Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 2 (Nr. 27-52)

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Die bayrifchen üandfagswahlen oder „Der Zug durch’s rofhe Meer."

ich es nur? Er ist doch der gleiche geblieben, der
alte Wald! Ja das Herz, dem fehlt die Jugend,
der sorglose Leichtsinn.

Und wenn der Abend kommt, wenn Alles
brennt und lodert, vom glühenden Himmel herab
bis zum rosigen Grashalm — Alles anders I Das
Herz bleibt ruhig, erhaben über jeder träumenden
Thorheit. Aber damals, da loderte es mit in der
Feuerruhe des Abends.

Und neben mir der wetterharte Jäger mit den
rücksichtslosen Tritten — der weiß von alledem
nichts. Der ist die echte Kampfgestalt, ich fühle
sogar etwas wie Respekt vor ihm.

Zum Sinnieren hat er keine Zeit. Für ihn
gibt es nur Arbeit und wieder Arbeit. Ueberhaupt
Sinnieren, das ist auch so ein Ding. Er kennt
es kaum. Damals, wie die Mirzl noch am Berg-
angerhof war — vielleicht. Aber er läßt die
Vergangenheit ruhen. Kommt ja auch nichts dabei
heraus. Ein bisserl Phlegma ist auch dabei.
Philosophieren ist nicht seine Sach', das überläßt
er anderen. —

Jetzt ist es schon später Abend, die Krähen
ziehen zu Holz, rosige Wölkchen steigen in das
Grünblau des Aethers — die Sonne liegt hinter
den Wäldern im Schlaf, das Düster klettert über
Hügel und Matten und setzt sich im Hochholz
fest- Die Fichten raunen — dann glimmt der
Abendstern auf.

Das war damals für mich der Gruß einer
fernen Mädchenseele. — Thörichte Jugend! —
Oder?

Es war doch schön, es war reiner Idealismus,
es war ehrliche Liebe, von allen guten Geistern
getragen.

Hochwald, — ober uns rauscht eS, ein zanken-
des Krächzen.

Dort sitzt eine, ein schwarzer Klumpen hoch
auf dem Fichteugipfel. — Dort wieder eine. Wie
ich den Lauf hebe, grüßt mich der Stern. Dann
fliegt das Feuer, zweimal rast der Knall, Aeste
stieben, Nadeln prasseln — ein schriller Schrei
der höchsten Todesnot — dann klatscht ein Körper
schwer in's Moos. Raunend bebt der ganze
Wald. —

„Mistviecher, die Raben," sagt Hans und
wechselt die Patronen. Und ohne die Gefallene
eines Blickes zu würdigen, geht er weiter.

Mich aber zieht es zu ihr hin, ich weiß selbst
nicht warum.

Sie ist noch nicht einmal verendet. In wilder
Angst sucht das schwarze Auge in das Düster hinein,
der starke Schnabel sperrt sich mir entgegen, die

Krallen krampfcn sich um einen dürren Ast —
„armer Kerl" I Ein Stoß mit dem Kolben! —
Aus! -

Und die Nacht sinkt mit blauen Fittichen auf
die Erde und durch da? Wirrwarr der Stämme
schauen fahle Lichter ins Holz. Draußen am
Rand steht Hans, wie ein schwarzer Riese von
fahlblauem Glanz umflossen. Kalt, nüchtern, wie
immer.

Dann stecke ich mir noch eine schwarze Feder
auf den Hut, gleichsam zur Erinnerung und gehe
langsam zu Haus.

Wieder trifft mich ein erstaunter Blick aus
des Alten Auge und er schüttelt den Kopf.

Ich aber denke halb wehmüthig, halb überlegen
an jene Zeit zurück, wo ich im Mai als junger
Bursch irgend einen blühenden Zweig am Hute
trug.

Heute steckt eine schwarze Krähenfeder darauf.

«*

lüabrcs 6«$cbiebtelKn

Die Lehrerin spricht vom Gebet und will die
Kinder ans das Tischgebet bringen. „Mas thnt
Ihr, bevor Ihr anfangt zu essen?" „Mir decken
den Tisch — setzen Stühle — rufen Vater und
Mutter — waschen uns die Hände." — „Gewiß,
das thut Ihr alles, aber wendet Ihr Luch nicht
auch an den lieben Gott — ruft Ihr ihn nicht
an?" „Ja," beichtet eine Kleine mit flinkem
Zünglein, „gestern sagte mein Papa: lieber Gott,
ist das wieder ein Fraß!"

*

Der neue ZZlukarci)

Lvir geben Ihnen 30.000 Mark pro anno
und zehn Monate Urlaub," sagte Intendant
v. polsart zu einem Heldentenor.

„Ich thu's schließlich für 25.000... dafür
aber zwölf Monate Urlaub."

In Ser Gar

Feiner Duft von Cigaretten,
Seideknistern, leichte Worte;

Um die kaumverhüllten Schultern
Ringelt weich die Boa sich.

Am Büffet die kleine Dame,

Bleich und reizend übernächtig,

Durch den Halm, entzückend laßig,

Saugt sie ihren Mokka-Flipp.

Auf dem Stuhl mit hohen Beinen
Hockt der Jüngling, dreht das Stückchen,
Starrt sie an und redet Blödsinn;
Tadellos ist er frisiert!

Und mit ihren glüh'ndcn, schlauen,
Schwarznmzogncn Katzenaugen
Saugt sie läßig aus dem Schädel
Ihm das letzte Bischen Hirn.

Reinhard Volker

Akademische Freiheit

Zur Zeit der Bälle war ein junger Mann —
Assistent an einem Universitätsinstitut — früher
als sonst am Ende seines spärlichen Gehaltes
angelangt. Lr wußte sich nicht anders zu helfen,
als Laß er zur Universitätskaffe ging und dort
vielmals um Lntschuldigung und um gütige vor-
schußweise Aushändigung des Gehaltes bat; es
sollte ja nur ein Ausnahmcfall sein und gewiß
nicht mehr Vorkommen. „<D, wenn's weiter nichts
ist," antwortete der Herr Rechnungsrath, „das ist
nicht schlimm; Magnifizenz sind schon vor drei
Machen dagewesen."

Rindermund

Die kleine Lotte geht in Begleitung des Kinder-
fräuleins spazieren und trifft unterwegs ihren
Vater. Der Vater nimmt sie ein Stückchen mit
und unterhält sich mit seinem kleinen Töchterchen.
Da stellt Lottchen an den Vater folgende Frage:
„Papa, kann ich nicht noch ein kleines Brüder^
chen bekommen?" — „Dann würde aber die
Mama sehr krank werden." — Darauf antwortet
Lottchen: „Laß doch Fräulein krank werden, wenn
ich ein Brüderchen bekomme."
[nicht signierter Beitrag]: Akademische Freiheit
Reinhard Volker: In der Bar
Monogrammist Frosch: Die bayrischen Landtagswahlen
Arpad Schmidhammer: Illustration zum Text "Der neue Plutarch"
[nicht signierter Beitrag]: Wahres Geschichtchen
[nicht signierter Beitrag]: Kindermund
Plutarch [Pseud.]: Der neue Plutarch
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