Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 15.1910, Band 1 (Nr. 1-26)

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Sieben Airchen . .

Sieben Kirchen hier im Städtchen,
Keine lindert meine Qual,

Doch ich lausch am Feierabend
Ihren Glocken gern im Tal.

Sieben Kirchen hier im Städtchen,
Keine gibt mir Kraft und Ruh,

Doch am Waldaltar der Jungfrau
Küß' ich gern den goldnen Schuh.

Sieben Kirchen hier im Städtchen,
Klein und flach in Haß und Huld,
Nur das Mutterherz im Walde
Ist so tief, wie meine Schuld.

Otto Renncfeld

Geburtstag

Von Ella weiß

bin ganz eingehüllt in den betäubenden
E Duft der Blumen, die ich, nebst vielen an-
deren Dingen heute zum Geburtstag bekommen
habe. Mein Mann hat mir den Ring mit dem
großen Rubin gekauft, den ich mir einmal ge-
wünscht habe, von meiner Mutter Hab' ich diesen
wunderbaren Kamm bekommen und dann noch
viele, viele Dinge, die mich sonst vielleicht ge-
freut hätten, mir aber heute ganz gleichgültig
sind. Mich freut von all den kostbaren Ge-
schenken nichts. Nur eines macht mir Freude:
der kleine Revolver, den ich mir selbst gekauft
und zum Geburtstag geschenkt habe. Als Kind
fand ich: wenn alle Leute einem etwas schenken
an diesem Tag, warum soll ich, die ich mir
doch sicher näher stehe und mich lieber habe,
als all die andern, mir nicht auch eine Freude
machen? Und so Hab' ich mir immer selbst
etwas zum Geburtstag gekauft und diese Ge-
wohnheit ist mir bis heute geblieben. Wenn
ich weit zurück denke, erinnere ich mich an die
ersten Geschenke: buntes Seidenpapier fürs
Zeichenheft oder „echte" Koh-i-Noor Bleistifte;
später, als ich größer wurde, war es ein Bild,
ein Buch oder ein Theatersitz. Da lag dann
mein Geschenk mitten unter den andern auf
meinem Geburtstagstisch, und ich erklärte immer
ganz stolz: „Das Hab' ich mir geschenkt!" Meine
Bekannten lächelten meist darüber und nannten
mich überspannt, — aber ich Hab' mir das nicht
abgewöhnen können. Als meine Mutter heute
hier war, um mir zu gratulieren, fragte sie mich,
was ich mir denn diesmal geschenkt hätte. Ich
lächelte, wie über eine Kinderei, die weit hinter
einem liegt: „Nichts, Mama, das hat doch keinen
Sinn mehr in meinem Alter!" Aber als sie
weg war, Hab' ich meinen kleinen Revolver
hervorgenommen und ihn gestreichelt: „Mein
Geschenk, das niemand sehn darf!" Und als
ich ihn in meinen Händen hielt, da sind meine
Gedanken zurückgeschweift in meine Kindheit,
in meine Mädchenzeit und in mir drängen sich
nun die Erinnerungen.

33 Geburtstage Hab' ich erlebt und immer,
seit ich denken kann, war dieser Tag etwas
ganz Besonderes, Außergewöhnliches, stets ge-
schah an diesem Tag irgend Etwas, das — für
eine Zeit wenigstens — in mein Leben bestim-
mend eingriff.

Ich erinnere mich, daß ich als Kind an meinem
achten Geburtstag zum ersten mal ins Theater
geführt wurde. Man gab ein sehr rührendes
Märchenstück und ein paar Tage kam ich mir
dann ganz schlecht vor, weil ich so viele schöne
Spielsachen hatte, und das arme Kind im Stück,
das doch sicher viel braver und besser war als
ich, Hunger leiden mußte.

Drei Jahre später hörte ich an meinem Ge-
burtstag die erste große Oper. Ich saß damals
im Parkett, hatte ein weißes Kleid an und

Gadso Weiland

dachte, alle Leute sehen nur auf mich, und die
Sänger spielten und sängen nur so schön, weil
ich Geburtstag hatte. Natürlich verliebte ich
mich an jenem Abend sterblich in den Tenor
und nun kam eine Zeit, die voll Aufregungen
war und Emotionen. Ob er singen werde? —
ob er bei Stimme sein würde? — ob er mich
bemerkte, wenn ich ihn am Bühnenausgang er-
wartete? Damals ging mein ganzes Taschen-
geld in Photographien auf, jede wurde ihm
natürlich zum Unterschreiben geschickt und mein
Zimmer sah aus wie ein Bilderladen. Wie oft
habe ich seither an jene Zeit gedacht, da es mir
noch genügte, die Stimme des geliebten Mannes
zu hören und ihn von der Ferne anzuschwärmen!

An meinem Geburtstag war es auch, daß
ich meine erste, wirkliche große Liebe kennen
lernte. Wir hatten Gesellschaft und mein Bruder
führte ihn bei uns ein. Er war der erste Mensch,
der ernst mit der 15 jährigen sprach und noch
dazu ein Dichter! Natürlich mußte auch er in
mein Zimmer kommen, auf das ich sehr stolz
war, und meine Geschenke bewundern. Als ich,
auf ein kleines Bild zeigend, erklärte: „das
Hab' ich mir selbst geschenkt," da lächelte er.
Aber sein Lächeln war nicht überlegen-spöttisch
wie das der Andern, sondern voll Verständnis
und Nachsicht. Ich glaube, um dieses Lächelns
willen habe ich mich damals in ihn verliebt. . .

An meinem 17. Geburtstag ging ich auf
meinen ersten Ball, aufs Künstlerfest. Ich hatte
mir ein wunderbares Kostüm ausgedacht und
wurde damals gefeiert und begehrt wie vielleicht
nie mehr im Leben. Zum erstenmal empfand
ich in jener Nacht das Glück, jung und schön
zu sein, und den Rausch des Begehrtwerdens...

Bei einer Schlittenpartie an meinem nächsten
Geburtstag lernte ich meinen Mann kennen,
und ein Jahr darauf, an demselben Tage, bin
ich seine Frau geworden. Ich Hab' ihn lieb
gehabt, gewiß, und es war der feste Wille in
mir, ihn glücklich zu machen. Aber wir konnten
den Weg zueinander nicht finden. Als die Zärt-
lichkeiten der ersten Wochen vorbei waren, hatten
wir uns nichts mehr zu sagen. Er ist gut zu
mir, er hat mich ja vielleicht auch lieb — auf
seine Art — aber wir können einander nichts
sein. Wenn er abends müde vom Geschäft
nach Hause kommt, da sitzen wir stumm bei
Tische. Von seiner Arbeit versteh' ich nichts,
meine kleinen Sorgen interessieren ihn nicht.
Und Kinder haben wir keine, werden nie welche
haben, hat der Arzt gesagt. So besteht unser
ganzer Verkehr nur darin, daß ich Geld von
ihm verlange und er es mir gibt. In den ersten
Jahren unserer Ehe, da Hab' ich so oft versucht,
den Weg zu ihm zu finden, Trost zu suchen bei
ihm in meiner grenzenlosen Einsamkeit. Aber
er wollte nichts als Ruhe und hat nicht be-
griffen, daß eine Frau mehr braucht als Geld
und schöne Kleider. Ich habe versucht, auf
andere Art über die Oede meines Lebens hin-
wegzukommen: ich begann zu studieren, mich
in Sprachen zu vertiefen, malen zu lernen.
Aber mir fehlt jedes Talent. Ich kann nur
die Kunst genießen; selbst etwas zu schaffen, ist
mir versagt. Ich bat meinen Mann, mich reisen
zu lassen, er hatte nichts dagegen. So Hab' ich
mit meiner Mutter die halbe Welt bereist und
mehr gesehn als irgend eine Frau, die ich kenne.
Im Anfang freute es mich ja auch, das Neue
und Seltsame — aber schließlich wurde ich auch

davon müde und kehrte nach Wien zurück
hatte gehofft, mein Mann würde mich vielle,^
entbehrt haben und wir würden uns jetzt nälft
kommen — aber es blieb alles beim Alten

Und noch eines Geburtstages denke ich beut^
der vielleicht der schönste meines Lebens war-
der Tag, an dem ich mich dem Manne schenkt/
der mich liebte. Auf einer Reise hatte ich ikn
kennen gelernt. Er war ein feiner, lieber
Mensch, ein Mann, der die Frauen kannte und
wußte, was sie brauchen an Verständnis und
Zärtlichkeit. Er gefiel mir gut, es machte mir
Freude, mit ihm durch die Straßen fremder
Städte zu gehn und mit ihm zu plaudern Er
folgte mir, wohin ich reiste. Er liebte mich
meine Art mich zu kleiden, den Duft meines
Parfüms, den Ton meiner Stimme. Und mir
tat es so unendlich wohl, nach diesen langen
traurigen Jahren wieder einmal begehrt um-
worben zu werden, eingehüllt in tausend kleine
Zärtlichkeiten. Als ich wieder nach Wien zurück
kehrte, folgte er mir auch hieher. Ich habe
mich lange gesträubt, seine Geliebte zu werden
Nicht aus Moral oder aus Rücksicht für meinm
Mann — aber es war so eine Angst in mir
enttäuscht zu werden. Sein Werben, sein Ver-
langen wurde immer dringender und da Hab'
ich ihm versprochen, an meinem Geburtstag
eine Stunde bei ihm zu verbringen. Seit da-
mals Hab' ich keinen so schönen mehr verlebt

Aber er mußte wieder fort und ich war von
neuem allein wie früher. Nur daß ich es jetzt
noch öder, noch trostloser fand. Ich stürzte mich
in einen Strudel von Geselligkeit, ich ging aus
Bälle, in Gesellschaften, arrangierte Feste. Ich
ließ mir fabelhafte Toiletten machen und setzte
meinen Stolz darein, die eleganteste Frau Wiens
zu sein. Und ich betrog meinen Mann ... Erst
aus Verlangen nach etwas Neuem, Reizvollen,
daun schon fast aus Gewohnheit. Seit zwei
Jahren betrüge ich ihn nun nicht mehr. Es
langweilte mich, immer dieselben Gebärden zu
sehn, dieselben Phrasen zu hören, dasselbe Ende
zu erleben . . . Ich finde auch keine Freude mehr
daran, mich schön anzuziehn und als Erste die
Pariser Modelle zu tragen. Es freut mich nicht
mehr zu reisen: man kommt mit der Zeit da-
rauf, daß auch die Städte einander ähnlich
sehn. . .

Eine große Müdigkeit ist über mich ge-
kommen und ein grenzenloser Ekel vor der
ganzen Komödie des Lebens. Und doch ist noch
immer das Verlangen in mir nach einer neuen,
unbekannten Sensation. Wo soll ich sie finden?
Ich habe die Ehe kennen gelernt und die Liebe,
ich habe die halbe Welt bereist und die schönsten
Kleider getragen. Ich Hab' alles — ich kenne
alles — was soll mir denn das Leben noch
bieten? Gibt es denn noch etwas, was mir
neu ist?

Vor zwei Wochen fragte mich meine Freundm,
was ich mir denn Heuer zum Geburtstag wünsche.
Ich hatte in meiner großen Gleichgültigkeit gegen
alles noch gar nicht daran gedacht. Am nächsten
Tag ging ich suchend durch die Straßen der
Stadt: ich hoffte irgend etwas zu finden, was
mich reizen würde, etwas, das ich mir — aus
alter Gewohnheit — selbst schenken könnte. 0«)
fand nichts. Was immer ich sah: märchenhaften
Schmuck und duftige Spitzenwäsche, Bücher m
wunderbaren Ledereinbänden und seltsame, exo-
tische Shawls — es ließ mich alles kalt. M
hatte ja das alles — was sollte ich denn damM
Nein, zum Geburtstag muß man sich doch etwav
ganz Besonderes, Außergewöhnliches kaufei-
Was denn nur, was? Suchend ging ich wem '

Da plötzlich blieb ich vor einem Geschaf
stehn, wie festgebannt. Eine WaffenhandluM
an der ich sonst immer achtlos vorbeigegang
war. Im Schaufenster lag ein kleiner, Stent^
Revolver mit einem Perlmuttergriff: wie e
Kinderspielzeug sah er aus. Auf den wa
meine Augen gefallen und haften geblieben
in demselben Moment hatte mich der Geoa
durchzuckt: das ist das, was ich suche. Etw '
das ich nicht habe, das mir sonst niemand na j
würde als ich. Nach einer Weile nß m)
Ella Weiß: Geburtstag
Gadso Weiland: Vignette
Otto Rennefeld: Sieben Kirchen
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