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Dem Frager

„Wo ist das Glück?"

Aber Junge, eine solche Frage!

Siehst's doch immer alle lieben Tage,

Da schau doch, da drüben,

Mach doch die Augen auf,

Junge, lauf, lauf!

Ja nun stehst du —

Schäm dich, mit offenem Munde,

Meinst das Glück wartet eine Sekunde?
— Auf einer Kugel sagen die Menschen
Rollt es vorüber!

Vorüber — vorüber! —

„Wo ist das Glück??"

Nimm dein Herz in die Hand!

Augen auf, so geh' durchs weite Land,
An der Seite die Klinge! Lache und singe,
Packst es im Sprunge,

Glück auf, mein Junge!

Hanns Holzschuher

und ich lachte auch verlegen und
husch — waren wir in der Laube.

Es hob meine heilige Stunde
Wir saßen in der Laube, süß u»
zärtlich ohne Maß, in Schatten 0‘
duckt. Hie und da guckten wir duv
das Weinlaub in den Garten hina»'
ob nicht jemand käme. (Dann wi»
ich seitwärts ins Gestrüpp gesprung»
und über den Zaun, wie ich ü1'
kommen, auf den Ackerweg.) 2lt»
es kam niemand. Draußen vor de

Laubentür brütete der goldene SomMf'

tag und die Luft wippte von 9$
auf und nieder. Von den Felder
kam das schwere, gleichgiltige .0'1
und Hoh der Bauern und der eiset»
Geruch der aufgeschüttetenErde. In»'
aber suchte Stammeln immer wied»
neue Zärtlichkeit, und von rein^
Küssen waren unsere Herzen strahle»'
und feierlich, als wäre der liebe ®0‘
in sie gekommen. . .

Plötzlich rief jemand aus deinHa»»
ihren Namen. Wir fuhren erschre^
und blutrot im Gesicht auf. ll»'
während die Liebste sich mit siebet»
den Händen die Haare zurecht striät
sagte sie:

„Du mußt auf einige Zeit sock
gehn . .. Gott weiß, was das ist - •;
Und komm' in einer Viertelstunt»
wieder . .."

Husch war sie weg — husch n>»e
ich draußen. Dann mußte ich lache»
hell und selig lachen, und schritt
die öden Aecker hinein und mußb
immer aufs neue auflacheu. So übe»
mütig sprang mir die Seligkeit
Leib herum. Und ich warf die Arn»
so hoch in die Luft, als ich nur konnte
und warf mich selbst um und um U»d
das Haupt und den lachendstammel»'
den Mund dem Himmel entgegen.

Dann ließ ich mich auf den Ackt»
fallen, wie er war, auf den rauhes
braunen Acker mit den großen Lehn»
Knollen und spitzigen Steinen, und lag da,
alle Glieder von mir verspreizt, wie verfehl»
nach der ganzen Welt. Der Geruch der Erd'
sprang mich an und betäubte mich beinahe
Die Sonne fiel aus mich nieder, saß auf meiner
Brust und deckte mein Gesicht mit ihrer Glu»
Ich mußte die Augen fast ganz schließen um
sah nur unter den Lidern zwinkernd und vot'
sichtig in den Himmel hinaus. Irgendwo unte»
sah ich ein paar dunkle kugelrunde Flecken, die
Wipfel von Bäumen, die am Rande einer ferne»
Straße standen und den Schimmer der Well
Ich lag da, den Leib in Hitze gebadet, gaR
der Erde hingegeben, in langsamen, saugenden,
wollüstigen Zügen atmend und horchte, n>Ü
mein Herz klang . ..

Dann schloß ich die Augen ganz und träumte.
Jetzt neigt sie sich im Angesicht von Wald und
Feld zu dir und Gott sieht vom Himmel z»
und ist gar nicht bös. Ganz fest zugeschlossen
hielt ich meine Augen und träumte mir dies
aus und schrie plötzlich irgendetwas, ach, irgend'
etwas in die blanke Luft hinaus .. .

Dann lag ich wieder da, mit den AugeN
zwinkernd, in und von der schweren Sonne in
einer wohligen, trägen Müdigkeit. Zwischen
die Wimpern brach Gold, unendlich viel Gold
von oben in mein Auge. Wieder hörte ich das

Paul Rieth

tTeuee Leben

Faß es, Mensch, und wirf

zusammen

Alles nun in einen Brand,

Was zur Schwäche mag

verdammen,
Was mit Feigheit dich umwand.
Soll dich etwas so bedrohen,

Daß es willenlos dich beugt?
Gib's deni Feuer! Laß es lohen!
Sei der Geist, der selbst sich zeugt!

Deine Flamme sei die Stunde,
Deine Wiege der Moment —
Sei mit jener Macht im Bande,
Die kein Recht von gestern kennt!
Wisse: Schuld wird ungeheuer,
Die ihr Konto nie zerreißt —
Laß es lohen! Gib's deni Feuer!
Sei der Zeuger, sei der Geist!

Rarl Hcnckell

heilige Stunde

von Otto Zoff (Wien)

Jeder erlebt einmal seine heilige
Stunde. Bon meiner will ich jetzt
erzählen...

Das war an einem Vormittag im
Sommer, ein Vormittag, wie ich ihn
nie mehr erlebt habe, so rein und so
weit aufgeschlossen. Ich fuhr zu
meiner Liebsten, die irgendwo draußen
wohnte, in einem ganz kleinen Haus.

Hinter dem Haus war ein großer,
hier heller, dort schattiger Garten, mit
weitverspreizten Apfelbäumen, ein
paar Nußbäumen, viel wildem Ge-
strüpp und einer Gartenlaube, aus
der man lustig überall hinaussah, ob-
wohl niemand, der draußen stand,
hineinsah. Hinter dem Garten aber
streckten sich gleich Felder und Wiesen, weithin

— ach, bis ins Blaue hinein, während links
dunkel der Föhrenwald stand .. .

Ach, ich brauche nur die Augen ein wenig
zu schließen, und ich sehe wieder alles. Wie
hell war die Welt! Nie mehr sah ich solch
blauen Himmel, hoch hinauf gewölbt und auf
den fernen Wald herniederfallend, wie eine Flut.
Scharf hob sich von ihm das Grau und Grau-
gelb und Braun der Aecker, die schon wieder
gepflügt wurden, denn cs ging schnell in den
Herbst hinein. And wie könnte meinen inneren
Augen jemals dieser Garten entschwinden, diese
stolzen, starken, lieben Apfelbäume mit den
breiten Wipfeln, die hochaufgeschossene Wiese
mit dem abgefallenen Obst und im Eck die
Föhren mit den Amselnestern I Nein, dies läßt
sich nicht erzählen. Es ist der schönste Garten
der Welt gewesen.

Natürlich war die ganze Geschichte sehr ge-
heim und wie ein großes Abenteuer. Ich durfte
nicht von vorne herein, von der Straße, durch
das Haus, — ach woher! Nein, ich mußte
von rückwärts über die Felder herlaufen und

— hast du nicht gesehen — über den Zaun mich
schwingen, wobei er bald zusammengefallen
wäre. Dann stand ich also im Garten und
auch die Liebste stand da und lachte verlegen

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Index
Karl Henckell: Neues Leben
Paul Rieth: Zeichnung ohne Titel
Hanns Holzschuher: Dem Frager
Otto Zoff: Heilige Stunde
 
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