Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Aus Dem Georg Hirch-Zchrein

künstlerische und literarische restgaden rum 70. Sebuntslage des Herausgebers der „lugend"

(13. Juli 1911)

Aus unserem Leser- und Mitarbeiter-Kreis erhielten wir überaus zahlreiche Zuschriften, die den Wunsch zum Ausdruck brachten, es
möchten doch die zum 70. Geburtstage des Herausgebers der „Jugend" gespendeten Festgaben einer breiteren Oeffentlichkeit zugäng-
lich gemacht werden. Herr Or. Hirth und die Spender haben nunmehr ihre Zustimmung zur Veröffentlichung in der „Jugend"
erteilt. Wir hoffen, im Laufe der Zeit, möglichst viel aus dem Georg Hirth-Schrcin bringen zu können. Wir beginnen mit einer
Anzahl literarischer Beiträge. Die ersten K u n st - B l ä t t er werden voraussichtlich noch in diesem Jahrgang in der „Jugend" erscheinen.

Redaktion der „Jugend"

in Unfug ist es, den ich recht beklage,
Daß man, wenn Einer siebzig Jahre lebt,
Ihn, ob der Summe der durchlebten Tage,
Als Jubelgreis zu feiern sich bestrebt —
Gewaltige Verschiedenheit ergibt sich:

Der ist ein müder Patriarch mit Siebzig,
DcrAndre mag als junger Mann noch glänzen
Mit etwa 3 X 23 Lenzen!

Der Eine sitzt, gebückt auf die Postille,
Wattiert und still, ein milder Großpapa,
Schlürft resigniert den Würzirank der Kamille
Und zittert stündlich vor dem Podagra —
Der Andre wahrt sich — physisch, wie

auch psychisch —,

Was Kalokagathia heißt auf griechisch,

Er hat noch gar nicht Zeit zum Großpapa sein,
Denn als Papa noch freut er sich am Dasein!

Dem Einen hat des Lebens beste Dinge
Der fünfzigste Geburtstag schon geraubt —
Der Andre schlägt noch seine gute Klinge,
Ein Siebziger, wie sonst — und überhaupt:
Dem Einen ist, was auch die Mitwelt Großes
Bewegt, was Wurstiges und Tutmemschoses —
Der Andre tut noch mit im Lebcnstrubel,
Begeistert, frisch, im Kampfe wie im Jubel!

Dem Einen wird zum öden Katzenjammer
Das Alter nach durchtolltem, blödem Rausch;
Mißmutig haßt er aus geheizter Kammer
Das Neue an in Bogen und in Bausch —
Der Andre aus geklärten Augen lugend,
Bleibt Festgenosse — nimmt von

seiner Jugend
Dann jener Abschied voller Gram und Reue —
Er lacht und baut sich lustig — eine neue!

Mich dünkt, darf ich dies Gleichnis mir erlauben
Vor einem Feind des Dämons Alkohol:

Die Lebenskraft, sie gleicht dem Saft

der Trauben —
Ihr tut das „Lagern" sehr verschieden wohl:
Bei schlechtem Wein, da wächst ins Ungeheure
Beim Altern bloß die Schlechtigkeit und Säure,
Denn sein Gehalt wird früh schon

aufgczehrt sein

Und kaum als Essig wird er noch was wert sein!

Doch anders ist's bei einem edlen Wein: er
Wird edler schier mit jedem neuen Jahr,
Wird immer milder, feuriger und feiner
Und würziger und geistiger und klar —
Mich dünkt, es war besonders gut und würzig
Der Jahrgang Achtzehnhundert

einundvierzig,
Der dort zu Gräfentonna einst gewachsen
Im Rebgelände der Thüringer Sachsen!

Und der, den ich als Wein hier feire tropisch,
Er ist in Wahrheit ein beglückter Mann,

Der hoffentlich — der Wunsch ist

nicht utopisch! —
Noch manch Jahrzent stets firner werden kann!
Ihm werden immer neue Calorien,

Das wünsch' ich ihm, durch

Entropie verliehen:
Was ihn an Glück und Jugend

froh umschwärme,
Das wandle sich in seiner Brust zu Wärme!
Pöcking, Juli t9u Biedermeier mit e—l

An Georg Hirrh

zum 70. Geburtstage J9JI

MUerehrter Freund und Jubilar!

Als ich in Eurem Alter war
Und noch mit leidlich festem Tritt
Der Siebzig Schwelle überschritt,

Hab' ich gar oft den Trost vernommen,
Nun würden die besten Jahre kommen.
Dies fand ich freilich übertrieben.

Denn ob sich auch die böse Sieben
Weit besser als ihr Ruf erwies,

Viel war, was sie zu wünschen ließ.
Doch anders ist's mit Euch bestellt;
Denn Euch umgiebt eine junge Welt —
Nicht jene „Jugend" ist gemeint,

Die jeden Wochenschluß erscheint —

Nein, eine liebe Kinderschaar,

Der Jüngste kaum im fünften Jahr.

Ihr könnt - und mög's der Himmel geben!
Viel „beste Jahre" noch erleben,

Sehn froh und dankbar im Gemüth,

Wie Euer Nachwuchs grünt und blüht,
Wie eines Tags, eh' Jhr's gedacht,
Marie Luischen Hochzeit macht
Und ein gewisser Wolfgang Hirth
Summa cum laucke äoctor wird.

München

Paul Hepfc

Dben

AAun magst Du rasten. Blick hinunter:
Noch plagt sich dieses Menschenthum,
Das strampelt wild und zappelt munter,
Und dreht sich blind im Kreis herum.

Du kannst ihr Mühen lächelnd sehen.

Wie sich das drängt und treibt und stößt!
Und selten einmal mag's geschehen,

Daß Einer sich vom Haufen löst.

Dann steht er neben Dir und oben,

Und schaut zurück auf seine Bahn.

Hier aufgehalten, dort geschoben
Und doch an's Ziel und doch bergan!

Tegernsee, (. Juli \<)\\

Linige Kranken üßer geistige Energie

IMe Energie im menschlichen Handeln ist die
^ Fähigkeit, hindernde Widerstände zu über-
winden, die theils in uns selbst, theils außer-
halb uns liegen. Daher hat die menschliche
Energie dieselbe Definition, wie die Energie
in der Physik und das Gesetz der Erhaltung
wird daher für beide gelten. Und doch haben
wir bisher für die geistige Energie weder
eine Möglichkeit sie zu messen, noch eine ge-
nügende Vorstellung, aus welcher Quelle sie
stammt. Sie läßt sich nicht wie physikalische
Energie messen; denn an mechanischer Arbeit
leistet ein Holzhacker mehr als das größte
Genie. Und doch muß die geistige Energie
oft enorme Beträge besitzen, denn wir sehen,
daß die Produkte geistiger Energie oft Jahr-
hunderte und Jahrtausende hindurch wirken
und immer wieder im Stande sind, von
Neuem Energie zu erzeugen. Daher kann
auch die Quelle aller geistigen Energie nicht
wie die aller mechanischen menschlichen Leist-
ungen blos in der chemischen Energie der
Nahrung liegen. Denn den Maximalwerth
dieser chemischen Energie kennen wir und
größer könnte also auch der Energieinhalt
der erzeugten geistigen Produkte nicht sein.
Geistig ist der Mensch nicht blos das, was
er ißt. — Aus dieser oft empfundenen
Schwierigkeit scheinen nun aber die jüngsten
Fortschritte der Physik, nämlich die Radio-
aktivität, einen Ausweg zu zeigen. Wir sehen
in dieser andere als rein chemische Energien
austreten, nämlich die Energien des Atom-
zerfalls und wir finden, daß diese bei gleicher
ins Spiel tretender Masse millionenfach so
groß ist, wie die rein chemische Energie.
Wir mögen daraus schließen, daß der For-
scher, welcher eine tiefe Wahrheit findet, der
Künstler, welcher ein dauerndes Kunstwerk
schafft, der Prophet, welcher die Menschheit
auf Jahrtausende beeinflußt, daß diese ihre
großen intuitiven Leistungen hervorbringen,
indem durch radioaktiven Atomzerfall gewaltige
Energiemengen die gewohnten geistigen Lei-
tungsbahnen durchfluthen, nicht dauernd, son-
dern plötzlich auf einmal. Plötzliche, mehr
oder minder unbewußte Einfälle werden von
fast allen großen Geistern als der Ursprung
ihrer größten Leistungen angegeben.

Prof. Or. L. Graetz

*0 kann man die Menschen hinführen?

Ich fürchte, nur immer wieder in den
Kampf! —

Agnetendorf Mai z9(t

Grrhaet Hauptmann

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