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Nr. 2

1908

An eine Hand.

Sie strich mir von der Stirne junges Leid,
Sie kühlte mir der ersten Qualen Glut,

Sie schenkte mir den erstell Becher Lust.

In tiefer Nacht oft spürt' ich ihren Drucks
Sie führte mich an wilden Tagen, lag
Still in der meinen wohl so manches Jahr.

Nun rührt sich tief in ihr ein neues Leben,
Nun will sie aus der meinen sacht sich lösen,
Und staunend fühl' ich, wag es kaum zu fühlen:
Unruhig ihre zarten Glieder spielen
Und schmeicheln kühl sich fort. Wohin? Wohin?
Ich fasse fest, ersticke doch das Leben,

Das junge Leben nicht, das drin sich rührt.
Das galt einst mir. Ich denke lloch daran.
Das galt einst mir. Du kleine Hand, wohin?
Du schenktest mir den ersten Becher Luft,

Du schenkst mir nun der: letzten dunklen Kelch.

Was du auch schellkst, du kleine Hand, Hab' Dank!

Wilhelm Miches

Das Areuz

von Hans von Hoffensthal.

Die Schwestern sind schlafen gegangen. Eine
Weile bleibt noch der Vater am Tische sitzen und
wir drei, Mutter, er und ich haben noch von so
vielem zu reden, so viel noch einander zu sagen.

Vater ist zufrieden, daß ich nach so langer
Zeit wieder einmal bei ihm bin. Doch sagt er
es nicht, fürchtet wohl, weich zu erscheinen, wenn
er seine Freude offen merken ließe, und müht sich
darum, zu tun, als wäre ich nie fortgewesen, als
hätte er mich nie entbehrt- Mutter aber macht
kein Hehl daraus, wie hart sie sich nach mir ge-
sehnt, wie bitter langsam ihrem wartenden Herzen
die Zeit verging, und immer wieder sieht sie mich
an, legt ihre schlanken Finger auf meinen Arm
und sagt so froh, daß die Stimme warm und
innig klingt:

„Denk niu', Hans, jetzt sind es acht Jahre."

Um elf Uhr steht Vater auf ltub gibt mir die
Hand zum Gute Nacht. Er sieht gealtert aus,
ehrwürdig, in stark ergrautem Haar. Wie er zur
Türe des Schlafzimmers geht, neigt sich seine
hohe Gestalt, als trüge er alle Sorgen, die er die
langen Jahre um uns Kinder gelitten, in einer
Last.

„Schwer, Vater?"

Nein. Jetzt denkt er nicht daran. Er wendet
sich noch um und lacht mir zu.

„Schlaf wohl."

Mutter begleitet mich. Sie hält das Kerzen-
licht in der Rechten, die vor W'edersehensfreude
ein wenig zittert, und geht mit vorsichtigen Schrit-
ten den Flur entlang voraus bis an die Tür von
meinem Bubenzimmer. Sie öffnet, tritt an das
Bett und stellt die Kerze behutsam auf das Kästchen.

„Und nun schlaf gut- Hast lange nicht mehr
in diesem Bett gelegen . . ."

„Gute Nacht."

Die Tür schließt sich. Ich höre noch die vor-
sichtigen, lieben Schritte den Flur zurück, bis sie
drüben innehalten. Wie die alte Frau dort die
Türe öffnet, kann ich schon nicht mehr hören.
Sie tut es schonend, ganz still. „Unser Bub ist
gewiß müde", wird sie drinnen lagen, „Gott sei
Dank, daß er wieder bei uns ist. Jetzt sind es
acht Jahre, volle acht Jahre."

Ich liege im Bette; aber ich bin nicht müde.
Und wäre ich es, wäre ich die vielen Stunden
gegangen, die ich gefahren bin, um wieder ein-
mal nach Hause zu kommen, jetzt, jetzt könnte ich
nicht schlafen. Denn tausend Erinnerungen drän-
gen auf mich ein, reden lockend zu mir, jede innig

Julius Gerstmann

für sich und wieder alle zusammen, in einem ein-
dringlichen Chore. Erinnerungen an die Zeit, die
ich in diesem Zimmer verlebt, als Kind, als Bub
mit sehnsüchtig frohen Bubenträumen von allen
kommenden Wundern, und dann, fast schon er-
wachsen, beinahe so groß wie jetzt, aber noch un-
berührt, unverbraucht, noch rein.

Die Kerze brennt weiter. Ich liege und sehe mich
wieder und wieder im Zimmer um. Da steht in der
Ecke in hellroten: Kirschholz mein Schreibtisch aus
Großvaterszeit, auf dem ich so uugern gelernt
und so gern Bücher gelesen und unbeholfene Ge-
dichte geschrieben habe. Rechts drüben svringt der
alte Kasten, ein Ungeheuer, aus der Nische, in
der noch Raum für einen bequemen Stuhl, für
meinen Lieblingsplatz war. Und von den Wän-
den grüßen die alten Bilder, keines wertvoll,
le'.nes so schön, wie die in der fernen Stadt in
meiner Junggesellenwohnung, aber alle freundlich,
wie liebe Erinnerungen an Freundliches gemahnend.
Um das beste zu sehen, wende ich mich um. Da
hängt zu Häupten über meinem Bett ein Bildnis
der Madonna, verblaßt, alt und zart, vor der ich
seinerzeit — als halbwüchsiger Bub zum letzten-
mal — Gutes versprochen und gebetet.

Wie ist die Zeit fern- Und wie war sie
schön .... Ich wollte denken können, sie wäre
wieder da, ich wäre wieder jung wie damals, als
ich Nacht für Nacht in diesem Bubenbette schlief,
und alles, was ich seither törichtes und übles
verschuldet, wäre nie geschehen, nie getan, sondern
ich wäre rein und frisch, unverbraucht und hätte
die Augen wieder hungrig und offen für alles
Schöne und das Herz jung, bebend und *Qut.

Ich lösche das Licht. Die große Kastenwand
tritt in das Dunkel zurück, vom Schreibtisch, der
breitbeinig im Winkel hockt, ahne ich nur die
vertrauten Umrisse. Die Figuren auf den Bildern
rings an den Wänden rühren sich noch im Flim-
mer der verglimmenden Kerze, dann sucht jede
ihren Platz, stockt in der Bewegung, bleibt reglos
und ist nicht mehr zu sehen.

Es ist finster im Zimmer und nächtig still.
Draußen regnet es, nicht heftig, nicht gewalttätig,
es ist nur so, als wenn die Erde unten im Garten
in kleinen Schlucken tränke- Ein grauer Nacht-
himmel hängt vor dem Fenster, lastet in einem
gleichmäßig fahlen, matten Ton, undurchsichtig,
trüb und in einer so düsteren Ruhe, wie eine
einzige, dicke, schwere Wand. Und gegen diese
Wand hebt sich das Fensterkreuz sonderbar ab;
es ist gegen diese Wand gestellt, breit, massiv und
in einem dunklen Ernst. Es steht da wie ein

Wahrzeichen, groß, wuchtig, tiefschwarz in diesem
toten Licht der Nacht. mn

Vor diesem Bild kann ich die Augen nicht
schließen. Und ich sehe immerfort auf dieses selt-
same Kreuz, und meine Gedanken werden davon
unruhig, wie friedlos verquält und kraus.

Ja. Wäre ich wieder dir Bub wie damals
wäre alles das ungeschehen, was mich jetzt schwer-
mütig und traurig macht, was mich quält, wäre
alles getilgt, alles vergessen, an was ich trauernd
und mit scharfem Vorwurf denken muß — bei
^ Christi Güte — wie wollte ich jetzt an ein neues
Leben gehen. Von vorne beginnen, alles anders
machen, gut und tiidittg anfassen, genügsam
werktätig und treu. Ja. Wenn alles verziehen
wäre, alles ungeschehen, wie wollte ich mein Leben
von Grund auf besser führen. Der Verführung
die Stirne bieten, und sie meiden. Den lustigen
Freunden, die mich riefen, den sündigen Frauen,
die mich lockten, dem Wein, der mir schmeichelte,'
dem Spiel mit Karten und mit Weibern, den!
Zeit, Gesundheit und junges Leben verfielen. Wie
wollte ich allem dem ausweichen, allem weit aus
dem Wege-gehen. Wie wollte ich einfach und
tapfer leben. So, daß ich wieder ein guter Mensch
wäre, daß ich nicht zu erröten brauchte, wenn
mich Mutter arglos nach dem Treiben draußen
fragte, daß ich wieder reinen Herzens wäre, ohne
Selbstqual, ohne die Gewissensbisse um die Ver-
dorbenen, die mir fluchen.

Daß ich — vielleicht wieder in diesem Buben-
bette aufknieen und beten könnte.

Ich sehe die frohen Tage der Jugend mit
ihrer Unschuld wieder vor mir liegen und meine
Augen werden dabei feucht.

Und jetzt ist es mir, daß sich ein sonderbarer
Gedanke aus der Unruhe und dieser Jugendsehm
sucht löst und mir Trost gibt, ich höre ihn wie
eine Stimme. Und die sagt:

„Wenn du dieses Kreuz vom Fenster sägst,
still, daß es niemand hört, und nimmst es aus
deine Schulter und trägst es die Treppe hinab,
die Gassen der kleinen Stadt hinauf bis auf den
Platz, daß dich die Leute sehen — und du darfst
es nicht weg tun — dann ist ein Teil von dem.
was du getan, verziehen. Und dort am Platz ist
ein Haus, da werden deine Freunde sitzen, mit
denen du die Nächte vertan, und alle die Frauen,
die du verführt und in Stich gelassen und un-
glücklich gemacht, ja, auch Inge wird dort sitzen,
die deinetwegen gestorben ist. An diesem Hause
niußt du vorüber, gewiß vorüber, und zurück und
das Kreuz wieder hieher tragen. Und wenn du
dies getan, so ist alles verziehen und alles ringe-
schehen, und du bist wieder rein wie zuvor, und
Inge lebt und lacht wieder ihr Mädchenlachen.
Und von keiner einzigen Schuld ist mehr etwas
an dir. denn alles, was du jetzt trägst und alles
was dich drückt, ist nie geschehen, ist von dir ge'
nommen und ist getilgt. . ."

Es ist, als hörte ich diese Worte gesprochen.
Mit Zwangsgewalt nehmen sie von mir Besitz,
graben sich in mein Hirn. Sie überreden, so
eindringlich, so bedeutungsvoll —--

Da werde ich ganz matt von der Süße dieser
Verheißung und fühle mich müde von diesem
Glück und rede mir ein, es ist so und das ist die
Rettung und sage mir dies dutzendmale vor,, bis
ich — vor Sehnsucht ganz müde und erschöpft -
es glaube.

Wieder ganz schuldlos sein, — in diesem Bette
schlafen, mit einem reinen Herzen, — wie schläll
es sich da gutl

Ich bin schon drüben am Fenster, habe die
Säge aus der Küche in der Hand und führe sie,
so leise es geht, durch das trockene Holz. Das
obere Ende ist bereits durchgesägt, der Querbalken
löst sich an zwei Stellen, noch ist der Unterteil
fest, die Säge rauscht, der Stahl wird warm,
bis das Kreuz zittert und sich auf meine Schulter
senkt. Das Kreuz ist schwer, die Kanten schneiden
durch den dünnen Stoff meiner Joppe, die Achtel


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Index
Julius Gerstmann: Vignette
Wilhelm Michel: An eine Hand
Hans v. Hoffensthal: Das Kreuz
 
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