Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Der gute Ion vor bericht

(Aus einem Monstre-
Prozeß 1999)

Der Staatsanwalt:

MeineHerren I Sie haben
soeben gehört, was der
Verteidiger, dieserIdiot,
der endlich einmal jus
studieren sollte, für einen
heillosen Quatsch zusam-
mengequasselt hat I Wie
man so etwas in einer
Robe herumlaufen lassen
kann, ist mir rätselhaft.

Ich bitte, den Ange-
klagten auf seinen Gei-
steszustand untersuchen
zu lassen, daß er sich einen
solchen Verteidiger ge-
nommen hat! Und so-
mit fasse ich meine Aus-
führungen zusammen in
den Antrag: verurteilen
Sie den Angeklagten zu
neun Jahren Gefäng-
nis ! Basta!

Der Verteidiger:

MeineHerren! Ich habe
den Trottel von Staats-
anwalt ausreden lassen,
weil Irrsinnige bekannt-
lich ungemütlich werden,
wenn man sie unter-
bricht. Immerhin möchte
ich dem Gericht zu er-
wägen geben, ob es nicht
ratsam wäre, den Kerl
nur noch mit einem Maulkorb in den Sitzungs-
saal hineinzulassen! Der Zeuge Müller könnte
bestätigen —

Der Vorsitzende: Sämtliche Zeugen befinden
sich wegen Ungebühr vor Gericht in Haft!

Der Verteidiger: Dann will ich mich kurz
fassen: Daß eine Kuh mehr vom Gurkensalat
versteht als der Staatsanwalt von der Recht-
sprechung, war vom ersten Augenblick der Ver-
handlung an klar. Hieraus resultiert sonnen-
klar die Unschuld des Angeklagten. Sprechen
Sie ihn frei oder ich haue Ihnen eine herunter!

Dcr Vorsitzende: Wünscht der Angeklagte
das Wort?

Der Angeklagte: Der
Staatsanwalt und der
Vorsitzende und die Rich-
ter und der Verteidiger
und die Zeugen und die
Justiz und der Staat
und die Erde und sämt-
liche Planeten sind eine
Schweinebande! (Der
Gerichtshof zieht sich hoch-
befriedigt zur Beratung
zurück.)

Karicheu

Zu viel cles
Guten

„Wie ist es möglich,
daß ein einziger Tag Ber-
liner Aufenthalts
Sie so kaput wachen
konnte?"

provinziale:,„Ja,
sehen Sie! vormittags
ein paar Stunden Sen-
sation s p r oz eß, nach-
mittags Siegesallee,
abends wackel- und
Schiebetänze, — da
war ich hin!"

Zur Neuerung

(Zwei Zeichnungen von A. SchmtdHammer)

I. Der Konfument bei der SelbTtbilfe

„Rinder, wer brav ist, kriegt zum Abendbrot 'n Fliegenbein!"

An einen Krieger

Mollig ist ein eigener Herd,
Wenn der Krieger kehrt heim.

Ist ein eigenes Heim dir wert,
Such' es nicht bei Wertheim!

Gaben gibt es fort und fort
Dort bei jedem Weiter.

Freilich wirst du fetter dort.
Doch nicht netter, Fetterl

nax

II. Idyll

„Ls bleibt dabei: mir fan die Lieblinge der Regierung!"

vorbildliche Spar-
samkeit

Die letzte Nummer der
„Schles. Schulzeitung"
berichtet: Im Dorfe H.
hatte der Lehrer bean-
tragt, Turngeräte anzu-
schaffen, die Dünger-
grube im Schulhof einzu-
frieden und das Reini-
gen der Schule nicht
mehr durch die Kinder,
sondern durch Erwach-
sene vornehmen zu lassen.
Der aus einigen Bauern
und dem Herrn Ober-
förster bestehende Schul-
vorstand lehnte alle drei
Anträge ab. Der Herr
Oberförster begründete
die Ablehnung also:
„Turngeräte braucht
man nicht, denn sie führen
zur Ve> Krümmung des
Rückgrats. Der Dünger-
haufen darf nicht um-
friedet werden, sonst
Können sich die Kinder
im Winter die Füße
nicht mehr wärmen. Die
Schulräume sind von
den Mädchen zu kehren,
sonst lernen sie das Stu-
benreinigen überhaupt
nicht." —

Allerhand Hochach-
tung vor diesem Schul-
vorstand! Konsequenterweise gibt er sich, wie
wir zu unserer Befriedigung vernehmen, mit
der negativen Ablehnung noch nicht zufrieden,
sondern beabsichtigt, die Abhaltung des gesam-
ten Unterrichts auf den Düngerhaufen zu ver-
legen. Die Vorteile sind in die Augen bezw.
in die Nasen springend: Das Schulgebäude
kann als Pferde- oder Kuhstall gewinnbringend
vermietet werden. Beheizung und Reinigung
fallen weg. Die Kinder kommen nicht in Ver-
suchung, sich mit Steinen zu werfen, sondern
wählen den ungefährlichen Pferdeapfel als
Projektil. Stürze auf Kopf und Kniee sind
gefahrlos. Lehrer und Schüler haben polster-
weiche Sitze und bleiben
so von Hämorrhoiden
verschont. Kurz: der
Düngerhaufen ist eine
ideale Bildungsörtlich-
keit.

sirausame Kriegführung

Die italienisch-türki-
schen Kriegsmaßnahmen
werden immer grauen-
voller. So meldet jetzt
der „Secolo" aus Kairo,
daß die türkischen Ho-
tels und Restaurants
sämtlicheMakkaroni auf
der Speisekarte gestrichen
haben.

Italien geriet hie-
rüber in maßlose Wut
und warf die Zigaretten
und den Tabak türki-
scher Herkunst in die
Abfalltonnen.

Die kriegführenden
Parteien vergessen in
ihren Haßanfällen, welch
schreckliche Folgen ihr
Vorgehen haben wird:
Das italienische Inva-
sionskorps ist gezwun-
gen, die sonst für die
Türkei bestimmten Mak-
karoni allein zu essen.
Was wird die Folge
Monogrammist Frosch: Zur Teuerung: Idyll
[nicht signierter Beitrag]: Zu viel des Guten
[nicht signierter Beitrag]: Vorbildliche Sparsamkeit
Beda: Grausame Kriegsführung
Arpad Schmidhammer: Zur Teuerung: Der Konsument bei der Selbsthilfe
Karlchen: Der gute Ton vor Gericht
Max: An einen Krieger
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