anzengruber
Else Mehrle: Zierleiste
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