Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 15.1910, Band 2 (Nr. 27-52)

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Ein Lied im Walde

Alois Wierer (Prag)

Lied, einen anderen Reim, der schallt mir im
Grünen aus einem rebenübersponnenen Hof
entgegen, wo abends Kerzen in den Zweigen
hängen, und leicht die Gläser klirren. Das ist der
goldlockige oder dunkeläugige Wein. Freilich,
lieber Freund aus Landshut, nicht wüst gesoffen
wie ein Vieh, sondern mit weiser Lebenskunst

geschlürft, in kleinen Zügen, o köstliche Blume!
Junges Blut und alter Wein! Von beiden treu-
geblieben ist mir nur dieser, der freundliche Rausch,
der Tröster meiner Seele, der grüngoldene Schützer
meiner Muse. Dem Wurm in meinem Schulter-
gelenk behagt es nicht, aber meiner Seele behagt
cs, und ich bin immer mehr für die Seele ge-

wesen. Ein unverbesserlicher Sünder, Gott sei
es lächelnd geklagt, aber der liebe Gott ist
gnädiger als alle Moralisten, und winkt da
draußen mit dem Reisigbuschen schon von ferne:
Komm, trinken wir noch ein Viertel!

Das ist die Stimme des Qenlus loci, die
mir über Länder und Meere nachfolgt. Freund
Alois Wierer: Ein Lied im Walde
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