Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Hirschbrunst

Schon liegt die Alm im kühlen blauen Schatten
Des späten Nachmittags, als ich den Schirm
Inmitten krausen Wurzelwerks erreiche,

Das Deckung mir und guten Ausblick bietet.

Verträumtes Schweigen rings im weiten

Rund, . .

Nur eines fernen Bergbachs sanftes Rauschen
Und hie und da das Melden eines Hirsches
Tief unten in den kupferroten Wäldern ....
Kein lebend Wesen sichtbar, einmal nur
Kreist eine Dohle um die Felsenköpfe,

Die mir zur Linken sich phantastisch türmen.

Im Banne dieser schwermutvollen Stille
Schaut man in sich, und allerlei Gespenster,
Die längst beschworen schienen, kehren wieder
Anklagend, mahnend . . . Bilder tauchen auf
Aus fernen Tagen . . . alte Wunden bluten ...
Nachdenklich sinnend blickt man auf sein Leben..

Da... oeh... oeh ü.. . verscheucht

der Geisterspuk. . .

Wild klopft das Herz, bangwohlig wallt

das Blut . . .

Er ist's, der Zwölfer, der so oft mich narrte!!

. . . Und wieder hüllt mich ein das schwere

Schweigen. . .

Ich lausche atemlos, die Wangen glühn,

Die Augen starren heiß-erwartungsvoll
Hinauf zum Grat.. Dort bei der Wettertanne,
Die düster in den bleichen Himmel ragt,

Dort muß er kommen ...! Dreimal sah ich ihn,
Doch stets zu spät für einen sichern Schuß . ..

Oeh ü . . hö. . hö. . ein dumpfes, rauhes

Grollen. . .

Dann Stille wieder, ehern-ernste Stille. . .
Ein kleiner Stern blitzt rötlich flimmernd auf,
Kühl wird's und dämmrig . . . Kommt

der Hirsch nicht bald,
Dann ist's vorbei für dieses Jahr; denn heut
Ist Schluß der Schußzeit . , . Oeh ü . . .

oeh ü . . . oehhh . . .

Mein Blick bohrt krampfhaft sich durchs

fahle Licht . . .

Dort oben bei der Tanne . . . seh ich recht?
Taucht ein Geweih empor ... er ist's,

der Zwölfer . . .!!

Die Büchse hebt sich, tastet nach dem Ziel,

Das starr und wuchtig wie aus Erz gegossen
Ins blasse Blau des klaren Himmels ragt. ..
Ein schwacher Knall, ein dröhnendes Gepolter..
Den Hang herunter stürzt der wunde Recke,
Rutscht, kommt ins Rollen, schlägt um

sich. . . verstummt. . .

Mein! endlich mein!! . . . das Fieber

schüttelt mich,

Das mühsam ich bisher im Schach gehalten..
Die Kniee versagen . . .

Da klingt ein Jubelschrei aus dunkler Tiefe
Herauf zu mir ... der Glückwunsch

meines Weibes ....
Artpur Schubart

Max Moser

Der etruskische Copf

Don Aoderich Müller

Das Glück des Sergeanten Peter Storz war
in seinem Regiment sprichwörtlich. Niemand
wunderte sich, als Storz beim Ausscheiden aus
dem Militärdienst Aufseher im Kgl. Museum zu
W. wurde. Eigentlich war für diesen Posten
ein gewisser Paul Storz, ehemaliger Bursche und
Protege eines Generals, ausersehen. Infolge
eines Versehens erhielt indessen Peter Storz die
Stelle und trat sie mit viel Würde und Hoff-
nung auf Müßiggang an.

W. war ein kleines Nest, der Museums-
direktor ein behäbiger Herr mit übermäßiger
Neigung zum Alkohol, was der Verwaltung
seines Institutes nicht förderlich war. Er über-
trug Peter Storz die Aufsicht über eine ver-
staubte archäologische Sammlung, der ein Ka-
binett mit etruskischen Töpfereien angegliedert
war.

Der Direktor hielt Peter Storz eine kurze
und unklare Rede, aus der Storz entnahm, daß
unter einem Glassturz eine etruskische Amphora
stehe, die mit 95 OOO Mark gegen Brandschaden
versichert sei, daß im Jahre 1900 ein Irrsin-
niger zu Florenz die berühmte Fran?ois-Vase
zerschlagen habe, und daß deshalb Vorsicht die
Mutter aller Weisheit sei. Nach dieser An-
sprache entfernte sich der Direktor, worauf es
in dem Kabinett noch eine Weile stark nach
Bier roch. —

Die Monate kamen und gingen, und Storz
saß in dem Kabinett und wartete auf den Irr-
sinnigen, der die Vase kaput schlagen sollte,
aber der Irrsinnige kam nicht. Es kam über-
haupt niemand.- Es verstrichen Wochen, in
denen sich auch nicht eine Seele in dem archäo-
logischen Museum samt etruskischem Kabinett
blicken ließ, und dem Peter Storz wurde die
Geschichte allmählich langweilig.

Er hatte sich ja über nichts zu beklagen, er
hatte ein gutes Gehalt, nicht eine Spur von
Arbeit und einen wackeren Abendstammtisch.
Doch jemand, der den Kasernenhof mit seinen
Flüchen und kernigen Rippenstößen gewöhnt
war, mußte sich in der Gesellschaft zerfressener
Bronzeringe und wackliger Tonscherben ver-
dammt einsam fühlen. Wenn nur der Verrückte
gekommen wäre, dem hätte er es schon besorgen
wollen. Aber der Verrückte kam nicht.

In Storz erwachten allerhand närrische Ge-
danken. Den Tag über keine Bewegung und
Abends das viele Bier, das konnte kein Ser-
geant auf die Dauer aushalten, ohne Philosoph
zu werden. Storz grübelte über sein Glück.
Seit seinem sechzehnten Lebensjahre hatte man
es ihm beständig vorgerechnet, vielleicht besaß
er es gar nicht. Er mußte es versuchen, mußte
sein Schicksal herausfordern, ihm fiel die Ge-
schichte von einem Ring ein, den ein König ins
Wasser warf, der König wußte am Schluffe
wenigstens, daß er ein Glück hatte, er wollte
auch so etwas tun, etwas, wobei der normale
Mensch sich mächtig in die Tinte setzt, wenn
das gut ausging, hatte er, der Peter Storz, auch
ein Glück.

Er rauchte, obschon das Rauchen im Museul»
strengstens verboten war. Er setzte die etrus-
kischen Geschirre unter einen Dampf von StiN'
katores, als sollten sie geselcht werden. Aber da
der Direktor noch viel heftiger rauchte, beißend/
Virginias, und die Diener der anderen Abtei'
lungen für Gemälde und Naturalien ihre Zi'
garren auch ziemlich ungeniert bafften, so fiel
der Qualm in Etrurien nicht sonderlich auf und
war nur eine äußerst schwache Frage an das
Schicksal.

Das sah Storz auch bald ein, und mit einem
Male kam ihm die Erleuchtung. Er mußte die
Vase unter dem Glassturz, das Glanzstück der
Sammlung, das mit 95 000 Mark gegen Feuer
versichert war, das mußte er zerschlagen. Ir»
Grunde gipfelte ja seine ganze Tätigkeit darin,
daß einmal einer käme, der der kostbaren Vast
den Garaus machte. Weshalb sollte nicht er
selbst dieser eine sein? Der Gedanke ließ ihn
nicht mehr los, bei Tag und Nacht, selbst aw
Stammtisch sah er Scherben fliegen, hörte ihr
Klirren, hörte die Leute laufen, den Direktor
schnaufen, umwogt von seiner Bieratmosphäre,
und nach der Katastrophe kam die erlösende
Frage, was wurde nun, was wurde aus ihr»
und seinem Glück?

Mehrmals am Tage besah er jetzt sein Opfer,
er hob den Glassturz ab, und da entdeckte er,
daß die Vase, deren eine Seite gegen die Wand
gekehrt war, auf einem drehbaren Untergestell
stand, dessen Bewegungsfreiheit allerdings durch
einen Strick und eine Plombe gehindert war.
Schnell entschlossen durchschnitt er den Faden,
drehte die Vase herum und sah darauf gemalt
— die größte Schweinerei, die ihm jemals vor
die Augen gekommen war. Die Malerei auf
der Vorderseite hatte der Phantasie eines Kenners
wohl auch kein großes Rätsel aufgegeben, aber
zur Deutung des anderen Bildes bedurfte es
keiner Phantasie, hier sprach einfach die nackteste
Tatsache.

Als Storz das sah, empfand er eine große
Freude, er hatte eine Attraktion, mit der er
die Einsamkeit und alle dummen Gedanken
aus seiner Dasensammlung bald vertreiben wollte.
Er fertigte ein Plakat: „Obacht I! Die berühmte
Vase!!!", und sobald er eine Dame zu den
Bildern oder Naturalien aufsteigen sah, so hing
er dieses Schild vor seine Türe. Es dauerte
auch nicht lange, so bissen die Fische krästig
au, nach einer Woche schon hatte die archäologische
Sammlung starken Zulauf. Vor Männern frei'
lich verbarg Storz seine erotische Entdeckung
schamhaft und argwöhnisch, und wenn die Herren
mit dem Kopfe fast durch die Wand wollten
und an dem Sturz um den Sockel rüttelten
und schüttelten, so suhr er sie hart an. Wenn
aber junge Damen kamen, so enthüllte er um
aufgesordert sein Geheimnis, lächelte und riß
sogar pikante Witze, sobald er bei den Be>
sucherinnen auf Verständnis hierfür rechnen
konnte.

Dies ging eine ganze Weile, bis eines Tages
im Tageblatt ein Artikel erschien: „Unerhörte
Schamlosigkeit in einem Staatsbetrieb." Der
Direktor kam und hielt eine Rede an Peter
Storz, etwas klarer als das erste Mal und mit
stärkerem Biergeruch. Dann wurde der Vast
Faden und Plombe wieder angelegt, und das
archäologische Museum versank in seine alte
Vergessenheit.

Sogleich erwachte auch in Storz wieder das
unheimliche Verlangen, dem etruskischen Topf
ein kräftiges hinaufzuschlagen, zumal er sich
schwer ärgerte, daß man ihm einen harmlosen
Zeitvertreib wie die öffentliche Ausstellung einer
klassischen Sauerei untersagt hatte. Er ging
mit Tatkraft ans Werk, fertigte zu Hause eine
biegsame Pritsche an, die er unten mit Blei
beschwerte, wie er seiner Frau sagte, um Mäuse
zu töten. Er sühlte einen seltsamen Reiz, als
er das erste Mal die Glaskästen mit der Pritsche
in leisem Schwünge berührte, es gab ein feines
Klingen, eine geisterhafte Musik, und Storz

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Max Moser: Vignette
Roderich Müller-Guttenbrunn: Der etruskische Topf
Arthur Schubart: Hirschbrunft
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