Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 1036
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1911_2/0339
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Herbst und Ende

Oh sei nicht traurige weine nicht, mein Kind,
Und laß uns scheiden, ohne es zu müssen.
Zwei Schmetterlinge nahm der Frühlingswind
Auf seine Schwingen, daß sie satt sich küssen.
Und jetzt ist Herbst. In allen Garten sind
Die Aeste schwer von süßen Ueberflüssen,

Und auf den Hügeln pöller» die Salute
Dem schaumenden rotgvldnen Traubenblute.

In dieser üppigen Erfüllung Zeit
Mag auch die Liebe ihre Ernte tragen.

So laß uns stark und ohne Bitterkeit
Den letzte» langen Kuß des Abschieds wagen
Und weise sein, eh' unser Herz verschneit
Und Mühsamkeiten es wie Frost zernagen.

Die Frucht ersehnt, daß sie gebrochen werde,
Das Müdgelebte fault und wird Geberde.

Noch wittert der Verwesung herber Duft
Nur leise mahnend, ohne zu zerstören.

Und in den Nächten wiegt sich noch die Lust
Klingend genug, die Sinne zu betören,

Indessen mächtig durch die Wälder ruft
Brünstiger Hirsche aufgeregtes Röhren.

Zu dieses Urlauts großem Orgeldröhnen
Ziemen nur Worte, welche freudig tönen.

So weine nicht, du blühendes Geschmeid,

Das ich um meine Einsamkeit gewunden.

Du bist so jung, für dich ist noch das Leid
Die Arzenei, um tiefer zu gesunden.

Und dieses Leben noch ein köstlich Kleid,
Leuchtend von Perle» »»gelebter Stunden —
I ch muß die Kommenden bedächtig nützen.

Um die gelebten dauernd zu besitzen.

Doch du wirst jung sein — immer wieder wird
Zu dir der Frühling von den Hängen steigen.
Und immer wieder wird dein Haar verwirrt
Vom Tanze sein und von dem Rausch der Geigen.
Ich aber will, von keinem Reiz beirrt,

Mich tiefer in die eig'ne Seele neigen
Und alles Ewige aus unser» Liebesnächten
Wie rote Rosen in mein Lied verstechten....

Anton Lvildgans

Aus den

Aufzeichnungen des NZufrkers

Von Paul Ernst

Ich lebte in Berlin in der Philippstraße bei
derselben Wirtin eine Zeitlang mit einem etwa
dreißigjährigen Arzt, der Assistent in einer der
großen Kliniken war. Man kann jahrelang
Wand an Wand mit jemandem wohnen, ohne
ihn kennen zu lernen: unsere gemeinsame Wirtin,
eine brave Berlinerin aus dem besseren Mittel-
stände, hatte uns aber eines Morgens, als sie
uns beiden den Kaffee brachte, miteinander be-
kannt gemacht, indem sie uns in ihre Stube
rief, das sogenannte Berliner Zimmer der Woh-
nung, mit einem lederbezogenen Schlafsofa und
einem bunten Velourteppich, der jeden Abend
getreu zusammengerollt wurde; und unter dem
merkwürdigen Lobe, daß sie so „anständige"
Herren noch nie gehabt habe, uns gegenseitig
vorstellte. Wir lebten beide allein, fast ohne
jeden Verkehr, wie das so in der Großstadt
möglich ist, und wiewohl wir uns kaum viel
zu erzählen hatten, sprachen wir doch oft mit
einander bei gelegentlichem Begegnen auf der
Treppe oder wenn Einer den Andern abends
um irgend ein gefälliges Aushelfen bat.

Gebet

Der du die letzten Gründe kennst,

Die mich getrieben

Und drum mein Glück nicht Sünde nennst
Statt armes Lieben,

Der du mit Flüchen innehältst
Vor Menschenleiden
Und die entflamniten Sinne stellst
Vor bitt'res Scheiden,

Dir bring ich meine Schmerzen dar

Als Opferbrände

Und lege was im Herzen war,

In deine Hände.

O nimm es, dich mir neigend an,

Was preisgegeben!

Und hämm're in mir schweigend dann
Mein glühend Leben.

Siegfried Trebitsch

An einem Morgen teilte mir die Wirtin kopf-
schüttelnd mit, daß mein Nachbar krank sei.
Ihr merkwürdiger Gesichtsausdruck fiel mir wohl
auf, aber ich fragte nicht weiter; gegen Mittag
klopfte ich bei ihm an, um ihm einen kurzen
Besuch zu machen und ihn zu fragen, ob ich
ihm vielleicht etwas besorgen dürfe.

Er lag mit großen fiebrigen Augen im Bett.
Als ich ihm die Hand bot, hielt er mich einen
Augenblick fest, nur einen kurzen Augenblick
lang; aber ich spürte, daß dieser verschlossene
und einsame Mensch das Bedürfnis nach einem
andern Menschen hatte. So sagte ich ihm denn,
nachdem wir die gewöhnlichen Redensarten ge-
wechselt hatten und die bekannte Pause ent-
standen war, indem ich mich verabschiedete: ich
werde am Nachmittag wieder kommen. Er
nickte, indem er mich eigentümlich mit sehn-
süchtigen Blicken aus verzehrten Augen ansah,
und hielt wieder meine Hand sonderbar fest.
Sein Kopf mit dem dünnen hellblonden Haar,
blassen schmalen Lippen und spärlichem blonden
Schnurrbärtchen sah sehr krank aus auf dem
weißen Kiffen. Als ich die ausgetretene und
schmutzige Treppe hinunterging, wurde mir klar:
er wird sterben und will mir etwas auvertrauen,
da er sonst keinen Menschen kennt.

Wie ich ihm versprochen, ging ich am Nach-
mittag wieder zu ihm. Er ergriff meine Hand
und lenkte mich ohne weiteres auf den Stuhl,

der neben dem Bett stand; er zeigte mir
ein Heft in blauem Umschläge, in dem er
mit Bleistift geschrieben hatte, und sagte
mir: „Das ist mein Krankheitsbericht, der
ist sehr wichtig, denn ich mache ein Ex-
periment an mir." Er bat mich, für den
Fall seines Todes das Heft einem Gelehrten
zu übergeben, den er mir nannte. Dann
begann er unvermittelt zu erzählen.

„Bor fünf Jahren hatte ich eine heftige
Furcht vor der Einsamkeit. Ich ging abends
in eine Kneipe, zuweilen auch in ein Tanz-
lokal. Sie können mir glauben, daß mir
die Menschen dort zuwider waren, aber ich
war krank durch das Alleinsein und mußte
Menschen sehen. In einem Tanzlokal in
Halensee lernte ich ein Mädchen kennen,
eine Näherin in einem Wäschegeschäft. Ich
hatte mich durch Zufall an den Tisch ge-
setzt, an dem sie saß; sie war allein gleich
mir und schien sich das erste Mal hier zu
befinden. Sie war siebzehnjährig; trotz ihres
unentwickelten Körpers war das schwarze
Kle'd, welches sie trug, ihr doch zu eng ge-
worden; sie erzählte, daß es von der Be-
erdigung ihrer Mutter stammte. Ihr Vater
war schon sehr lange tot, und sie wohnte
bei Leuten, vor denen sie Furcht hatte.
Hierher war sie gekommen, wie sie sagte, um
ihr Leben zu genießen, weil sie jung sei, aber
sie fürchtete sich vor den Männern und meinte,
daß man sie schlagen werde. Sie konnte nicht
tanzen, und hatte nur ganz unbestimmte Vor-
stellungen von dem, was sie hoffte und wünschte;
sie sagte, sie wolle „die Bekanntschaft eines ge-
bildeten Herrn machen.

Ich empfand Mitgefühl und Zuneigung.
Sie sprach ein ganz reines Deutsch, ohne den
mir widerwärtigen Berliner Klang und Fall-
Als wir aufbrachen, nahm sie meinen Arm,
wie wenn das selbstverständlich wäre. Nachdem
wir uns auf eine Verabredung am nächsten
Tage noch einmal getroffen hatten, wurde sie
meine Geliebte. Sie war zärtlich, sanft und
gut. Einmal weinte sie und sagte: „Wenn Du
mich heiraten könntest, dann wollte ich Dir eine
gute Frau sein, und Du solltest es immer ordent-
lich im Hause haben; aber das ist ja unmöglich,
deshalb will ich ein paar Monate lang glück-
lich sein." Sie empfand, daß ihre zerstochenen
Finger mir mißfielen, deshalb entzog sie mir
sie, soweit es nur möglich war, mit merkwürdig
zartfühlenden Ausreden."

Hier schwieg mein Bekannter, und zwei
runde, volle Tränen rollten langsam über sein
verarbeitetes und krankes Gesicht.

Er sagte: „Ich schämte mich der Gefühle,
die ich wegen der Finger hatte und wollte ab-
springen; aber sie merkte es doch; und ich
hätte es ihr nicht übelnehmen können, wenn
sie ungehalten gewesen wäre, denn sie gab mir
alles, ich aber nahm nur; aber sie demütigte
sich. Das ist so einer von den Stacheln, die
ich im Gewissen habe, den ich auch heute noch
nicht entfernen kann. Es ist etwas Furchtbares
um die Liebe; wenn sie uns nicht edler macht,
so macht sie uns schlechter, auch gegen unfern
Willen; und in den meisten Fällen wird es bei
einem Liebesverhältnis so sein, daß der eine
Teil besser wird und der andere schlechter; denn
dieses Gemeine ist im Menschen verborgen, daß
er Güte mißbrauchen muß."

Er wollte wohl Einzelheiten aus der Ge-
schichte dieser Liebe erzählen, aber nach ver-
schiedenen Ansätzen verstummte er immer wieder
und sagte: „Ich muß mich schämen." Nur eine
Geschichte erzählte er: „Ich fuhr mit ihr an
einem Sonntag aus der Stadt heraus, wir gingen
durch den Wald und über eine Wiese. Vor
einem Marienblümchen blieb sie stehen, breitete
die Arme aus gegen den Himmel und rief: Ich
habe noch nie eine Blume gesehen.

Nach einigen Monaten veränderte sie ihr
Wesen in auffälliger Weise. Ich verstand das
nicht, wie eben Männer in solchen Fällen oft
wenig einsichtsvoll sind, dachte, daß sie meiner
überdrüssig sei oder eine andere Liebe im Sinn
Willi Geiger: Illustration zum Text "Gebet"
Carl Friedrich Paul Ernst: Aus den Aufzeichnungen des Musikers
Siegfried Trebitsch: Gebet
Hans Wildgans: Herbst und Ende
loading ...