Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

Page: 1222
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Jungyesellensteuerl

Die Steuern schießen — es ist ungeheuer! —
Wie Pilze auf im Herbst jetzt allerseits.
Besonders machen sie uns All>-s teuer.

Was irgendwie Behagen schafft und Reiz —
Nun straft mit einer Art Vergnügungssteuer
Der Landtag ältrer Linie von Reuß-Greiz
Die Hagestolzen Ehe-Abstinenten
Mit einer Pön von 5—10 Prozenten!

Wer dreißigjährig und noch ehelos ist,

Muß jenen Zuschlag zahlen unentwegt,

Wenn seine Rente nur genügend groß ist
Und mindestens 3000 Mark beträgt. ..

Ob nun sein Zustand lustig und famos ist.

Ob jämmerlich, daß es das Herz bewegt,

Ob sein Geschlecht nun männlich, oder weiblich.
Berappen muß er, das ist unausbleiblich!

Gewiß ist Jeder der Familienväter
An sich recht arg belastet pekuniär.

Für Amme, Kinderwäsche, Schulgeld — später
Für Mitgift, für den Sohn beim Militär;

An indirekten Steuern gar, da lädt er
Beim guten Fiskus Geld ab viel und schwer.
Für Magd und Köchin blecht er da nicht minder
Wie sür die teure Hausfrau und die Kinder!

Gewiß erspart der Iunggesell dagegen
So mancher Doppelkrone lichte Pracht,

Um den Betrag oft sündhaft anzulegen
In dem, was restlos ihm Vergnügen macht;
Braucht sich um Kinderlärm nicht aufzuregen —
Und ißt der brave Hausherr dann zur Nacht
Mit seiner Schar Salat und Frikadellen,

Dem Junggesellen leidet es Forellen!

Doch ach: man weiß, daß, was da glänzt,

nicht Gold ist!

Zum Ersten fehlt ihm ja der Gattin Charme
Und wer als Jüngling nicht ein Tugendbold ist.
Hat auch mal gern „so ein lieb Ding im Arm".
Kann sein, daß ihm ein süßes Mädel hold ist.
Doch macht auch dann ihm leicht die Sorge warm:
Auch süße Madel brauchen teure Kleider
Und manchmal gibt's auch Vatersorgen — leider I

Die Wirtshausküche schwächt den Organismus,
Die Ordnung fehlt im Hause und im Schrein
Und wegen jedem Knopf und jedem Riß muß
Der Schneidermeister angeklingelt sein!

Und kommen Krankheit, Gicht und

Rheumatismus,

Dann ist, wer einsam blieb, auch sehr allein.
Er liegt und seufzt: Der Himmel sei mir gnädig —
Ich war ein Schafskopf, darum blieb ich ledig!

Und kann man auch bei dem noch sagen immer:
Er wollt's nicht besser — sibi habeat! —

Beim unbemannten ältern Frauenzimmer
Wär solch ein Urteil wenig delikat!

Ihr geht es meist in jeder Weise schlimmer
Und wenn sie gar ein Herz

im L.ibe hat.

Sich sehnt nach Liebe, wonnesam
und frausam.

Wie ist die Welt dann höhnisch

gleich und grausam!

Vor dm» Kriegsgericht

(Ein Hauptmann hatte eine Anzahl evangelischer
Mannschaften in die katholische Garnisonkirche kom-
mandiert. Der Hauptmann erklärte vor dem Kriegs-
gericht der 15. Tiv>sion, er habe nicht die vorge-
schriebene Anzahl Katholiken zum Kirchenbeluch in der
Kompagnie gehabt.)

„Herr Hauptmann, was haben Sie zu
Ihrer Entschuldigung anzuführen, daß Sie zum
Gottesdienst in der katholischen Garnison-
kirche auch 20 lutherische Mannschaften
und 2 Juden kominandlert haben?"

„Die Rompagnic war sonst nicht komplett,
und da dachte ich, cs könnte den Rerlen nichts
schaden, wenn sie ein paar andersgläubige
Griffe kloppen lernen."

Srandesunwürdigkeit

In dem pommerschen Dorfe Lübs wurde
eine politische Versammlung abgehalten, in der
der freisinnige Lehrer Ritsch aus Stettin über
die Steuerhinterziehungen der Agrarier sprach.
Plötzlich sprang der Rittergutsbesitzer vr. jur.
v. Borke auf und gab dem Redner eine Ohrfeige.

Erfreulicherweise haben die Standes- und
Parteigenossen des Herrn v. Borke dieses sein
Benehmen nicht gut geheißen, sondern scharf
gemißbilligt. Sie bezeichnen es geradezu als
standesunwürdig, daß ein v. Borke einem Li-
beralen eine Ohrfeige verabreicht. Eine so
intime Berührung eines bürgerlichen Liberalen
durch einen Aristokraten sei für letzteren ent-
würdigend, und es müsse erwartet werden, daß
Herr v. Borke liberale Diskussionsredner in
künftigen Fällen nicht eigenhändig, sondern
durch seinen Inspektor ohrfeige. Einem Adligen,
der einen Bürgerlichen selbst schlage, sei es
auch zuzutrauen, daß er eine Bürgerliche heirate.
Pfui Teufel! Frid«

A

Nein! Daß man den, der

niemand Andern heuert —
Als wär' der Zölibat

Vergnügen bloß! —
Mit 10 Prozenten extra noch

besteuert.

Das find' ich unmaßgeblich

rigoros!

Um 10 Prozent, so sei hier

laut beteuert,

Lebt besser, wer erkor der

Ehe Los,

Durch sanfte Rosenbande

weich gekettet.

Als wer sich ledig durch sein

Dasein freitet!

Biedermeier mit e—i


ihm

Das Httentat in Sachsen

„Meine Herren, um zu diesem Bubenstreich geziemend Stellung zu nehmen,
— beantrage ich, — erh.ben wir uns von unseren Plätzen und rufen
wir — dreimal — mit umflorter Stimme ,pfuül"

Es lebe die Wissenschaft!

Der zweiundvierzigjährige Pfarrer Leopold
Gegler von Schwabhofen wurde vom Land-
gericht Kempten zu 1'/- Jahren Gefängnis ver-
urteilt, weil er sich in mehreren Fällen an Kin-
dern seiner Pfarrgemeinde sittlich vergangen hat.
Als Entschuldigung brachte er vor, es sei ihm
nur um „medizinisch-wissenschaftliche Zwecke"
zu tun gewesen.

Die Verurteilung des Herrn Pfarrers er-
folgte natürlich nur zu juristisch-wiffenscha'tlicheN
Zwecken. Nur zu philosophisch-wissenschaftlichen
Zwecken darf er einige Zeit hinter Schloß und
Riegel Nachdenken, nur aus historisch-wissen-
schaftlichen Gründen wird die Muckerpresse
diesen Fall mit Stillschweigen übergehen. Und
wenn Jemand den Herrn Pfarrer Gegler als
„alten Schweinepelz" bezeichnet, so geschieht es
selbstverständlich nur zu sprachwissenschaftlichen
Zwecken. , Kartellen

O dieser Michel!

Der italienische Politikus Leonidas Biffolati
hat herausgebracht, daß es die deutsche Di-
plomatie war, dieItalien in das tri-
politanische Abenteuer hineinhetzte.
Man wollte Italien so fester an den Dreibund
ketten und mit dem italienischen Tripolis einen
Keil zwischen Tunis und Egypten, also zwischen
England und Frankreich treiben.

Die weitausschauenden Pläne des Ränke-
bolds Michel gehen, wie wir bestätigen können,
noch viel weiter als Herr Biffolati ahnt. Durch
deutsche Agenten wurde die große Trocken-
heit des vergangenen Sommers in Szene
gesetzt, damit in Frankreich als Folgeerscheinung
Teuerungskrawalle und soziale Revolution her-
vorgerufen werden können, die unseren Wider-
sacher im Innern schwächen. Deutsche Fir-
men sind, wie der Matin und Consorten fest-
stellen, ja auch an der Herstellung des fa-
mosen Schießpulvers beteiligt, mit dem
Frankreich jetzt sukzessive seine Kriegsschiffe
in die Luft sprengt. Deutsche Hetzer insze-
nieren in England die Eisenbahnstreiks usw.
Trotz aller Vertuschung hat man von der neuen
Art von Bohrwürmern gehört, die in Eng-
land die Panzerplatten der Dread-
noughts durchlöchern. Deutsche Zoologen
haben sie in den Laboratorien von Hagenbeck
gezüchtet, der nicht umsonst in letzter Zeit so
viel ausgezeichnet wurde! So werden die
Mächte der Triple-Entente in Europa wehrlos
gemacht. Die Revolution in China ist
ebenfalls Deutschlands Werk und der
Leiter der Revolution ist ein verkappter deut-
scher General. Ist die Mandschu-
Dynastie vertrieben, dann wird
China deutsche Provinz und Kaiser
Wilhelm fällt mit 400 Millionen
Chinesen in Indien ein, hilft den
Indern, das englische Joch abzu-
werfen, verbündet sich auch mit
diesen, nimmt noch ein paar hun-
dert Millionen Indier mit, dringt
mit dieser ungeheuren Schar bis
nach Bagdad vor und fährt von
dort aus gemütlich mit einem
Extrazug, der eigens zu diesem
Zwecke gebauten Bagdad bahn
nach Westen, um sich schließlich
ganz Europa zu unterwerfen.
Michel ist einfach die gelbe
Gefahr in Person!

Da sich unsere moralischen Haare
gegen derartig frevelhafte Pläne
sträuben, seien sie hiermit ent-
schleiert! Flp»

m

F. Heubner
Karl Arnold: Vor dem Kriegsgericht
Biedermeier mit ei: Jungesellensteuer!
Frido: Standesunwürdigkeit
Pips: O dieser Michel!
Eugen Kalkschmidt: Es lebe die Wissenschaft!
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