Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Ferien

„Die Schule ist aus! Die Schule ist aus!"

So schallt es im Iubelgeschreie.

Und Knaben und Mädchen springen hinaus
Auf die Straße, in die Welt, ins Freie.

Der alte Lehrer im grauen Haar
Lehnt an der Schule Pforte:

So sah ich sie springen Jahr um Jahr,

Hört' immer dieselben Worte.

Sie kommen so klein, und sie wachsen so schnell,
Und sie ziehen so leicht von dannen.

Ich komm aus der Schule! Das klingt so hell
Wie Finkenrus in den Tannen.

Und ein jedes trägt und weiß es nicht
Ein Stück meines Lebens von hinnen.

Wächst es lebendig empor zum Licht?

Verweht es im Dunkel drinnen?

So blick ich hoffend, zweifelnd hinaus.

Bis müde mir Augen und Hände.

Bald ist auch für mich die Schule aus.

Und Ferien gibt's ohne Ende.

Loewenberg (Hamburg)

Revision

Lin Revisor erscheint plötzlich in einem Amt
der rnsstschen Provinz und fragt den Lhef des
Amtes: „Werden hier Staatsgelder veruntreut?"

Der erschrockene Beamte erwidert: „Nicht —
daß ich wüßte..."

„Nun, dann ist ja alles in Drdnung," ent-
scheidet der Revisor und reist wieder weiter.

„Sauen Sie mal, so ’n Stier ist doch oft recht
wild, nicht"-„To wild net, wia unser Pfarrer» bal
er 'n Lehrer stecht."

Sinnspruch

Des Lebens Tragik wurzelt in dem Satze:

Ls steht kein Mensch auf seinem rechten platze;
Lrst an dem Steckenpferd, das er sich schuf,
Lrkennt man seinen inneren Beruf.

Paul Alexander

Der Gemischrkostler

von Fritz rnüller (Zürich)

Ob einer so ist oder so — er sei willkommen.
Wenn er's nur ganz ist. Unleidlich und ge-
fährlich sind nur die Halbundhalben. Meinen
besten Freund habe ich dadurch verloren.

Wir hörten von einem Löwen, der im Bann-
wald hauste. Vegetarianer sei er geworden auf
seine alten Tage, sagten sie uns. Wurzeln äße
er und Kohlrabi und Spinat. In sanften weichen
Locken hinge seine Mähne über den sehnigen
Pslanzlerhals. Keine Flinte brauche man mit-
zunebmen, wenn man ihn besuche, nicht einmal
den Knicker, mit dem man sonst den Käs und
Radi schneidet. Ein Idyll sei es, mit einem
Wort.

Also gingen wir in den Bannwald, mein
Freund und ich. Und da lag auch schon der
Löwe in einer lieblichen Lichtung, hatte eine
große gelbe Rübe zwischen den Pfoten und
knabberte daran. Mit zwei kreisrund ge-
wordnen Augen sah er uns von unten herauf
an, brummelte und knabberte, knabberte und
brummelte. Und seine Zähne waren noch ganz
respektabel. Nur sein Gesicht hatte im Profil
einen Stich in eine schafsmäßige Kontur. Jetzt
war er fertig mit der gelben Rübe.

„Sind Sie auch wirklich reiner Vegetarianer,
Herr Löwe?" fragte mein Freund.

Und siehe, da wischte sich der alte Herr die
Wurzelreste vom Mund, streckte sich und reckte
sich, brüllte kurz auf und zerriß meinen Freund.
Zerriß ihn und fraß ihn behaglich gleichsam
zum Nachtisch.

„Alter Herr," sagte ich zum Löwen, „wie
können Sie als Pflanzler es wagen, meinen
Freund . ..?"

„Sie irren sich," schmatzte da das Vieh, „ich
bin kein eingefleischter Vegetarier, ich bin Ge-
mischtkostler!"
Friedrich (Fritz) Heubner: Erklärung
Jakob Loewenberg (Löwenberg): Ferien
Fritz Müller: Der Gemischtkostler
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