Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 15.1910, Band 1 (Nr. 1-26)

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Auktion

von Margarethe Beutler


Ha, nun werde ich im Golde wühlen!

Diese Stunde bringt mir volle Truhen,

Bringt mir Lorbeer, um darauf zu ruhen,

Und ich schwelge schon in Lustgefühlen.

— — „Nur heranspaziert, geliebte Leute,

Wenn ihr etwas euch ersteigern wollt
Von der köstlichen und edlen Beute;

Dichtergut verauktionier' ich heute

Um gemeines, schnödes Erdengold!

Dichterträume, leicht, jedoch gediegen,

Damit fange den Verkauf ich an:

Schöner als ans jedem Aeroplan

Könnt ihr gleich darauf zum Himmel fliegen.

Nur heranspaziert, verehrte Zahler!

Stück für Stück, solide Konstruktion,

Kostet einen armen blanken Taler;

Wenn wer kauft, so hat sogar die Wahl er:
Siebzigtausend hängen zur Auktion! — —"

Siebzigtausend Taler ist ein Geldcheu'

Ei, da reibe ich mir schon die Hände;

Wenn ich nicht zu viel davon verschwende,

Reicht das für ein Haus und für ein Wäldchen.
Niemand darf das Häuschen drin erraten,

So ein Wäldchen, moosig und verschwiegen,
Recht für Liebeswort und Liebestaten!

Träume werde ich schon wieder kriegen,

Denn die schießen bei mir wie Tomaten! . . .

— — „Wenn die Siebzigtausend, wie gebührlich,
Fabelhaften Absatz nun gefunden,

Alsdann biet' ich meinen werten Kunden

— Für ein stattlich Klümpchen Gold natürlich —
Die gesamte Dichterpraxis an.

Eine Dichterpraxis ist zu kaufen!!

Nur heranspaziert! Ich fürchte, man
Wird geradezu mich überlaufen. . .

Drei mal hunderttausend! Nur heran! — —"

Ach, kaum wage ich das auszudenken,

Vor Entzücken pfeif ich mir ein Liedchen!

Drei mal hunderttausend! Welch Profitcheu!

Einen See kann ich dem Wäldchen schenken,

Einen See, so einen weiten blauen — —

In die Uferfelsen — — feine Sache — —

Laß' ich eine Liebesgrotte hauen. . .

Meine Praxis? Daß ich nur nicht lache!

Keinen Stadel könnt' ich davon bauen. . .

-— „Doch zum Schluß, Geliebte, kommt das Beste:

Seht! hier leg' mein Dichterherz ich nieder,

Groß und heiß und immer voller Lieder — —

Nur heranspaziert bewährte Gäste!

Um ein solches Kleinod zu erringen,

Das zum Gott euch macht, da heißt es freilich
Auch einmal ein kleines Opfer bringen,

Und der Preis ist immerhin verzeihlich:

Drei Millionen. Nun! Wer läßt sie springen? — —"

Drei Millionen! — Heizt den Luxusdampfer!

Einen prima Koch in die Kajüte,

Und dann über's Land der Lotosblüte
Weiter zu Eon — fut—se, Tee und Kampfer!

Männer her, die dienend mich verehren,

Denn kein Herz macht mir von nun ab Faxen!

Und vielleicht — — kann ich's nicht ganz entbehren,
Läßt's der liebe Gott auch wieder wachsen!

Vorwärts — drei Millionen heißt's verzehren!

— „Also — Angefaugen, liebe Leute,

Wenn ihr etwas noch erwischen wollt
Für gemeines, schnödes Erdengold

Von der köstlichen und edlen Beute!" — —

— „Niemand? — Wie? — Was? — Bürger, ist das möglich? -

— „Nicht ein einzig Angebot?" — — O Schande! — —
Meine schönen Pläne scheitern kläglich.

„O du ganz verständnislose Bande! — —

— — Ich verachte dieses Volk unsäglich!" — —

'in armes Ehepaar war lange kinderlos ge-
_ t blieben. Da bescherte ihnen der ksimmel einen
Sohn. Als er im waschkorb lag, ein kleines
rosiges Püppchen, erschien die gute Fee und sagte:
„wünscht Euch Etwas für das Kind und es soll
in Erfüllung gehen."

Da wünschte sich die Frau, daß es immer ein
sonniges und glückliches Gemüt haben möge sein
Leben lang. Das versprach die gute Fee zu er-
füllen und verschwand. Und Lachmund (so hieß
er) wuchs und gedieh und war immer munter
und guter Dinge, so daß ihn Jedermann lieb
gewann. Allem suchte er eine heitere Seite ab-
zugewinnen. Nie sah man ihn kopfhängerisch
oder traurig. Frühzeitig unterhielt er die Leute
mit allerlei Schnurren und lustigen Einfällen, in
denen er unerschöpflich zu sein schien.

So kam es, daß der reiche Besitzer eines Witz-
blattes eines Tages zu ihm sagte: „Lachmund,
wenn Du in meine Witzefabrik kommen willst,
so soll es Dein Schaden nicht sein."

Dem Lachmund war das recht, und so trat er
in die Witzefabrik ein. Nun war er also ein
gewerbsmäßiger Humorist. Er fabrizierte sehr
viele und gute Witze, oft ihrer sieben an einem
Tage, also daß er sich bald einen Namen in
seinem Geschäft machte und schönes Geld ver-
diente. Nach wenigen Jahren war er mit Humor
so durchträntt, sozusagen, daß unter seinen Fingern
Alles zu Humor wurde, sozusagen.

Der Humorist

Eine Tragödie von Henry F. Urban

Da diese Welt des Traurigen mehr als reich-
lich enthält, wie Ihr wohl wißt, so war er
bald allgemein begehrt. Witzefabriken suchten
ihn einander abzujagen. Aber er zog es vor,
seine eigene Fabrik zu gründen, weil Das viel
angenehmer und auch einträglicher war. Doch
auch die gewöhnlichen Leute waren hinter ihm
her und wollten sich an seinem Humor erfreuen.
Sie luden ihn zum Beispiel zu großen Festessen ein,
und wenn Alle an den herrlichen Speisen und
teuren weinen sich erlabt hatten, so stand einer
von ihnen auf und sagte lächelnd: „Nun wird
Lachmund uns erheitern!"

Und Lachmund erhob sich und redete den un-
glaublichsten Unsinn zusammen, über alles Mög-

Gadso Weiland

Copyright 1910 by Henry F. Urban

liche und Unmögliche. Das spickte er noch reichlich
mit allerhand Anekdoten, die er stets mit der Be-
merkung einleitete: „Dabei fällt mir ein..."

Die Zuhörer aber lachten, daß sie sich die
Servietten auf den schmerzenden Magen preßten.
Einer von ihnen hatte einmal, durch Lachmunds
Witze gleichsam zur Verzweiflung getrieben, ein
Stück Pumpernickel nach ihm geworfen. Und ein
dicker Bankier von der Börse hatte sich buchstäb-
lich totgelacht. Als er sich hochrot im Gesicht
vor Lachen krümmte, platzte eine seiner morschen
Arterien und er fiel bewußtlos vom Stuhl. ^
Zeitungen nützten diesen Vorfall weidlich aus.
Eine meldete ihn mit der Ueberfchrift: Fach'
munds tödlicher Humor", eine andere: „Der Witz
als Mordwaffe". Seitdem blieben ältere Herren
mit fortgeschrittener Arterienverkalkung festlichen
Veranstaltungen fern, wo der „tödliche Humorist"
(wie er seitdem genannt wurde) eine Bede hielt.

Lachmund genoß seinen Ruhm und die Ein-
nahmen^ aus seiner Witzefabrik mit Behagen.
Er schlürfte das gewissermaßen mit dem Lust"
gefühl, mit dem ein Feinschmecker ganz feine
Clustern von der Schale schlürft. Nach und nach
merkte er jedoch, daß auch der Humor seine ernste

Seite hatte-so merkwürdig bas schien. Und

diese ernste Seite hatte zugleich etwas Unange-
nehmes. Zunächst konnte er sich nirgends sehen
lassen, ohne daß nicht Jemand seinen obersten
Rockknopf ergriff und daran drehend bemerkter
Henry F. Urban: Der Humorist
Margarete Beutler: Auktion
Gadso Weiland: Vignette
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