Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Metamorphose Fritz Heubner (München)

„Hast Du kein Spielzeug, Junge?" — „flee, ick hatte 'n Meerschweinchen, aber
Vadder hat's zu Schnaps iemachtl"

Liebe Jugend!

Wahres Geschichrchen

Rlein -Uarlchen kommt von der Schule nach
hause und findet seine Mutter weinend vor.
„warum weinst Du, Mutterl?" fragt das Rind.

„Du weißt ja, Dein Bruder will zum Theater
gehen und das macht mich so traurig. Aber gelt,
Uarlchen, Du wirst mir das nicht antun, Du
wirst nicht zum Theater gehen, wenn Du einmal
groß sein wirst?"

„Ach nein, Mutterl, Hab' nur keine Angst,
ich gehe lieber zum Zirkus."

Der Brdinarius der 7. Gymnasialklaffe des
humanistischen Gymnasiums zu M. gab als deutsche
Hausaufgabe folgendes Thema:

„warum stehen die Telegraxhenstangen an
den Eisenbahnschienen entlang?"

Der beste Schüler im deutschen Aufsatz reichte
kurz entschlossen folgende bündige Arbeit ein:

„Die Telegraxhenstangen stehen aus einem
sehr guten Grunde an den Eisenbahnschienen
entlang; denn würden die Telegraphenstangen
zwischen den Schienen stehen, dann wären sie
ein ungeheueres Verkehrshindernis."

Ein mit einer Rektoratsstrafe verstärkter Vierer
war der schlecht verdiente Lohn. — welche Note
hat der Lehrer verdient?

') läuten; *) anstechen; 3) Hineingetrieben.

Schul-Humor

hersch kam nach Hause und fand seine Frau
in den Armen seines Freundes. Nachdem er sich
von dem Schreck erholt hatte, rief er dem Freunde
verwundert zu: „Ich muß, aber Du?"

Line Lehrerin behandelt in der III. Ulaffe einer
Volksschule in der Geschichtsstunde Friedrich den
Großen und ordnet den Stoff nach folgenden
Gesichtspunkten:

(. Friedrich der Große im Urieg.

2. Friedrich der Große im Frieden.

3. Friedrich der Große in andern Umständen.

Ein sonnengoldner Morgen im Oktober . . .
Blaßblau der Himmel, gelb und rot die Erde,
Vom ersten Reif mattsilbern überflimmert.

Und Spätherbstfrieden über allen Landen. . .
Vor uns ein schmaler, langgestreckter Weiher,
Röhrichtumsäumt, aus dem sich Balsampappeln
Und schlanke weiße Birken stolz erheben . . .
Rings hohes Riedgras, Disteln, wilde Rosen.
Schilf und Liguster, eine Wildnis bildend,

Die Beil und Sense lang nicht mehr berührten,
.. . Des Hegers Stolz, das Eden der Fasanen .

Lautlos begibt sich alles an die Stände . . .
Erlesen ist die Schar; nur Meisterschützen,

Die lang erprobt in ihrer edlen Kunst,

Hält würdig dieses adeligen Wildes
Der strenge Iagdherr . . .

Musterhaftes Schweigen
Auf allen Ständen... Da ein Hornsignal. . .
Hell klingt es in den friedlich stillen Morgen .. .
Die Antwort jetzt aus duftig blauer Ferne. . .
Dann Menschenstimmen, Klappern, Hundelärm,
Das Schockern einer aufgescheuchten Elster;
Zwei Krähen ziehen krächzend aus dem Trieb,
Und ein paar Häher folgen, Unheil ahnend . . .
Hier wischt ein Häslein durch die Schützenkette,
Ein Gabler dort... Sie werden heut geschont ..
Und näher rückt der wirre Lärm der Treiber . . .

In Zwirbelhausen läuiet's schon eine weile
zur Uirche. Der Herr Pfarrer ist immer noch
nicht da.

„Bimblet *) Se no e bißle," sagt der Schul-
meister zum Mesner, „er wird inzwifche au komme."

Der Mesner bimbelt noch s Minuten, er bimbelt
(0 Minuten, der Herr Pfarrer ist immer noch nicht
da. Der Herr Lehrer geht ins Pfarrhaus, sucht
und ruft, bis sich die Stimme des Herrn vom
Ueller herauf zu ihm findet. Nichts Gutes ahnend,
geht er hinunter und was sieht er da: Uniet
der Herr Pfarrer in feinem Sonntagsrock vor
einem großen Weinfaß und hat den Daumen im
Spundloch.

„Jetzt guck' aber au, was machet denn Sie
da, Herr Pfarrer?"

„Ja, denket Se, Herr Lehrer, dös Malheur,
wie i mei Faß a'stcche *) will und schon den
Spunde neitriebe *) g'habt Hab, fällt mir auf eimol
siedichheiß ei, daß i den Faßhahne Hab' drobe
liege lasse."

Gok .. gok .. go . . gok... der erste

Hahn taucht auf,
Drei Hennen folgen ... Hühner schwirren surrend
Hinaus ins Moos .. Zwei Beeassinnen sausen
Das Schilf entlang ... Tiro.. tiro .. dax.. dax. ■.
Fünf Gockel werden nacheinander hoch
Und wirbeln alle gut getroffen nieder.. .

Zm Röhricht knistert's. . laufend drücken sich
Hier die Fasanen. . . stehen plötzlich auf. . .
Ein Doppelschuß.. Dublette.. Harras apports!!
Da rauscht's empor . . vier, fünf,

acht, neun Fasanen. .
Das Meiste Hähne . .. bum . . tiro . . tiro ...! I
Ein schwarz gescheckter Wachtelhund erscheint,
Hier wirbelt's kupferrot ins Röhricht nieder.
Dort stäuben Federn durch die gelben Birken . .
Hahn .. Hahn . .! tiro .. bum. . .

Henne. . Gockel. . Hahn ..!!
Bum.. bumm ... tiro.. tiro.. Es saust vorüber.
Huscht schnepfenschnell durchs Gitterwerk

der Wipfel,

Bum ... daher Lord! .. So Schah, mein

Hund, soo brav ..!!
Jetzt eine Salve ... einer Weihe gilt's.

Die turmhoch schaukelt in der blauen Höhe. .
Umsonst... zu weit. .! da plötzlich kippt sie um
Und schlägt weiß schimmernd in den

dunklen Weiher. . .

Das Horn klingt wieder.. Strecke wird gelegt..
Nachdenklich sinnend schau ich darauf nieder . .

Die Ernte eines langen Hegerjahres
Zn einer Knappen Stunde hingemäht. . .!

Zu zweit mit guten Hunden ist's wohl schöner ..
Und doch. . . wer's mitgemacht, wird's nie

vergessen,

Und wer's nich t kennt, der lästre vorschnell nicht..!

Arthur Schubart

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Friedrich (Fritz) Heubner: Metamorphose
Arthur Schubart: Fasanentreiben
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