Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 2 (Nr. 27-52)

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Line Plätterin im Zürstenthume
Reuß, der altern Linie unterthan,

Hatt' verloren ihrer Unschuld Blume
Und man sah ihr diesen Umstand an.

Doch verlor die Arme durch ihr Lieben
Nicht allein der Jungfernschaft Juwel —
Auch ein Schutzmann hat sie ausgeschrieben
Und sie kriegte einen Strafbefehl.

Diese unglückselige Person hat
Ls zu büßen nun mit schwerem Geld,

Daß sie sich nicht schon — im vierten

Monat,

Wie es Vorschrift, dem Gericht ge stell tl

Heinerich der Zwanzigste verfaßte
grämlich dieserhalb einst eine lex.

Weil er tugendsam den Anblick haßte
Liner Jungfrau, welche zu convex!

9 Mark Strafe und diverse Kosten
Zahlt nun jene Sünderin in Greiz —

Doch für eines Schutzmanns schweren Posten
Hat die Lache sicher ihren Reiz.

Seines trocknen Amts pikante Würze
Ists dem Mann der Drdnung, wenn er späht,
Db nicht irgend eine Mädchenschürze
Widerrechtlich wo sich wölbt und bläht.

Und ich will die Ansicht nicht bestreiten:
Mancher Herr vom Sittlichkeitsverein
Thät um solcherlei Dbliegenheiten
Gern ein Reuß-Greiz-Schleizer

Schutzmann sein!

Ja im Grunde find ich. sind die Ldeln
Dhnehin erwähntem Schutzmann gleich.
Denn was er ist für die Reußer

Mädeln.

Sind sie für das ganze deutsche Reich!

Hans

Ein Aind

von fflaxtm Gorki

Lines Abends lag ich, von des Tages Last
und Hitze müde und abgespannt, hinter einem
alten Hanse. Ls war ein düsteres Gebäude.
Die rothglühendcn Strahlen der untergehenden
Lonne beleuchteten seine Risse und die großen
Schmutzflecke an den wänden. Ratten und Mäu-
sen gleich, huschten die armseligen Bewohner aus
und ein, halbverhungert und nur nothdürftig in
Lumpen gehüllt. Schmutzig, wie ihr Aeußeres,
war auch das Innere dieser Menschen. Aus den
geöffneten Fenstern drang dumpfer Lärm, der mich
einschläferte.

plötzlich ertönte in meiner Nähe, hinter leeren
Fässern ein leise und zärtlich gesungenes wiegen-

lic6: Schlaf, Rindlein, schlaf!...

Ich hatte nicht gewußt, daß in diesem Hause
je Mütter ihre Rinder durch zärtliches Singen

nach einem modernen Manöver: Die Orden-Sucher auf dem Stoppelfeld

(Zeichnung von E. Wilke)

in den Schlaf wiegen. Leise auftretend, begab
ich mich hinter die alten Fässer und erblickte dort
in einer alten Riste ein Rind, ein kleines Mäd-
chen. Den Ropf tief gebückt, wiegte sie den Gber-
körper langsam hin und her und summte träu-
merisch vor sich hin:

Schlaf, Rindlein, schlaf!...

In den Händen hielt sie einen hölzernen Löffel-
stiel, um den ein rother Lappen gewickelt war
und auf den sie liebevoll herabsah.

welch wunderschöne Augen und wie todes-
traurig der Blick! Als ich den bemerkte, vergaß
ich den Schmutz an den Händen und auf den
Wangen des Rindes.

Ueber ihr tobte Schreien, Schimpfen, Lachen
und weinen Betrunkener. Sie saß inmitten eines
Trümmerhaufens, Alles um sie her war zerschlagen
und zerbrochen. Die untergehende Sonne hatte
das ganze Gerümpel blutroth gefärbt und ihm
ein unheimliches Aussehen gegeben.

Ich machte eine Bewegung, — das Mädchen
zuckte zusammen. Mißtrauisch schielte es nach
mir hin und drückte sich ängstlich, wie ein Mäus-
chen vor der Ratze, an die wand.

Lächelnd betrachtete ich dies schmutzige, schüch-
terne Gesichtchen. Die Lippen hatte sie fest auf-
einander gepreßt und die Augenbrauen zusammen-
gezogen.

Endlich stand sie auf, zog das zerschlissene Rat-
tunkleidchen zurecht, steckte das Püppchen in die
Tasche und sagte mit zartemRinderstiinmchen:

„was willst Du?"

Sie mochte i > Jahre alt sein, ein feines zartes
Figürchen. Aufmerksam betrachtete sie mich und
fragte:

„Nun?" — Und nach einer Pause. — „was
willst Du von mir?"

„Ich? Ich brauche nichts, spiele nur weiter,
ich gehe schon!" Sie schritt jedoch auf mich zu
und sagte laut und deutlich:

„Komm, komm nur mit mir — für einen
halben Rubel." Ich verstand sie nicht gleich, zuckte
aber unwillkürlich zusammen, etwas Entsetzliches
ahnend.

Sic kam ganz dicht zu mir heran, lehnte sich
mit der Schulter fest an mich und von mir weg-
blickend sagte sie in gleichgültigem Tone:

„Komm doch mit I Ich mag meine Liebhaber
nicht auf der Straße suchen, kann mich ja auch
nicht öffentlich zeigen, denn der Geliebte meiner
Mutter hat mein letztes gutes Rleid vertrun-
ken .... Komm mit!"..

Ich schob sie schweigend zur Seite. Ungläu-
big sah sie mich an. wie merkwürdig zuckte es
um ihren Mund und wie träumerisch schweifte
ihr Blick in die Ferne. Mit müder Stimme
sagte sie: „Zier Dich doch nicht, komm mit.
Denkst Du, ich werde schreien? Hab' keine Angst,
— das ist längst vorbei, ich schrei nicht mehr...
jetzt..." '

Ohne den Sah zu vollenden.... spuckte sie aus.

Ich stieß sie von mir, Abscheu und Mitleid
im Herzen. Den todestraurigen Blick dieser
Rinderaugen konnte ich nicht vergessen!
fAus dem Russischen übersetzt von Fanny Glarner.s

Da» russische (vokk vor

und nach der Einfichrung der Duma

E. Wilke

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Hanns (Hans): Aus Reuss-Greiz-Schleiz
Maxim Gorki: Ein Kind
Erich Wilke: Das russische Volk vor und nach der Einführung der Duma
Erich Wilke: Die Orden-Sucher auf dem Stoppelfeld
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