Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 11.1906, Band 1 (Nr. 1-26)

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Julius Diez (ITlünchen)

Die beiden Hofmarinoristen

Es saßen einst beim süßen Sekte
Zwei Künstler spat im Dämmerlicht.

Oer eine froh, der andre deckte
Mit seinen Händen das Gesicht.

Er sprach zum Freunde mit Entsetzen:

„Trüb muß man in die Zukunft sehn.

Wird nicht zu neuen Marmorklötzen
Uns eines Tags der Stoff ausgehu?

Wo findet in den deutschen Gauen
Oer künftige Künstler einen Mann,

Oer nicht schon lange ausgehauen?

Was thut der ärmste Bildner dann?"

Oa lacht der Andre: „Alter Sünder!

Red keinen Unsinn! Ueberleg's!

Hat nicht der Kaiser sieben Kinder?

Sind nicht schon Enkel unterwegs?

Mit allen Böllern möcht ich^s bollern
— Frisch! Eine Flasche neu entkorkt! —

Ein Hoch dem Stamm der Hohenz ollern,
Oer also für uns Künstler sorgtt

Uunstnachrichken

In Elberfeld, Bingen, Karlsruhe und
Breslau hat sich ein „Verein zur Kastrier-
ung nackter Denkmalsfi guren" gebildet. Er
ist eine schlagende Verbindung, die Mitglieder
beschränken sich aber darauf, alle marmornen
Auswüchse abzuschlagen. Die abgehauenen Stücke
werden gesammelt, und bei jedem fünfzigsten wird
ein Festkommers mit Damen veranstaltet. Das

Vereinsabzeichen besteht in einem Hammer und
einem Stein, die aber nichts mit der hanno-
verschen Familie Hammerstein zu thun haben,
wie ausdrücklich bemerkt sei.

*

Was thut Hermann Bahr mit dem Gehalt,
das er für die Nichtausübung seines Negisseur-
postens bekommt? — Diese Frage erregt die Ge-
müther auf's heftigste. Einige behaupten, er
werde das Geld unter alle die Autoren vertheilen,
die er schon überwunden hat. Andere behaupten,
er werde aus Dankbarkeit gegen das Centrum
eine Kirche stiften, für die er bereits einen Band
Kirchenlieder zusammendichtet. Beide Versionen
scheinen falsch zu sein. Denn Hermann Bahrs
Gemahlin erklärte einem Interviewer, Hermann
werde auswandern und in Südaustralien mit dem
Geldc eine Stadt gründen, da keine europäische
Stadt seiner würdig sei.

*

In Berlin hat sich infolge der Schwierigkeiten,
die Fräulein Duncan mit der Polizei hatte, eine
neue Tanzkünstlerin niedergelassen: Fräulein
Pippa, eine Tochter des bekannten Dichters
Gerhart Hauptmann. Miß Duncan soll wegen
dieser Konkurrenz das Tanzen aufzugeben beab-
sichtigen, und sich zur Kunstschützin ausbilden.
Nach der Aussage mehrerer Berliner Gerichtsvoll-
zieher besitzt sie ein sehr großes Talent für
dieses Fach.

*

Am 19. Februar 1919 wird in Berlin die
Enthüllung des Heinrich Heine-Denkmals statt-
sinden. Da sich kein deutscher Fürst bereit finden
ließ, das Protektorat zu übernehmen, hat die
Kaiserin-Tante von China den Posten occupiert.
Die Festrede wird Alfred Kerr halten. Sein
Freund Julius Hart wird sie in's Deutsche
übersetzen. Sudermann wird sie kritisieren und
Blumenthal ein Lustspiel daraus machen. Da
die Amerikaner schon ein Heine-Denkmal besitzen,

besteht glücklicherweise keine Gefahr, daß es an
sie verschenkt wird. Militärkapellen ist die Mit-
Wirkung an der Feier untersagt. Eine eigenartige
Kundgebung hat Ernst von Possart für den
Tag vorbereitet: er wird die Kommata und
übrigen Interpunktionszeichen aus der „Harzreise"
rezitieren.

Auch eine P r o t e st v e r s a mm I u n g findet statt,
in der Graf Pückler über „das Aas, den Heine-
leben, und die zunehmende Verjudung der Denk-
mäler" sprechen wird. Die deutschen Sittlichkeits-
vereine halten sich von der Feier fern.

*

Die Stimmen, die verkündeten, die Staats-
anwaltschaft besäße wegen ihrer vielen Sittlich-
keits-Prozesse keinen Kunstsinn, thun der verehr-
lichen Behörde bitter Unrecht. Soeben trifft aus
München die Meldung ein, daß ein dortiger
Staatsanwalt aus eigenen Mitteln eine Preis-
konkurrenz für den Entwurf eines künstlerischen
Spucknapfes ausgeschrieben habe, damit sich die
Sachverständigen im Gerichtssaal „ausschleimen"
können.

*

Für den 22. Januar 1907 haben die Ber-
liner Sozialdemokraten bereits eine neue Kund-
gebung ausgedacht: sie werden im Moabiter Ge-
sellfchaftshaus die Büste des Prinzen Ludwig
von Bayern enthüllen. Hoffentlich kommt es
dabei zu keinen Zwischenfällen denn Rosa Luxem-
burg soll sich bereits in die Büste sterblich ver-
liebt haben.

*

Wie verlautet, stehen große Umwälzungen in
der Verwendung der preußischen Hofkünstler be-
vor: das nächste Denkmal wird Ruggiero Leon-
cavallo aushauen, während Eberlein die nächste
Nationaloper komponieren wird. Man erhofft
von dieser Vertauschung einen künstlerischen Fort-
schritt, da sich die bisherige Rollenvertheilung
leider nicht sonderlich bewährt hat.

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Julius Diez: Kgl. preuss. Hoflieferanten
[nicht signierter Beitrag]: Die beiden Hofmarmoristen
Karl Ettlinger: Kunstnachrichten
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