Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 11.1906, Band 1 (Nr. 1-26)

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Vorhalle der IIlarkus=Kirche in Venedig

ltbolf von Alt wurde am 12. März 1905 ge-
boren. An diesem Tage nämlich starb er.
Da sprach zum erstenmale Alles von ihm, weil er
fast 94 Jahre alt geworden war. Die Statistik
nahm Notiz von ihm.. Hufeland schritt an eine
neue Ausgabe seiner Makrobiotik. Jean Finot
machte einen Nachtrag zu seiner „Long£vit£.“
Der „Anekdotenschatz" fügte sich einen neuen Ab-
schnitt von berühmtm altischen Kalauern zu. Nun
war Rudolf von Alt ein gemachter Mann- Der
nächstjährige Abreißkalender wird schon einen
seiner Stefansthürme reproduzieren. Er malte
nämlich immer den Stefansthurm . . . oder etwas
Anderes. Auch kannte man ihn, soweit der
Stefansthurm sichtbar ist; ja selbst über diesen
Umkreis hinaus, bis Atzgersdorf, Enzersdorf und
Jnzersdorf.

Seine Natur war allerdings nicht bedeutend.
Er war so einseitig, daß er nichts that, als malen.
Er war so wenig originell, daß er (wie alt-
modisch!) selbst das Veilchen nachahmte, das im
Verborgenen blüht. Dabei konnte er so un-
bescheiden sein, schon in jungen Jahren 35 GuU
den für ein großes Aquarell zu verlangen. Seine
Habgier wuchs immer mehr, später nahm er auch
schon 150 Gulden für einen Stefansthurm. Da-
zu kam seine Mißgunst gegen alle Kollegen;
immer wieder wuchs er vor Neid über sie hinaus.
Und in seiner Geschäftsschlauheit trachtete er immer

Ivudolf von Alt

(23. August 1812 — 12. Marz 1905)

zeitgemäß zu sein, blieb in keiner Manier stecken,
sondern entwickelte sich fort, von: Zeichner zum
Koloristen, von: Oel zum Aquarell. Aber diese
Gesinnungslosigkeit täuschte Niemanden, man er-
kannte doch immer gleich seine Klaue, er blieb der
alte Alt. Dieser Alt war bei seiner großen Hals-
starrigkeit aus ihn: nicht aüszurotten. Auch im
Privatleben war er keineswegs angenehm. Er
hatte die Art einer Klette und hing mit allen
Fasern seines Wesens an seiner Favlilie, an feinen
Freunden sogar. Jedermann glaubte, daß er ein
Herz voll Liebe besaß. Dabei war er voll Haß
und Verachtung; er haßte selbst den Schwindel,
verachtete sogar die Reklame. Auch lernte er
sehr schwer; das Lügen ist überhaupt nie in seinen
Schädel hineingegangen. Rücksichtslos gegen alle
Welt, hatte er immer das Herz auf der Zunge.
Und zwar ein weiches Herz auf einer rauhen
Zunge, was die Leute nur noch mehr irreführen
konnte. Sein Mutterwitz war bekannt, ist aber
schwerlich als Zeichen der Sohnesliebe anzu-
sprechen. ©egen seinen Vater wenigstens war er
notorisch so undankbar, daß er ihn sogar in der
von ihm gelernten Kunst schonungslos überflügelte.
Auch gegen seine Wiener Mitbürger benahm er
sich im Grunde gar nicht schön. Zeitlebens hatten
sie ihn als eine Lokalgröße geschätzt, die nur ihnen
angehöre, sie Ratten ihn gepachtet, freilich ohne
ihm einen entsprechenden Pachtschilling zu zahlen,

Rudolf von Hlft

da entpuppte er sich noch in seinen ältesten Tagen
als ein Weltkünstler. Er hatte halt keinen echten
Lokalpatriotismus. Er war zwar ein Urwiener,
aber kein Nurwiener. Er war zwar bodenständig
wie der Stefansthurm, aber auch wie der Markus-
thurm und der Vesuv. Und er verkaufte sich
unter Umständen weit lieber ins Ausland, als
daß er zu Hause unverkauft blieb. Ueberhaupt
kannte seine Käuflichkeit keine Grenzen, man konnte
ihn immer billig haben.

Mit der Zeit wurde er natürlich berühmt, als
der älteste Mann des VIII. Bezirkes von Wien.
Als er dies merkte, wurde er immer noch älter,
Tag und Nacht, selbst während des Malens. Er
malte gleichsam mit der einen Hand und wurde
mit der andern älter. Er hatte es offenbar auf
den Rekord abgesehen und wollte den Tizian mit
seinen 99 schlagen. Diese Ueberhebung einem
ehrwürdigen Genie gegenüber ist ein verstimmen-
der Anblick. Seinen Charakter hatten auch all
die hohen Jahre noch nicht ganz geläutert. Schließ-
lich erkannte er doch die Grenzen seines Talents
und gab den unnützen Wettstreit auf-

Sein letztes Wort, das er aber nicht mehr
aussprechen konnte, war: „Was nützt es ausge-
graben zu werden, wenn es nicht bei Lebzeiten
geschieht?" Der Mann war noch immer nicht
zufrieden.

£udwicj Ijevesi (Mm)

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ZQ2
Ludwig Hevesi: Rudolf von Alt
Rudolf v. Alt: Vorhalle der Markus-Kirche in Venedig
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