Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 10.1905, Band 2 (Nr. 27-52)

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Das

allgemeine Wahlrecht in Oesterreich-Ungarn

© mei' Doppeladler,

IHit'm Wahlrecht geht's fix,

Kannst Dir boade Köpf' z'brech'n,
Dös nutzt Dir All's nix!

A Wunder is g'schehen,
fast nit znin glauben:

Iatz kommt Gestrei ch mit Ungarn

Aar unter oa ksanb'n!

Den Mager Demonstranten

Von Millionen tönt cs laut:

„Ter Freiheit eine (KasscI" —

Wie reißende Flnthen wälzt sich dahin
Des Volkes grollende Masse!

Mit Allen, die nach Recht nnd Licht
In heiligem leiser riefen,
blicht aufgewühlt ans dunkle», («rund
Der schmutzige Schlamm der Tiefen!

Die menschlichen Bestien werden tvach.
Mit seinen rohen Händen
Sah man den Mob noch bei jedem Kampf
Des Volkes Fahnen schänden!

In Rnüland besudelt er mit Blut
Der jungen Freiheit Tempel,

Das Tschechen-l^csindcl nah», eS sich
Zum traurigen Exempel!

»Ten Juden Tod!" So hört man dort
Den Han zum Wahnsinn peitsche».

Im goldenen Prag, da brüllt der Mob:
»Schlagt nieder alle Deutschen!" —

Versteht ihr s o den heißen Streit
Ter Klassen, die entrechtet.

Das, ihr beim ersten Schritte schon
Wehrlose Brüder knechtet?!

Den Menschen Freiheit, Recht und Licht
Als wahre Freudcnbringer!

Die Bestien aber, wie bisher.

In einen starken Zwinger!

Rudolf Greinz

Tageskonferenzen

Eine in zwiefacher Hinsicht wahrhaft sittliche Groß-
that ist soeben in unserem als unsittlich verschrienen
München vollbracht worden: Herr Geh. Kommerzicn-
rath Lingucr aus Dresden hat uns mit einer volks-
hygicnischen Ausstellung beglückt, die an ge-
nialer Anordnung und rücksichtsloser Aufklärung alles
bisher Tagewefene weit übertrifft. Das ist seine
Grosithat, der aber auch eine solche des Münchener
Volkes entspricht, denn die Ausstellung ist in wenigen
Wochen von 234,000 Menschen besucht worden! Es
war ein Triumph der Aufklärung. Was sind
dagegen die Salbadereien der muckerischen Sittlichkeits-
kongrcssc mit ihren saftigen Schilderungen des christlich-
ehelichen Vollaktes und den Warnungen vor der Erbsen-
sündc! Wer diese Ausstellung ohne die ernstesten Ge-
danken und Vorsätze verlassen hat, an dem ist wirklich
Hopfen und Malz verloren, an dem werden auch die
schönen Reden der Herren Stöcker, Bahn und Weber
nichts mehr bessern! Möge jede größere Gemeinde
danach streben, eine solche Ausstellung, wenn auch in

J UGEND

kleinerem Maßstabe, als ständiges Museum zur
Belehrung der Jugend zu besitzen!

l * » *

Zum Falle Beer in Wien will ich mich in aller
Kürze so äußern: für alle und jede Freiheit in
moralidus muß es eine unübcrschrcitbare Grenze
geben, welche durch die Achtung vor den Schwachen
nnd Unmündigen gezogen ist und die der Staat nicht
ans Willkür sondern aus Barmherzigkeit strafrechtlich
zu schützen genöthigt war. Es gibt Gesetze, die man
geringschätzen und belächeln kann, ja bekämpfen muß,
weil sic ohne allen vernünftigen Staatsgedanken in
das freie Uebereinkommen mündiger Menschen cin-
grcifen. Aber zu ihnen gehören die Paragraphen
zum Schutze der Jugend nicht. Der Staat kann
nicht alle Wirthsschilder und Anpreisungen alkoholischer
Getränke entfernen, er kann auch nicht die Presse und
den Buchhandel knebeln, um die Jugend vor dem
Anblick verfänglicher Titel und Bilder zu bewahren,
so wenig wie er in der Großstadt alle und jede ver-
führerische Weiblichkeit vom Straßenverkehr ausschließen
kann; wohl aber muß er direkte Angriffe auf jugend-
liche Individuen ahnden. Die Majestät derJugend
ist heilig und unantastbar.

Georg khjrtk

6in Crost im Ceid

Während der Revolutions-Woche wurde, wie
wir hören, der arnie Zar ä In suite des Preuß-
ischen Ersten Eisenbahn-Regiments ge-
stellt, eine Ehrung, die ihm viel Freude bereitete.

Lhrtstmene Keife-Kegen für -Atpßons

Mein Lohn! Paßt etwas Dir nicht in den Kram,
Laß nicht die Lippe hängen, laß das bloß, —
Und hast Du Kuintner selbst itird Liebesgram!
Die Unterlippe ist schon s o zu groß!

keriiner Empfänge

Wenn ein Herrscher in des Reiches
Hauptstadt seinen Einzug hält,

Zeigt sich jedes Mal ein Gleiches:

Preußens Reitergarde stellt
Die Eskorte, und die Truppen
Bilden recht? und links Spalier;

Krieger, Schüler, Innungs-Gruppen
Zeigen sich in Festtagszier.

Fahnen flattern rings, und hinter
Dichten Schutzmanusketten drängt
Sich die Menge frohgesinnter
Gasser, die den Gast empfängt;

Und der Hauptstadt Bürgermeister
Harrt, umringt von einem Flor
Um die Stadt verdienter Geister,

Bor dem Brandenburger Thor,

Steht erwartungsvoll im Freien
lind begrüßt seit Jahr und Tag
Rach dem Muster der Lakaien
Jeden Gast am... Kutschenschlagl

Nr. 46

6edet für den König von Spanien

Bei der Galatafcl zu Ehren des Königs von
Spanien, schloß der Kaiser seilicn Trinkspruch mit
den Morten:

„Ew. Ulajestät dürfen versichert sein, daß aus
dein Herzen Meiner Unterthanen sowohl wie
Meines Hauses und dein Meinen stets Gebete zum
Himmel aufsteigen werden für das Mohl Ew.
Majestät, des spanischen Volkes und Ew. Maje-
stät erlauchten Königshauses. Auf diesen Wunsch
und auf dieses Gebet leere Ich Mein Glas."

Unser Gebet für Alfonso hat also gelautet:
„Lieber Gott, erhalte diesen, noch sehr jugend-
lichen König so rein, so schön, so hold, wie er
heute ist! Befreie ihir aus den Klauen der Schwar-
zen, die sein Reich zum ärmsten und rückständig-
sten Land Lnropa's gemacht haben und erlöse
dies aus der Nacht der Dummheit und Bigotterie.
Lasse ihn einschen, daß cs Ehrensache ist, die
Schullehrer menschenwürdig zu bezahlen nnd daß
es eine Schande ist, die Stiergefechte und über
60 Prozent Analphabeten iin Laude zu haben.
Lasse keinen Gottesgnadenwahn in ihm aufkom-
mcn nnd erleuchte ihn mit der Erkenntniß, daß
es keine angeborene königliche Weisheit gibt,
sondern viel öfter das Gegentheil. Gieb ihm
eine gute, gesunde Iran, die nicht aus Staats-
raison an ihn verschachert wird und nicht zu nahe
mit ihm verwandt ist und lasse ihn dafür sorgen,
daß seine Kinder einmal in Spanien noch Etwas
zu regieren vorfinden l Amen!"

,-Iugenck"

Das Oetrnoidee Ständchen

Am 4. November brachten >2 Posaunenchöre aus
dem Lande dem Zürstenpaare eine Ehrung dar.

In Lippe von Posaunenchören

Ein herrlich Blasen ließ sich hören.

Der junge Fürst niit heitrem Blick

Sprach: „Danke schön für die Musik!

Schon einmal ward ich angeblasen,

Doch das war weniger znm Spaßen!"

ir. v.

Die Strömungen am ru$$i$eben Kote

Witte ist augenblicklich noch oben. Gehalten
wird er von der Zarin-Mutter und zwei Groß-
fürsten. Gegen Witte sind die Kaiserin nnd drei
Großfürsten.

Der neue Mberprokurator des heiligen Spnods,
Fürst Gbolenskp, hat sich mittelst einer Sonnc-
berger Spielwaarenschachtel der Gunst des kleinen
Thronfolgers bemächtigt.

Alle Parteien treffen in fieberhafter Eile An-
stalten, sich die Stimme des demnächst zu erwar-
tenden neuen kaiserlichen Sprößlings zu sichern.

Zirp


Während der , allgemeinen Emeute in Rußland,
bei der es nicht einmal möglich war, die Grenzsperre
für Vieh aufrechtzu erhalte«, gelang es auch einigen
Großfürsten, in'S Ausland zu entkommen.

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Zirp: Die Strömungen am russischen Hofe
Rudolf Greinz: Den Prager Demonstranten
R. V.: Das Detmolder Ständchen
Redaktioneller Beitrag: Gebet für den König von Spanien
[nicht signierter Beitrag]: Berliner Empfänge
Georg Hirth: Tageskonferenzen
[nicht signierter Beitrag]: Das allgemeine Wahlrecht in Österreich-Ungarn
Monogrammist Frosch: Zeichnung ohne Titel
Monogrammist Frosch: Ein Trost im Leid
Monogrammist Frosch: Zeichnung zum Text "Das allgemeine Wahlrecht in Österreich-Ungarn"
[nicht signierter Beitrag]: Christinens Reise-Segen für Alphons
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