Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 15.1910, Band 1 (Nr. 1-26)

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Das Nreuz am Schlehdorn

Tief in des jungen Hafers grüner Flut,
Umblaut vom ernsten Dämmerlicht der Wälder,
Spricht noch das Dorf, eh es vom Tagwerk ruht.
Den Dengelsegen durch die stillen Felder.

Aus jedem Hofe hallt der helle Dank
An diesen Tag, erfüllt von Saft und Reife,
Daß morgen wieder, klar und schaffensblank
Sein Sensenstahl den Morgentau durchschweife.

In reiner Stärke atmet schon das Feld
Wie ein gesundes Kind der Nacht entgegen;
Und leis bereitet sich die müde Welt,

Die Arbeitshände in den Schoß zu legen. —
Da bebt vom Marterhvlz am Schlehdorn wild
Ein weher Leib in seinen Nägelmalen,

Und schmerzzerfurcht hebt das Erlöserbild
Ein Antlitz auf voll niegestillter Qualen:

„Bei diesem Frieden, der mein Kreuz umwohnt
Und der mit Labsal kühlt die tiefsten Stunden,
Du Gottheit, die in seligen Himmeln thront,
Hast du denn nichts für mich als Blut

und Wunden?"

Franz Langheinrich

Friedhof im Frühling

Aus Gräbern quillt ein göttlich Ueberwinden
Und Tod und Leben kreisen blütenschwanger.
Der schwarze Vogel in den Duftgewinden —
Ein Lied voll dunkler Herrlichkeiten sang er.

Die Blumen flimmern frühlingübergossen,
Geschmückt von Tränen trauernder Genesung.
Ins Sonnenleuchten sind sie aufgesprossen
Aus dumpfer Nacht, aus lastender Verwesung.

Der Vogel trinkt in Dufteskelchen Wonne;
Um alles Werden, alles Sterben schlang er
Sein Lied und schwebt hinauf zur

Frühlingssonne —
Und Tod und Leben kreisen blütenschwanger.

Emil Lucka

jKreuz am Wege

Es ist errichtet aus Gram und Not
Von bangenden müden Gestalten,

Es ist die bohrende Angst vor dem Tod,
Vor Wetter- und Sturmesgewalten.

Und immer nur kommen Beladne herbei
Und falten die flehenden Hände,

Ein ewig wechselnder Hilfeschrei
Aus Sorge und Qual ohne Ende.

Nur immer Tränen und graues Haar
Und bebende, flackernde Lichter —

Nicht einmal ein junges verliebtes Paar
Und lachende Kindergesichter.

Nicht einmal ein flotter jauchzender Tanz
Und kecke Vagantengeigen,

Dem Heiland Leben und Feiertagsglanz
Und Jubel und Freude zu zeigen.

Drum mein' ich, es müsse das Kreuz im Land
Einst wieder lebendig werden,

Der Herr mit dem Querholze in der Hand
Verscheucht jene feigen Herden.

Er will einmal in die Sonne sehn,

Durch Heu in duftenden Schwaden
Mit Bettlern und Musikanten gehn,

Zur Hochzeit von Kana zu laden.

Johann pil;

W. Köhler (Berlin)

Die Großmutter

Von meiner Großmutter will ich erzählen.
Ganz oben in den Bergen, wo die Tannen
rauschen und wo die Straße sich in den
Wäldern verliert, da steht ihr Haus.

Es ist ein kleines, stilles Haus, fern über
allen Abgründen der Welt. Da wohnt die
Alte, ganz einsam. Da gießt sie die Blumen
in ihrem Garten, wenn es Sommer ist, und
horcht auf das Röhren der Hirsche in den
schwarzen Tannen, wenn der Herbst kommt.
Ihr Gesicht ist wie ein altes Buch und es
steht viel darin geschrieben von Mühe und
Bitternis; aber ihre Stimme ist weich und
voll Güte, denn sie kommt aus einer Seele,
die schon abgerechnet hat mit einen: Leben,
und die allen vergeben hat.

Dort oben liegt auch das Zimmer, wo die
alten Bilder hängen, von denen mir meine
Mutter schon erzählt hat, da ich noch klein
war; denn es wohnt mehr als eine Kindheit
in diesem Hause.

Und noch ein Zimmer liegt dort oben, aber
das ist ganz verlassen. Nur manchmal geht
meine Großmutter hinein und liest wieder in den
alten tränenschweren Briefen und denkt an die
Zeit zurück, da mein Großvater noch lebte, und
segnet in Gedanken ihre Kinder, die nun fern
über der See sind in einem fremden Lande.

Manchmal fahr ich zu der Alten hinauf.

Wenn es Abeud ist, komm ich über die
Höhen gestiegen und sehe das Licht ihres
Hauses schon von fern durch die Dämmerung
leuchten. Wenn ich dann den blinden Tür-
klopfer gegen das Tor schlage, kommt auch
schon die alte Magd und lächelt und läßt
mich herein. Und ich trete in das Wohn-
zimmer und eine brennende Lampe steht auf
dem Tisch und ein aufgeschlagenes Buch liegt
daneben. Und es steht jemand am Fenster
und sieht den Weg hinunter. Und wie er sich
umdreht, sehe ich, daß es meine Großmutter
ist, und ich gebe ihr die Hand und sage:

„Guten Abend, Großmutter!"

Sie aber küßt mich auf die Stirn und
erwidert mit ihrer leisen, weichen Stimme:

.Guten Abend, mein Junge!"

Und wenn sie das gesagt hat, weiß rch,
daß ich nun fern bin von aller Welt und
für ein paar Tage Ruhe uno Frieden habe.

Apmin T. wcgner

Jesus

Daß er gelebt hat, wollt Ihr nicht mehr gimtbrä,
Ich lasse mir den alten Freund nicht rauben'
Ob ich's nun gern sah oder nicht, zusamm'
Schritt er des Wegs mit mir; doch nicht

als Lamm

Das jedem Frech botd, der es wollte zwacken ’
Demütig hinhielt noch den andren Nacken. ’
Cr hätt' auch nie den Rosenkranz gedreht
So war er nicht, nur kurz war sein Gebet.
Und heiter ließ er gerne mich gewähren,
Rupft' aus der Freude Kornfeld ich die Aehre»
Und, wollt ich mit Hochzeitern fröhlich sej„, ’
Cr wandelte mir Wasser um in Wein,

Und drückte mich der Schuh, ich schob die Sorge»,
Wie er mir anriet, auf den andern Morgen.'
So zog ich rüstig mit ihm über Feld,

Halt' wie die Lilie meine Sach' gestellt
Und wie die Vögel auf den schwanken Ache».
Doch tag da einer von den müden Gästen
Der Heerstraß' hungrig mit zerriff'nem Schnh,
Den führten wir der nächsten Herberg' zu.
Ein Kamerad war er so treu wie keiner;
Rur ehrlich mußte sein auch unsereiner.

Er liebte alle; doch in heii'gem Zorn
Griff er den Heuchler wie den Stier beim Horn,
All das Gezücht, die Falschen und die Laue».
Wer kriegte da nicht Lust mit dreinzuhauenil
Wer hielte da nicht gern, wenn in der stacht
Sie an ihn wollten, mit dem Speer die Wacht
Und ließ ihn nimmer so allein sich quälen,
Wie einst die schläfrig trägen Jüngerseclenl
Ein Mann! Ein Mann! So Hab'ich ihn verehrt.
So saß er abends mit mir an dem Herd.
Ich seh' ihn noch, wie er den lieben stangm
Streicht übers Köpfchen und die roten Wangen.
Er hat gelebt! Das ist wahrhaftig wahr!
Ich ging mit ihm die sechsundsechzig Jahr.

Ad. Es

Die Beichte

von M. Roda Roda

Hochwürden, der Herr Pfarrer kommt lang-
sam über Feld. Die Sonne ist im llntergehe»
— so schön, in ihrer königlichen Pracht, dah
der zarte Himmel vor Wonne errötet.

Des Pfarrers Blicke gleiten übersi SW
Born große Häuser, sauber getüncht und Mck'
gedeckt. Sie gehören ein paar Bauern 0
haben sich Jahre lang in Amerika geplagt u
gerackert, um als wohlhabende Männer hei
zukehren Auch heut sind zwanzig Wageh I
draußen. Ihre Weiber warten in armjclg
Hütten still und stumpf der Zeit, wo auch
in so netten Häusern wohnen werden. Tie o »
haften wieder tragen ihr karges Leben un
ziehen Söhne, die vielleicht mutiger sem w
als die Väter und einmal übers große -w
ziehen — dem Glück entgegen. „„d

Hochwürden geht durch die Felder heim ^
denkt auch an jene, die nicht wieder a
Deren ausgemergelter Leib in amem 1L
Erde ruht, verschüttet im Bergwerk, g

im AmDmsckngang steht ein besonders WyJJ
Haus. Die Stube hat zwei Fenster nack jn
Straße zu. Zwei polierte Schranke Ick
der Stube und ein Tisch mit. 9r06^1‘L,ter
Decke. An der Wand hängt ein goldgera^^.
Spiegel. Gegenüber das Bild der heurg - ^
Gottes mit siebenfach durchbohrtem H o ^
der heilige Antonius mit einer LU
Hand. - Diese beiden Bilder gehören Der o

»
Johann Pilz: Kreuz am Wege
Emil Lucka: Friedhof im Frühling
M. Roda Roda: Die Beichte
Karl Julius Adolf Ey: Jesus
Armin Theophil Wegner: Die Großmutter
Franz Langheinrich: Das Kreuz am Schlehdorn
W. Köhler: Mondnacht
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