Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Nr. 37

JUGEND

1911

Und da war der Garten. Der Zaun, der
braune, der abgefärbte, der wackelnde, da waren
die Aepfelbäume, die mir über den Zaun zu
winken schienen und die roten und gelben Früchte
lachten herüber. Und da war das Dach der
Laube, und unter diesem Dach mußte die Laube
selbst sein und in der Laube — ach Gott, wie
schön war doch die Welt!

Und schon war ich dort. Und stand still.
Und das Schweigen der Welt stand um mich
herum. Dann ein Satz — ich war drüben.
Und stand im grünen und goldenen Garten,
Sonne und Schatten tanzten vor mir. Aber
dicht vor mir stand die schlanke Liebste im
weißen Kleid und strahlte und guckte ängstlich
nach rechts und guckte ängstlich nach links und
lachte hell hinaus und warf die Arme um mich
und küßte mich auf den Mund. . .

Das ist meine heilige Stunde gewesen. Nie-
mals hat Gott zwei Menschen so lieb gehabt
als uns.

Todesfall

Von Roda Roda

Es wallt, es wallt die Gaffe —
Musike schnedrengdeng;

Begräbnis erster Klasse,

Chopin.

Der Domvikar bekreuzt sich —
Der tote Mann war groß.

Die Witwe weint und schneuzt sich
Fast mühelos.

Als sie den Toten senken
Ins düst're Grabesrohr,

Tritt ein befracktes Männken
Bor.

Ein Präsident. Er stellt 'n
Begräbnisschwesel z'samm:

Was, ach, die beiden Welten
Verloren Ham.

Diel wunderschöne Kränze:

Dom Thüringeroerein,

Von seiner Exzellenze,

Don Doktor Stein,

Vom Grillparzertheater,

Vom Magistrat der Stadt,

Vom Dichterstammtisch „Kater"
(Siehe Abendblatt!)

Don Seiten der Famili,

Don Schmiedt und Frau,

„Von der unvergeßlichen Tilli" —
(Ei — ei, schau — schau!)

Der Redner aber predigt
So rührend wie er kann:

Der Dichter ist erledigt —

Run kommt der Mensch daran.

„Ein Wort noch vom Verluste,
Der unser Schrifttum traf."

Fehlt's endlich dir an Puste,

Du Schaf?

Gerührt sind Damen und Knoten
Dom tristen Fall. —

Heut spricht man nur vom Toten.
Und vom Iuristenball.

Mngelspiel

Sine Alltagsgeschichte von Hugo tVolf (Wien)

Als sie den reichen Karl Windinger, dessen
Vater ein großes Zinshaus auf dem Schotten-
ring besaß, kennen lernte, war sie in einem
Rechtsschutzbureau für Ausländer beschäftigt.
Jung war sie und arbeitsfreudig und stolz auf
ihre schneeweißen Prinzessinnenhände und außer-
dem hieß sie Auguste Wolter. Aber ihr Vater
und die ganze Familie rief sie nie anders als
„Charlotte"; denn wenn dieser Name abends
austauchte, da man im Zimnier versammelt saß
und die Mühseligkeiten des verflossenen Tages
begraben ging —, da konnte manchmal ein
Leuchten über die Gesichter der verschiedenen
Onkel und Tanten wehen, die noch den wunder-
milden Glanz des alten Burgtheaters erlebt
hatten. Die Jüngeren aber bekamen frische
Augen, wenn so die Erinnerungen von dem
versunkenen, alten Wien aufrauschten und man
leise davon nippen durfte wie von einem dust-
süßen, jahrzehnteschweren Wein.

Es war kein Wunder, daß Auguste oder
„Charlotte" schon als Kind eine reiche Bega-
bung für das Schauspielerische und Deklamato-
rische entwickelte. Und sie hatte große, lebhafte
Augen und blonde Haarwellen darüber, die
nach rückwärts in einem Sturzfall kupferiger
und brauner Lichter hinabbrausten. Ihre Mutter
sagte oft: „Ja, ja. Das weiß ich und laß ich
mir nicht nehmen —: unsre Charlotte, die wird
uns noch einmal erlösen!" Ihre Mutter fühlte
sich immer als Schlummcrdornröschcn, die eine
künftige Schicksalswendung über Dornen hin-
weg mit einem Kuß erlösen sollte.

Und Auguste wurde älter und sammelte
Künstlerphotographien und lernte die Rollen
Schillerscher Heldinnen. Und dabei blieb es.
Mutter geisterte als Schlummerdornröschen in
der Wirtschaft umher, Vater lag seinem Buch-
bindergeschäst ob, und niemand meinte je im
Ernst, daß „Charlotte" zum Theater gehen
sollte. Auch sie selber nicht. Sie hatte ihre
Stelle im Rechtsschutzbureau und war viel zu
praktisch, um ihre Hoffnung auf Glück weiter
als nötig ausgreifen zu lassen.

Da trat ihr der reiche Karl Windinger in
den Weg und zog eine Staubwolke rausch-
goldener Phantasien hinter sich her. Zuerst be-
gleitete er sie, die weit draußen in Döbling
wohnte. Dann blieb er lange Zeit aus und
schickte bloß hie und da einen Brief auf seiden-

blauem Papier und endlich, als sich der Winter
verzogen hatte, stand er eines Tages vor dem
Haus, wo das Rechtsschutzbureau untergebracht
war, und überreichte ihr ein paar Rosen.

Sie lächelte und fragte ihn, warum er Augen-
gläser trage.

Er stehe vor den Prüfungen und habe sich
von dem vielen Studieren die Augen verdorben.
Dabei hüstelte er ein wenig. Sie hatte Mitleid
mit ihm.

Er bat sie um einen Ausflug für Sonntag
und nannte sie seine „liebe Gusti."

Am Sonntag trafen sie sich wieder und
streiften durch ein paar Hügel- und Waldland-
schasten. Karl Windinger pflückte Blumen und
steckte sie auf seinen Hut. Auguste ging der
Sonne nach — immer der Sonne nach, die mit
ihren weißen Händen spielte — und als es
dämmerte, wandte sie sich und kehrte zur Stadt
zurück.

Von einer Anhöhe blickten sie noch einmal
auf die verschwimmenden Häusermassen und
Auguste schloß die Augen und sagte ohne Stok-
kung einen Monolog.

Karl fragte: „Aus welchem Stück ist das?"
Sie antwortete nicht und atmete ruhig und tief.

Er sagte: „Sie sollten Schauspielerin wer-
den." Da ging ein Zittern über ihre Schultern
und ernst biickte sie auf den jungen Mann. Er
bückte sich und riß ein Büschel Vergißmeinnicht
mit der Wurzel aus. Er fühlte sich beklommen.

Feierlich schritt sie neben ihm und hüften-
wiegend bergab! Sie hatte einen harten, un-
bezwinglichen Stolz in der Stimme, als sie sich
von ihn: verabschiedete.

Dann kam er wieder lange nicht. Am Ende
des Sommers schrieb er einen Brief aus Rom
und später einen aus Torbole. Er wäre in
Egypten gewesen — wegen seines Hustens —
und das Studieren habe er für längere Zeit
aufgegebcn.

Als der Herbst die Bäume mit rostroter
Patina überhauchte, traf er wieder in Wien
ein und suchte sie auf.

Arm in Arm schleuderten sie durch die Straßen
und kamen in den Prater. Karl Windinger
lud sie zu einer Fahrt auf dem Ringelspiel
„Zum Kalafati" ein, und als sie sich um den
langbezopften Gelben drehten, lachte er und
küßte sie hinters Ohr.

Als sie später durch die Praterallee heim-
wärts gingen, erzählte sie, daß sie viel an ihn
gedacht habe während der ganzen Zeit. Und
er versetzte, er glaube, daß er sie liebe. Aber
er sei zu gewissenhaft und wolle sich
vorerst prüfen.

„Wundert mich," sagte sie, „daß
Du nicht auf mich vergessen hast."

„Aber nein, Auguste. Wir kehren
immer dorthin zurück, von wo wir
ausgegangcn sind."

Er erschien ihr jetzt ein wenig zer-
fahren in seinen Bewegungen. Und
sein Gesicht war schmal und durch-
sichtig unter der braunen Farbe. Sie
hatte wieder Mitleid mit ihm.

„Gusti," bat er, „ich möchte Dich
malen."

„Seit wann malst Du? Das ist
ja was ganz Neues."

„Ich habe es unten gelernt." Er
meinte: in Italien.

„Nächste Woche bekomme ich mein
neues Kostüm. Dann wollen wir
sehen, Karl." —

Klopfenden Herzens schritt sie zum
Atelier hinauf, das er in einer ver-
borgenen Gaffe gemietet hatte. Als
sie eingelassen wurde, war er noch
nicht da. Ein stilles, abgetöntes Licht
floß durch gelbe Vorhänge in den
Raum. In einer verschwommenen
Ecke schwoll eine ungeheure Lein-
wand bis zur Decke. Einen zer-

Hmbitton

H. Bing

„Schau’ mal diese Bürger an — möchten steh so gerne auch
Ijochstapler-Hllüren geben 1“
Henry Bing: Ambition
Roda Roda: Todesfall
Hugo Wolf [1]: Ringelspiel
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