Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 15.1910, Band 1 (Nr. 1-26)

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Erweckung

Und brennt nun meiner Jugend wildes Leben,
Seit deine Lippen jäh es wachgeküßt, —
Dich sucht es nicht, so stark und stolz du bist,
So tiefe Wonnen du mir auch gegeben!

Hoch über deines blonden Hauptes Helle
Braust es hinweg und sieht und kennt dich nicht, —
Du bist mir nur des Pförtners Angesicht,
Der mich geleitet an die heil'ge Schwelle!

Du bist der Mund nur, dessen Glut ich spürte,
Die Stimme, die mit Schauern mich durchdrang,
Der Arm, mit dessen Manneskraft ich rang,
Die Hand, die meine leis und lieb berührte.

Und wenn mir fiebernd heut die Pulse jagen,
So ists die Sehnsucht, die im Blut mir brennt,—
Ach, nicht nach dir, den nur mein Gestern kennt,
Nach einer seligen Erfüllung Tagen!

So ists die Flamme, drin das Leben schreitet,
Die zündet von Geschlechte zu Geschlecht, —
So ists die Jugend, die ihr ewig Recht
In schmerzvoll selgem Sturme sich erstreitet!

Lulu v. Strauß u. Torney

Darf man den Hund streicheln?

von Hans von Hoffensthal

„Darf man den Hund streicheln?"

„Nein," sagte Mutter, „nein, man darf fremde
Hunde nicht berühren."

„Warum nicht?"

„Sie Könnten beißen."

„Wenn er aber so lieb aussieht wie da der
Gelbe?"

„Man Kann doch nicht wissen."

„Ja, aber er schaut gar nicht so aus, als
wenn er beißen möchte."

„Liebes Kind, das täuscht."

Jetzt erst schwieg ich. Ich warf noch einen
langen, sehnsüchtigen Blick auf den großen
gelben Hund, der vor des Nachbars Stiege faß,
sah die schönen, treuherzigen Augen, den gut-
mütig friedlichen Ausdruck um die leicht geöffnete
Schnauze, der wie ein freundliches Lächeln war,
— sah das weiche, seidenhaarige Fell, den

sauberen Behang der Ohren-, und ein

ganz unwiderstehlicher Drang kam über mich,
zu dem Hunde zu gehen und ihn zu liebkosen.

Aber Mutter nahm meine Hand und zog
mich fort. Sie mochte wohl merken, daß mir
mein Wunsch, das schöne Tier zu streicheln, noch
immer nicht Ruhe gab, und suchte nun in ihrer
herzlichen, gütigen Art mich zu belehren.

„Weißt, Bub, es ist ein fremder Hund, den
Du nicht kennst. Wenn er Dir gehörte, ja,
dann wär's was anders. Aber so, nein, da
bleibt nichts übrig, als ihn in Ruhe zu lassen,
sonst könnte er doch am Ende beißen."

Darauf sagte ich gar nichts und konnte auch
nichts sagen. Denn schon zu fest stand in mir
der Entschluß, daß ich den gelben Hund doch
streicheln müsse.

Ich tat es am nächsten Morgen. Ging zitternd
vor Freude, Begehrlichkeit und leiser Angst auf
den großen gelben Barsoi zu, blieb knapp vor
ihm, noch einmal zaudernd, stehen, nahm mich
aber dann zusammen und hob meine Hand,
um in dem weichen Fell zu wühlen.

Ein Sprung zurück, ein lauter hilferufender
Schrei und — — Blut. Und dann ein ver-
zweifeltes Heulen, bis ich mich bei Mutter aus-
weinen konnte.

„Siehst Du, er hat doch gebissen."

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Rud. Krapf

Ich betrachtete voll Mitleid mit mir selbst
die unbedeutende Wunde am Finger, weinte
heftiger, brachte aber kein Wort mehr heraus.

* * *

Kleine Wunden heilen, und Sprichwörter
wie „Schaden macht klug" oder „Gebranntes
Kind scheut das Feuer" machen sich hübsch in
Kinderlesebüchern, halten aber in der Wirklich-
keit nicht stand. Ich begann bald wieder Hunde
zu streicheln, freilich zuerst sehr vorsichtig und
zag, später aber, je öfter ich meine Hand un-
gestraft in die weichen, zottigen Pelze schöner
Setter und Collis, in das Ringelgelocke weißer
und schwarzer Pudel vergraben oder unange-
knurrt das samtene Fell der Pointer und Dackel
betasten konnte, desto kecker und häufiger. Ich
streichelte Hunde, die behaglich faul vor ihren
Hütten und Toren lagen, solche, die vergnügt
und vollauf mit sich selbst beschäftigt durch die
Gassen strabanzten, solche, die spielten, und andere,
die schliefen, ja Hunde aller Größen, Rassen und
Farben. Dann und wann noch bekam ich einen
kleinen Biß, einen Schnapper von einem Uebel-
gelaunten, war dann aber wieder wählerischer
und bedächtiger, bis ich wieder an gutmütige und
harmlose Tiere geriet, die mein schon schwankend
gewordenes Vertrauen zu dem ganzen Hunde-
volke von neuem aufrichteten und festigten. Nach
einiger Lehrzeit, die ich mit diesen Freunden
durchmachte, biß keiner mehr. Ich hatte es ge-
lernt, jeden einzelnen geschickt und kluge anzu-
fassen, und in kurzer Zeit hatte ich die Freund-
schaft eines jeden so vollkommen, daß er lächelte,
wenn ich nur kam, und mit dem Schwänze
wedelte und vor Vergnügen schlug.

Erst als mir Mutter eines Tages einen
eigenen Hund kaufte, gab ich das Streicheln
der vielen fremden Hunde auf. Mutter brachte
Rolf und sagte:

„So, der gehört nun Dir. Und den darfst
Du streicheln, so viel Du nur willst."

Wie selig war ich, ja, jetzt verlangte es mich
gar nicht mehr, andere Hunde zu kraulen und
zu streicheln als meinen guten, schönen Rolf.
Kein anderer hatte die herrlichen langen Ohren,
kein anderer die glänzenden Augen, kein anderer
auch nur annähernd ein so weiches, seiden-
schimmerndes Fell. Wie war ich mit ihm allein
zufrieden.

Aber später-einige Jahre später, —

sah ich etwas, was mir noch besser gefiel. Da
saß in der nächsten Straße, gerade auf der Treppe
von Nachbars Gartenhaus die junge Lizzi.

Ihre Ohren waren klein, aber ihre Augen
glänzend und hell, das Haar noch blonder wie

das meines Rolfs und die Haut so zart —
zart-, wie ein Prickeln lief es durch meim

Fmger, ein unbändigesVerlangen,siezustreickeln

Eine Weile zögerte ich noch. Dann
behutsam zu ihr hin und redete ihr — fo TDie
ich es bisher bei allen Hunden und Hündinnen
getan hatte, freundlich und liebkosend zu Cie
war gar nicht scheu, flüchtete nicht und knurrte
nicht, ja, bald schien es mir, als ob sie leile
lächelte. Da verlor ich alle Zaghaftigkeit trat
ganz nahe an sie heran, sagte so schmeichelnd
ich konnte, „Liebe Lizzi" und streichelte sie -
— immerzu, ihre Haut und ihr schönes, weiche
Haar. 1

So blieben wir, bis Schritte draußen auf
der Gaffe vorübergingen; dann liefen wir rück-
wärts in den Garten und spielten dort. Wie
konnte sie tollen; ich setzte ihr in groften
Sprüngen nach, und jedesmal, wenn ich sie ein-
geholt, streichelte ich sie wieder und wieder. Und
als sie mir so besonders gut gefiel, faßte ich sie
mitten in dem Spiel mit beiden Händen und
küßte sie herzhaft auf die kleine, rosige Nase

Doch gerade in diesem Augenblick schrie eine
zornige Frau aus dem Fenster. Lizzi erschrak
wandte sich blitzschnell und lief die Treppe zu-
rück in das Haus.

Meine Mutter aber bekam noch an demselben
Abend einen Brief:

„Geehrte Frau! Schauen Sie besser auf
Ihren Buben, der wo so unverschämt ist und in
fremde Gärten kommt, der Lausbub, und dort
mein Mädel abküßt. Das ist keine Beschäftigung
nicht für so einen Lausbub, der wo vielleicht
noch nicht zwölf Jahre ist. Das laffens Ihnen
gesagt sein

von Ihrer Witwe Christine Nägele."

So viele Gedankenstriche, so viele Tränen.

„Mutter, warum darf man ein Mädel nicht
streicheln?"

„Bub, das gehört sich nicht, es gehört ja
nicht Dir."

„Dann bitte, Mutter, kauf mir eins."

Mutter war nun nicht mehr böse. Sie lächelte.
„Jetzt noch nicht, Bub, vielleicht später."

* * ch

Mutter hat noch immer nicht Wort ge-
halten.

Und darum mache ich es jetzt mit den Mädeln
so wie seinerzeit mit den fremden Hunden. Wenn
Mutter nicht zusieht, wenn gar niemand in der
Nähe ist, gehe ich ganz leise zu ihnen und rede
ihnen zu. Und wenn sie dann sehen, daß ich
es gut mit ihnen meine, werden sie ganz zu-
traulich und haben es gern, wenn ich sie streichele.

Jede hat daran ihre Freude. Keine flüchtet,
keine knurrt, ja, nicht eine einzige hat noch
gebissen.

Froh geduckt

Leise guckend aus dem Dämmernest
Atmen wir zu drein das Winterfest:

Auf dem Linnen, am schneezarten Rand,
Ruhn die Tanueuäste hingespannt.

Hinaus wächst das Weiße, ziellos weit, ^
Nirgends Menschen, alles Land verschneit,
Auch der Abendstern verschwelte schon:
Keine Regung und kein Lebenston. —

Wir bloß nisten an dem Saum der Welt,
Mild vom matten Schein des Schnees erhellt,
In die schmale Furche tief versteckt
Und von gütigen Zweigen zugedeckt.

Unsre Herzen füllen unser Reich,
Schmiegen, sich zur Erde, warm und weiG
Träumend schwere Lider sinken zu — "
Selig bleibt das Dunkel: ich und du
Und das zage Zirpen eines Mundes. I

3ofef SchandM
Rudolf Krapf: Das Marterl
Lulu v. Strauß und Torney: Erweckung
Josef Schanderl: Froh geduckt
Hans v. Hoffensthal: Darf man den Hund streicheln?
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