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Burger-Mühlfeld

Der schlaflose Baum

von pictvo Maftvl
Deutsch von Paul Heyse

Nun wurde die Laterne anqcsteckt,

Die ihre Strahlen, kalt und bleich,

Bis an den Morgen in die Runde streckt,
Auch hoch hinauf zu dir in dein Gezweig.

Du Armer schläfst nun nimmer.

Ringsum ist die Natur zur Ruh' gebracht,
Du wachst. O dieser Flamme greller

Schimmer!

Wie dunkel ist rings um sie her die Nacht!

Reglos dem Bann des läst'geu Lichts verfallen,
Das schleiernd dich umhüllt,

Siehst du nicht mehr ob deinem Wipfel wallen
Des Firntamcnts durchsichtig Helles Bild.

Gedichte in Prosa
Von August Strindberg

(Aus der schwedischen Handschrift übersetzt von
Paul Schering.)

Siehst nicht das Licht der Sterne sich ergießen
So sanft und süß und zitternd in der Runde,
Das Licht, draus des Vergessens Ströme fließen
In nächtlich stiller Stunde.

Kein Vogel kommt mehr, wie ein heitrer Traum
In eine stille Seele, wenn hernieder
Der Schatten sinkt, in deiner Zweige Raum
Und steckt das Köpfchen unter sein Gefieder.

Denn Fledermäuse nur, vom Flammenschein
Gelockt, und Falter werden dich umschwirr'n
Und deine Gäste sein,

Wie Spuk um eines Fieberkranken Hirn.

Schlafloser Baum, so wird dir deine Nacht
Langsam und trüb vergehen,

Und siehst du früh in rosenroter Pracht
Im Osten dann das neue Licht erstehen —

O, nicht die tiefe Wonne

Des Auferwachens fühlst du dann im Mark,

Nicht jene Lebensfreude, herb und stark,

Neu zu erblühn im Strahl der Morgensonne!

Was die Leute sagen . . .

Was die Leute sagen, hat mich immer

wie ein Wall umgeben;
2(nt Gemäuer ihrer Reden stieß sich wund

mein junges Leben!

Rauhe Steine — ihre Worte, die mein

weich Gefühl verletzten!
Spitze Zacken — ihre Launen, die den

Willen mir zerfetzten!

Nach den Höhen freien Denkens zog

mein stürmisches Verlangen,
Doch im Turme ihrer Phrasen hielten sie

mich, dumpf, gefangen!

Was die Leute sagen, hat mir wahrlich

Luft und Licht genommen,
llnd um eines Haares Breite wär im

Dunkel ich verkommen!

Doch mein wunder Wille wurde hart wie

Eisen gegen Ende,

Hub mit wuchtig lauten Schlägen, hieb

er Fugen in die Wände;

Brach die Mauern vollends nieder, trieb

mich an, den Streit zu wagen,
Uub erkämpfte mir die Herrschaft über:

was die Leute sagen!

W. Imperator!

Der Lausekönig

Als der Lehrer*) eines Tages in Qualheim
wanderte, kam er in einen Wald, in dessen Schatten
viele faule Pilze wuchsen. Auf einen: Fußweg
sah er eine Schlange sich schlängeln: aber es war
keine Schlange, sondern eine Menge von Raupen,
die sich zusammengerottet hatten. Der Lehrer fragte
seinen Führer:

„Was bedeutet das?"

„Frage erst, was es ist; dann werde ich Dir
die Bedeutung sagen."

„Nun?"

„Das sind die Larven der Trauermücke, die
gezwungen sind, wie Lehm und Langstroh zu-
sammen zu halten, um nicht zu vergehen. Sie
heißt Trauermücke, weil sie so traurig summt und
ein Trauerkleid trägt. Die Larven lieben giftige
Pilze und vertragen das Licht nicht. Sie erhalten
ihr Dasein, indem sie gegenseitig Schleim aus-
tauschen, ohne den sie tot trockne:: würden. Aber
sie nennen das Dunkel Licht, weil die Sonne sie
töten würde. Die giftigen Pilze sind ihr Brot.
Sie hassen einander, aber müssen zusammen halten.
Verstehst Du jetzt oder nicht?"

„Wie heißt das bewegliche Tier?"

„Das heißt Heerwurm oder Lausekönig, tritt
einmal in jedem Menschenalter auf, und soll dann
schlimme Zeiten verkünden."

„Was bedeutet das denn?"

„Das bedeutet Menschen, die mit dem Gesicht
auf dem Rücken gehen und darum alles verk.hrt
sehen; das Böse gut und das Gute böse nennen.
Weil sie in Hochmut und Selbstliebe leben, können
sie nicht Gott sehen, sondern ernennen einen ans
der Menge zum Lausekönig und glauben alle zu-
sammen Gott zu sein. Mit Freiheit meinen sie
die Freiheit, Böses zu tun. Manchmal kommt
ein Stück Vieh und tritt auf das Geinengsel. Dann
löst es sich natürlich in Schleim auf. Bald aber
wächst ein neues."

„Es scheint ewig zu sein wie das Böse."

Dunkle Strahlen

Als der Lehrer durch sein Inferno wanderte,
kam er an einen Tempel aus schwarzen: -Granit,
der war innen ganz finster. Drinnen wurde etwas
ausgeführt, was er nicht unterscheiden konnte.

„Was ist das?" fragte er eine weißgekleidete
Gestalt, die einen Lorbeerkranz auf dem Kopf
hatte, aber grün in: Gesicht war und die blauen
Flecken der Leiche trug.

„Das ist ein Tempel des Lichts. Aber der
Uneingeweihte kann unsere schwarzen Strahlen
nicht sehen, ehe er nicht den weißen Arsenilkuß
von der ultravioletten Priesterin bekonunen hat."

*) Der „Lehrer" ist Strindberg selber. Qualheim
ist dasselbe wie „Inferno." Unter beiden Ausdrücken
versteht Strindberg die Erde.

„Gib mir den Kuß!" antwortete der Lehrer.
Aber er drehte ihr dabei den Rücken zu. Das
merkten sie nicht, da sie nicht vorne von hinten
unterscheiden konnten.

Nun öffneten sich seine Augen, und er sah,
wie man in: Innern d:s Tempels den Götter::
des Lichtes, wie sie sie nannten, Weihrauch dar-
brachte.

Tort stand der Mörder Barrabas, eine Sonne
um den Kopf und ein Schild auf der Brust
mit der Inschrift: Infolge Mangels an Beweisen
freigesprochen. Dort saß Judas Jschariot unter
seinem Feigenbaum mit den dreißig Silberlingen,
im Schoß seiner Familie, zum Generaldirektor der
Zöllner befördert. Kaiser Nero frisch gewaschen
und mit einer weißen Taube in der Hand. Julian
der Abtrünnige auf einem Altar mit geschlachteten
Gänsen.

Die Priester und Priesterinnen sangen ein Lied
von Neugeburt und Wiederaufleben, brannten
Weihrauch aus Arseniksäure und Dornrosenblättern
und tanzten einen Schlangentanz, den sie Lebens-
freude nannten. Darauf gerieten sie in Streit
um einen Lorbeerkranz und schlugen sich.

Als der Lehrer ging, saßen sie alle da in der
Finsternis und weinten. Als aber ein frischer
Nordwind durch den Tempel strich, zitterten sie
wie trocken'es Laub.

Umgekehrter Unterricht

Als der Lehrer in Qualheim wanderte, kan:
er in eine Schule, die Umgekehrter Unterricht hieß,
weil die Rollen hier vertauscht waren. Die un-
wissenden Schüler saßen auf dem Katheder und
unterrichteten ihre gelehrten Lehrer.

„Nun, mein Junge," sagte der Schüler zum
Lehrer in Mathematik, „wie viel ist 6 mal 8?"

„Genau 48," antwortete der Lehrer.

„Nein," sagte der Schüler, „78".

Der Lehrer widersprach.

„Was, Du antwortest unverschämt," sagte der
Schüler. „Du sollst mal sehen!"

„Aber ich kann beweisen, daß 6 mal 8 ist 48,"
widersprach der Lehrer. „Ich kann es durch Ad-
dition beweisen."

Das Lehrerkollegium wurde zusammen gerufen
und gefragt, wieviel 6 mal 8 ist. Ta es niemand
wußte, erklärte der Lehrer-Schüler, es sei 78. Dem
Lehrer war sein Irrtum nachgewiesen; da er aber
nicht überzeugt war, wurde er in die Prügelklasse
gesetzt.

Der wandernde Lehrer kam in eine Abteilung,
in der in Moral unterrichtet wurde. Der Schüler,
der von einer Ankerschmiede*) entlassen war, saß
mit dem Rohrstock in der Hand auf dem Katheder.

„Das siebente Gebot?" fragte der Zuchthäusler.

„Du sollst nicht stehlen!" antwortete der Schüler.

„Das ist der alte Text; der bedeutet einen
überwundenen Standpunkt. Unser Lehrerausschuß
hat die zehn Gebote nach modernen Begriffen
entwickelt. Das siebente Gebot lautet jetzt: ,Dn
sollst nicht stehlen, wenn es jemand sieht!'"

Der wandernde Lehrer rief aus:

„Das ist ja die Hölle!"

„Ja, gewiß ist sie das," antwortete der Führer.

*) Zuchthaus, in dem Anker geschmiedet werden.

Das Ende.

Wir sehn uns an. Im Ofen fallt
Das letzte Scheit in letzte Glut.
Klaglos durchirrt der Wind die Welt,
Klaglos irrt Trauer durch mein Blut.

Wir sehn uns an. Wir find so müd'.
Du Liebe, sprich, was ist geschehen?

Die Blume Glück hat abgebluht;

Wir wollen in den Winter gehn.

Wilhelm Michel

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Index
Wilhelm Michel: Das Ende
Pietro Mastri: Der schlaflose Baum
August Strindberg: Gedichte in Prosa
Fritz Burger-Mühlfeld: Einsiedler
W. Imperatori: Was die Leute sagen...
 
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